BeschneidungsgesetzGesetzgeber kannte nicht alle Risiken der Beschneidung

Das Beschneidungsgesetz basiert auf fragwürdigen Empfehlungen von US-Kinderärzten, behaupten zahlreiche Mediziner. Ihre Kritik sei zurückgehalten worden. von Raphael Kirchner

12. Dezember 2012: Der Bundestag beschließt mit deutlicher Mehrheit einen eilig erarbeiteten Gesetzentwurf. Er regelt, dass auch weiterhin Jungen in Deutschland beschnitten werden dürfen. Dem Gesetz waren wochenlange Debatten über Religion und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit vorausgegangen. Nun melden sich erneut Kinderärzte aus verschiedenen Nationen zu Wort. Hat der Bundestag damals unter falschen Annahmen seine Entscheidung getroffen? Das längst verabschiedete Beschneidungsgesetz beruft sich auch auf Empfehlungen der American Academy of Pediatrics (AAP), dem angesehenen US-amerikanischen Kinderärzteverband.

Die Darstellung der AAP vom 27. August 2012 dürfte damals viele Kritiker des Gesetzentwurfs besänftigt haben. Darin heißt es: Die Beschneidung Neugeborener berge zwar Risiken, diese würden aber von gesundheitlichen Vorteilen knapp, aber doch eindeutig überwogen. Dies gehe aus der Studienlage hervor.

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Dieses Fazit steht nun infrage. "Für uns ist absolut nicht nachvollziehbar, wie man das der Literatur entnehmen kann", sagt der Sexualmediziner Morten Frisch vom Statens Serum Institut in Kopenhagen. Zusammen mit 37 weiteren Autoren aus 17 Nationen kritisiert er die Empfehlung der AAP zur Beschneidung von Jungen scharf. Die Vorsitzenden von 19 europäischen Kinderärzteverbänden haben sich an der Kritik beteiligt.

Erschienen ist die Replik aber erst jetzt in Pediatrics, dem von der AAP herausgegebenen, weltweit einflussreichsten kinderärztlichen Magazin. Obwohl der AAP der Artikel schon Anfang September 2012 zur Veröffentlichung vorlag. Die Autoren berichten nun übereinstimmend von einer für den Wissenschaftsbetrieb unüblichen Verzögerung. Für Wolfram Hartmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Kinderärzte, sei damit der Eindruck entstanden, "die AAP versuche, die Veröffentlichung in Pediatrics zu verhindern, um sich einer offenen Diskussion nicht stellen zu müssen."

Die angeblichen Vorteile einer Beschneidung sind nicht haltbar

Hartmann war Ende November zu einer Anhörung über den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Beschneidung als Experte geladen. In seiner Stellungnahme sprach er sich entschieden gegen die Pläne der Bundesregierung zur Neuregelung der Beschneidung aus. Aus der nun erschienenen Kritik an der AAP-Empfehlung durfte Hartmann dabei nicht im Detail zitieren, geschweige denn sie im Volltext zur Verfügung stellen. "Das war unser Handicap. Der Bundestag hat sich dann ganz wesentlich auf die Stellungnahme der AAP berufen."

Die ist nach Ansicht der Kritiker nicht haltbar. Keiner der von der AAP angeführten Vorteile halte einer Analyse nach präventivmedizinischen Kriterien stand. Mitnichten schütze eine Beschneidung vor einer Reihe von Infektionen und Peniskrebs:

  • Harnwegsinfektionen treten nur bei einem Prozent der Säuglinge auf, die Komplikationsrate bei Beschneidungen ist dagegen doppelt so hoch. Es müssten also zwei Kinder Komplikationen erdulden, um einem Kind eine Infektion zu ersparen. Die Evidenz für den Schutzeffekt ist überdies unsicher.
  • HIV-Infektionen sind in den USA, wo 80% der Männer beschnitten sind, häufiger als in Europa, wo die Beschneidungsrate unter zehn Prozent liegt. Afrikanische Studien sind widersprüchlich, maximal wird ein 60-prozentiger Schutz für den Mann behauptet – für Frauen bietet die Beschneidung des Mannes keinen Schutz. Auf Kondome kann also nicht verzichtet werden.
  • Auch bei klassischen Geschlechtskrankheiten zählt man in den USA mehr Fälle als in Europa. Ein möglicher Schutz betrifft nur bestimmte virale Infektionen wie Herpes, nicht aber bakterielle Erkrankungen wie Syphilis. Kondome schützen umfassend.
  • Peniskrebs ist in der westlichen Welt extrem selten. Um einen solchen Fall zu verhindern, müssten Ärzte bis zu 322.000 Beschneidungen durchführen. In deren Folge sind statistisch bis zu 40 Todesfälle zu erwarten. Kondome schützen dagegen komplikationslos gegen die zugrundeliegende HPV-Infektion, die den Krebs auslöst. Im AAP-Papier werden Kondome aber gar nicht erwähnt.
Leserkommentare
  1. wurden im letzten Jahr immer und immer wieder von Kritikern angeführt

    Aber die wurden dann gleich als antisemitisch eingestuft.

    Traurig, für die Kinder, dass die Ideologie über die Vernunft siegt.

    174 Leserempfehlungen
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    werden die Vorteile relativiert. Ok. Auf der anderen Seite werden jedoch die Nachteile nicht thematisiert. Immer wieder wird mit Trauma argumentiert, jedoch fehlen dafür die Nachweise.
    Es geht hier nicht einfach um eine Ideologie. Sondern erstmal formal um den medizinischen Aspekt.
    Wenn man den ideologischen mit anführt, dann gibt es noch eine wichtigere Perspektive, die von den rationalen Kritikern ausser Acht gelassen wird. Das Kindeswohl ist auch ein psychologisches und für einen jungen kann es genauso traumatisch sein, nicht beschnitten zu sein, nicht den Gottesbund eingegangen zu sein, wie vielleicht eine Beschneidung. Es gibt hier nicht komplett richtig oder falsch. Gerade auch in Diskussionsrunden hört man immer wieder, dass es aus ideologischer Sicht es sehr viele Menschen gibt, die froh darüber sind, beschnitten zu sein, weil es Teil ihrer religiösen Identität ist. Ja, auch das ist ein Teil des Wohls. So sehr das Kind einen Anspruch auf Unversehrtheit hat, so sehr hat es nunmal auch das recht auf diese wichtige Identitätsstiftende Maßnahme. Zumindest muss man das mit in die Betrachtung mit einbeziehen und das wird sehr selten gemacht.
    Hoffentlich entwickelt sich jetzt nicht wieder so eine Hassdiskussion auf Religion.

    weil es Teil ihrer religiösen Identität ist,

    Was ist denn eine Religoese Indentitaet wert,die sowas Braucht?

    @lxththf Ok, wenn sich die Person durch die nicht vorhandene Beschneidung weniger Wert fühlt, dann es diese auch machen, aus eigener Überzeugung. Damit dürfte wohl keiner ein Problem haben.

    Umgekehrt kann man die Situation nicht mehr korrigieren.

  2. Der Artikel behandelt rein medizinisch-technische Fragen einer Beschneidng bei Jungen. Trotzdem wird als Aufmacher ein Bild einer jüdischen Beschneidungszeremonie verwendet. Eine religiöse Komponente wird aber im Artikel in keiner Weise angesprochen.
    Will die Redaktion hier also gleich wieder die pro und contar religiöse Beschneidungs-Debatte wiederbeleben? Ich denke, diese Debatte hat keine Siger gekannt und ist inzwischen auch durch Hysterisierung beinahe unmöglich geworden. Die wissenschaftlich-medizinische Frage dagegen ist eine für Fachleute aber doch wohl keine für die Feuilletons?

    19 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Leser,

    ich bin der Ansicht, dass das Bild – mit religiöser Komponente – die Debatte in Deutschland illustriert, um die es hier geht. Auch im Artikel wird sie angesprochen.

    Der Fall der Beschneidung in der jüdischen Kultur ist doch ein typischer, der in Deutschland stattfindet. Anders als in den USA, wo recht viele Männer sich beschneiden lassen, ohne religiöse Motivation.

    Ich finde die Verwendung dieses Bilder daher an dieser Stelle nicht problematisch.

    Herzliche Grüße.

    • Wyrd
    • 18. März 2013 15:13 Uhr

    ... die wissenschaftlichen FAKTEN zählen also nicht, wenn sie religiöse Gefühle verletzen? Wer außer der jüdischen und muslimischen Gemeinde lässt in Deutschland den häufig beschneiden?

    Liebe Redaktion, in Amerika lassen sich nicht recht viele Männer beschneiden, sondern werden zwangsweise verstümmelt(beschnitten) aus "kulturellen" Gründen, vie es so schön heist.....Die medizinische "Vorteile" werden erläutert um den Leuten angst zu machen, so das man diese Barberei denn doch "freiwillig" durchsetzen kann.

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/jk

    4 Leserempfehlungen
    • Kosyme
    • 18. März 2013 14:57 Uhr

    Die Frage , weshalb bei einem Informationszugewinn ein solches Gesetz nicht neu aufgelegt werden kann, stellt sich an dieser Stelle allerdings noch einmal.

    In anderen Religionen sind gewaltfreie Handlungungen oder althergebrachte symbolische Tradition doch auch möglich.
    Wäre es nicht vielleicht vorstellbar, so nach und nach dazu über zu gehen, statt ein scharfes Messer über einem wenige Tage alten Säugling zu zücken und ein kleines martialisches Blutbad anzurichten, lieber von Hand - vielleicht sogar behutsam und geduldig - eventuell eine kleine Mandarine zu schälen? Höchstens bis zur Hälfte, versteht sich. Als alternative rituelle Handlung. Symbolisch sozusagen.

    Um es dann anschließend ausgiebig zu feiern. Dieses unversehrte, auf Gemeinschaft angewiesene Menschenkind.

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    In einer Demokratie wäre jedes Gesetz jederzeit durch Mehrheitsbeschluß des Volkes zu ändern -- notfalls solange immer wieder, bis es zufrieden ist.

    Der Haken ist, daß Deutschland keine Demokratie ist.

    Hier entscheiden Parlamentarier, nachdem sie untereinander und mit Lobbygruppen, die sie für wichtig erachten (das Volk ist dabei nur eine unter vielen, und beileibe nicht die wichtigste) einen Kompromiß ausgekungelt haben.

    Und der wird nur umgestoßen, wenn es gar nicht mehr geht, z.B. weil eine wichtige Lobbygruppe richtig Stunk macht.

    Doch wer sollte das hier sein?

  4. Redaktion

    Lieber Leser,

    ich bin der Ansicht, dass das Bild – mit religiöser Komponente – die Debatte in Deutschland illustriert, um die es hier geht. Auch im Artikel wird sie angesprochen.

    Der Fall der Beschneidung in der jüdischen Kultur ist doch ein typischer, der in Deutschland stattfindet. Anders als in den USA, wo recht viele Männer sich beschneiden lassen, ohne religiöse Motivation.

    Ich finde die Verwendung dieses Bilder daher an dieser Stelle nicht problematisch.

    Herzliche Grüße.

    40 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bild und Artikel"
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    Nicht die Männer lassen sich beschneiden, sondern die Eltern entscheiden für die Kinder, dass sie beschnitten werden sollen. Oder sie werden gar nicht erst gefragt, da es zum Standardvorgehen nach der Geburt gehört.

    Wir haben Deutschland sehr viel mehr Muslime als Juden, die ihre Kinder beschneiden lassen. Warum wird bei der Beschneidung immer direkt eine Assoziation zu den jüdischen Mitbürgern hergestellt?
    In der ganzen Debatte wurde viel mehr über die jüdischen Rituale als über die muslimischen diskutiert. Warum diese ungleiche Behandlung?

    "USA, wo recht viele Männer sich beschneiden lassen"

    In den USA sind es eher die Kinder und Säuglinge und die werden Zwangsbeschnitten...

  5. bleibt immer noch ein Verstoß gegen die Menschlichkeit.

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    • YMB
    • 18. März 2013 16:31 Uhr

    Ich könnte genauso behaupten, dass das Verbot des Auslebens einer gesetzeskonform lebenden Religion ein Angriff auf menschliche Grundwerte darstellt.

    Aber ich will die Debatte nicht unnötig emotionalisieren.

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich beim konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/kvk

    an unsere Politiker, die ein Gesetz verabschiedeten, mit dem sie nicht mehr auf dem Boden unseres freiheitlich, demokratischen, rechtsstaatlichen, dem Menschenrecht verpflichteten GG stehen!

    Mich läßt die Erinnerung an den ersten Blick meines Kindes unmittelbar nach seiner Geburt nicht mehr los, das mir mit seinen Augen sein Vertrauen in mich, seine beschützende Mutter, mitteilte. Mein kleiner Sohn sagte mir so, dass er mir anvertraut wurde und er mir vertraut, ihn keinem Menschen und keinem Gott zu opfern! Sein Gesichtchen und seine Augen sagten mir, dass er wußte, sah und fühlte! Wie kann man dieses kleine Wesen im Stich lassen, mit einer Betäubung hintergehen und um sein Menschsein, seine Würde, betrügen?

    Dieses Erleben wird wohl die überwiegende Mehrzahl der Mütter mehr oder weniger bewußt in ihrer Erinnerung behalten haben. Und ich werde die Frage nicht los, warum sie nicht ihrem Beschützerinstinkt folgen, um ihre Kinder nicht dieser Folter auszusetzen.

    Unserer Justizministerin möchte ich das in ihr Gewissen schreiben. Das hätte sie bedenken müssen, als sie davon schwurbelte, der Wille des Kindes müsse berücksichtigt werden.

    Es gibt keinen Grund, erst recht keine Entschuldigung, Kinder dieser Folter auszusetzen. Am allerwenigsten einen biblischen. Abraham war ein Fürst, der seinen Besitz kennzeichnete.

    6." Jede Beschneidung an Kindern
    bleibt immer noch ein Verstoß gegen die Menschlichkeit"

    ...gegen die Menschlichkeit und gegen die Menschenwürde!
    ....aber nun gut,wenn Menschen ihre Kinder beschneiden (lassen),weiß man zumindest gleich wo man diese Eltern einzuordnen hat.

  6. Wer diese Runde bei PHOENIX gesehen hat, der hätte die Bedenken der Kinderärzte (insbesondere auf Traumata ("Jungs lassen sich nicht anfassen..") ) ernst nehmen können.

    Aber in diesem Land gilt in dieser Frage nicht das Gesetz, man lausche den klugen Einlassungen des Juraprofessors, sondern die Vorfahrt der religiösen Eiferer, die um Macht- und Kulturverlust fürchten. Dabei gibt es auch z.B. Juden, die ihre Kinder nicht beschneiden lassen.

    Meiner Meinung nach sollte kein Eingriff vor dem 18. Lebensjahr dieser Art legal sein. Es fehlt bei dieser Verstümmelung, die in unseren Breiten keine hygienische Notwendigkeit darstellt, an der Einwilligung des Betroffenen.

    Aber wer mag schon im Land der TV-Bundestage alá Jauch und Maischberger die Rechte von Kindern gegenüber Juden und Muslimen verteidigen? Da wird man schnell in die rechte Ecke gestellt... Dann lieber bei S21 aufregen...

    Unser Gesetz ist an sich eindeutig und die Praxis sollte unter Strafe stehen. Auch wenn die Strafverfolgung bei diesen Gesellschaftsfeldern sicher nicht licht wird.

    Ich halte dies jedenfalls für einen Fall, bei dem der Rechtsstaat, bevormundet von der politischen Klasse, nicht das Wohl der Kinder verteidigt.

    http://www.youtube.com/wa...

    96 Leserempfehlungen
  7. Was in dieser Liste meiner Meinung nach fehlt ist die Beeinträchtigung des Geschlechtsorgans, welches seine natürliche Funktionsweise einbüsst, wenn der Schnitt über das symbolisch notwendige hinaus geht.

    36 Leserempfehlungen
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    Substrahiert man den religiösen Kontext aus der Diskussion, dann bleibt die Frage, ob man eine medizinisch nicht-indizierte Operation an einem Neugeborenen durchführen darf, nur weil es die Eltern möchten.
    Darauf kann die Antwort nur ein entschlossenes Nein sein.
    Die Tatsache, dass wir trotzdem monatelang dieses Thema diskutieren und der Gesetzgeber schließlich ein blödsinniges Urteil fällt, zeigt einmal mehr, dass in Deutschland gesellschaftliche Debatten nach wie vor unter dem Damoklesschwert des Antisemitismus-Vorwurfs geführt werden müssen.
    Auch nach 70 Jahren spielen wir also weiter das alte Lied, das manchmal jegliche Vernunft übertönt....

    es ja wissen!

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