Spenderkinder kämpfen auch gegen einen Mythos, der stets angesprochen wird, sobald es um die Identität ihrer Erzeuger geht. Schnell ist von Unterhalts- und Erbanspruchsklagen die Rede. Dabei ist dies nur in Einzelfällen überhaupt ein Thema. Spenderkinder sind Wunschkinder. Ihre gesetzlichen Eltern übernehmen alle Rechte und Pflichten für sie.

Auch Sarah P. geht es nicht darum, ihren Erzeuger zu verklagen. Rechtlich wäre dies für sie auch gar nicht mehr möglich. Spenderkinder müssten innerhalb von zwei Jahren, nachdem sie erfahren haben, dass ihre Väter nicht ihre Erzeuger sind, die Vaterschaft ihrer sozialen Väter anfechten. Wenn sie das überhaupt wollten. Spätestens können sie dies bis zu ihrem 20. Geburtstag tun. Was auch vergessen wird: Nicht nur ein biologischer Vater wäre unterhaltspflichtig, wenn er identifiziert wäre, und das Spenderkind rechtlich keinen Vater mehr hätte. Auch das von ihm gezeugte Kind müsste unter Umständen mit Ansprüchen des biologischen Vaters rechnen.

Eine gesetzliche Regelung wünschen sich Spenderkinder, aber auch Reproduktionsärzte wie Andreas Hammel aus Erlangen dennoch: Samenspender müssen nicht nur vor finanziellen Forderungen ihrer leiblichen Kinder geschützt sein. Auskunftsrechte müssten auch gesetzlich geregelt werden. Ähnlich wie das Krebsregister könnte eine staatliche Institution die Daten von Samenspendern dokumentieren. Schließlich sollten lesbische Paare, die Ihre Partnerschaft eingetragen und Spenderkinder haben, die gleichen Rechte haben wie heterosexuelle Eltern von Spenderkindern.

Andreas Hammel leitet eine Samenbank und eine Praxis für Kinderwunschbehandlung. Er setzt sich dafür ein, dass das DI-Verfahren transparent für alle Beteiligten abläuft. "Mein Anliegen ist es, dieses Thema zu enttabuisieren", sagte er im ZDF Morgenmagazin. Er glaubt nicht, dass die Zahl der Samenspender nun abnimmt, weil Männer Ansprüche fürchten.

Seit 2007 sei eine anonyme Spende ja nicht mehr möglich. "Darüber sind die Spender unserer Klinik aufgeklärt und sie sind einverstanden, später Kontakt mit den Kindern zu haben." Wer dazu nicht bereit sei, komme als Spender nicht infrage.

Menschen wie Corinna Lobe und Sarah P. wollen Gewissheit. "Das Urteil des Oberlandesgerichts Hamm erkennt erstmals unsere Rechte und Bedürfnisse an", sagt Lobe. Ihre Mutter hatte sich, wie auch die Mutter von Sarah P., einst bei Thomas Katzorke behandeln lassen. "Ich fühle mich von diesem Mann bevormundet", sagt Lobe. Ihre Bitte zu erfahren, wer ihr Erzeuger ist, wies Katzorkes Klinik ab. Sie hätte doch einen Vater, und Gene seien nicht so wichtig.

Ähnlich war es Sarah P. ergangen. Vor Gericht hat sie Recht bekommen, doch ob sie ihren leiblichen Vater ausfindig machen kann, liegt nicht in ihrer Hand. Katzorke muss die Geheimhaltung aufgeben und die Daten preisgeben. Vor Gericht sagte der Mediziner allerdings, die Akten über Sarah P.s Spender existierten nicht mehr. Als Sarah P. 1991 gezeugt wurde, gab es noch keine rechtliche Verpflichtung, die Spenderinformationen jahrzehntelang aufzubewahren.

Lobe glaubt Katzorke nicht. Auch das Hammer Oberlandesgericht ist nicht überzeugt davon, dass der Name von Sarah P.s Spender nicht mehr zu ermitteln ist. Dazu seien die Aussagen des Mediziners zu widersprüchlich gewesen. Womöglich hadert Katzorke mit seinem Gewissen. Mehr als 20.000 Kinder hat er mit der DI ins Leben geholt, erzählt er gerne in Interviews. So viel wie kein anderer Arzt in Deutschland. Eine ganze Kleinstadt. Die Preisgabe der Namen ist für ihn Verrat. An den Spendern, denen er einst Anonymität versprach, und an deren Familien.

*Name von der Redaktion geändert

**Anm. d. Redaktion: Im Text hieß es zunächst, dass sich das Recht auf das Wissen um die Abstammung aus der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 ergebe. Das ist nicht ganz vollständig. Juristen leiten das Recht in Deutschland über ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1989 her. Die Stelle im Artikel wurde entsprechend geändert.