WHO-BerichtIn Europa wächst die Kluft zwischen Gesund und Ungesund

Im weltweiten Vergleich leben Europäer lange und gesund. Allerdings nicht in jeder Region: So sind die Sterblichkeitsraten im Osten weit höher als im Westen. von Jana Schlütter

Nirgendwo auf der Welt ist die Kindersterblichkeit so niedrig wie in Europa, in 28 von 53 Mitgliedsstaaten der WHO-Region sterben Menschen unter 65 Jahren häufiger an Krebs als an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, selbst die Zahl der Verkehrstoten sinkt. Der Europäische Gesundheitsbericht 2012, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in London vorstellte, birgt viele gute Nachrichten. Die Lebenserwartung erhöhte sich in den letzten drei Jahrzehnten um fünf Jahre. Wer heute in Europa geboren wird, wird im Durchschnitt 76 Jahre alt.

Regionale Unterschiede

"Trotzdem gibt es keinen Grund, allzu selbstzufrieden zu sein", sagt Claudia Stein, die Direktorin der Abteilung für Information, Evidenz, Forschung und Innovation der WHO-Region Europa. Sie und ihre Kollegen werteten Unmengen Gesundheitsdaten über die 900 Millionen Einwohner der 53 Mitgliedsstaaten zwischen Island und Kirgisistan, Malta und Norwegen aus.

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Zwar macht die Region große Fortschritte. Aber gleichzeitig werden die Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Ländern größer. So sind zum Beispiel die Sterblichkeitsraten im Osten viel höher als im Westen. "Der Bericht zeigt, dass sich in der Region weit verbreitete gesundheitliche Benachteiligungen hartnäckig halten und sich zum Teil noch verstärken", sagt Zsuzsanna Jakab, die WHO-Regionaldirektorin für Europa.

Lebenserwartung

Im europäischen Durchschnitt leben Frauen 80 Jahre, Männer dagegen nur 72,5 Jahre. Wie stark sich die Lebenserwartung der beiden Geschlechter unterscheidet, variiert von Land zu Land. In Deutschland werden Frauen mit 83,1 Jahren fünf Jahre älter als Männer. In manchen Ländern Osteuropas beträgt der Unterschied bis zu zwölf Jahre. "Das ist auch das Ergebnis eines gewissen Lebensstils", sagt Stein. Osteuropäische Männer rauchten zum Beispiel viel häufiger. Auch der Alkoholmissbrauch sei weiter verbreitet.

Demografie

Weil die Geburtenrate sinkt und die Lebenserwartung steigt, erhöht sich auch der Anteil der Menschen über 65 Jahre. Schon heute stellen sie 15 Prozent der Bevölkerung, im Jahr 2050 werden es 25 Prozent sein, so lautet die Prognose des Europäischen Gesundheitsberichts. "Wir sollten das feiern, statt es nur zum Problem zu erklären", sagt Stein. "Was wäre die Alternative? Ein vorzeitiger Tod."

Die Demografie der Region ändert sich auch auf andere Art und Weise: Mittlerweile leben etwa 70 Prozent der Europäer in der Stadt, Tendenz steigend. Der Anteil der Migranten wird ebenfalls größer. Etwa 73 von den 900 Millionen Menschen in der WHO-Region Europa haben ihr Heimatland hinter sich gelassen und bauen sich nun ein neues Leben auf. Unter ihnen sind besonders viele junge Frauen, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen. Diese Gruppe habe teilweise nur schwer Zugang zum Gesundheitsversorgung und teilweise andere Gesundheitsprobleme als der Rest der Bevölkerung, heißt es in dem WHO-Bericht.

Herz, Lunge, Krebs

Vier von fünf Todesfällen in der Region Europa gehen auf nicht-ansteckende Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden oder chronische Lungenerkrankungen zurück. In etwa 30 Prozent der Fälle trifft es einen Menschen unter 65 Jahren, ihr Tod gilt als vorzeitig.

Obwohl Krebs in vielen Mitgliedsstaaten Todesursache Nummer eins unter den nicht-ansteckenden Krankheiten ist, ist das im europäischen Durchschnitt anders. Mehr als die Hälfte der Todesfälle gehen auf das Konto von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nur jeder fünfte erlag einem Krebs. Verletzungen und Vergiftungen verursachten neun Prozent der Todesfälle.

Eng damit verbunden sind die Risikofaktoren, denen sich die Menschen aussetzen. So rauchen immer noch 27 Prozent der Menschen ab 15 Jahren – mehr als in allen anderen WHO-Regionen. Vor allem im Osten sei außerdem der Alkoholmissbrauch weit verbreitet. Der Alkoholkonsum schwanke zwischen 0,5 Litern (in Tadschikistan) und 21 Litern Alkohol pro Kopf und Jahr (in Luxemburg).

Auch Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung machten die Menschen der Region krank. "In manchen Gegenden kann das einen gesunden Menschen bis zu acht Monate seines Lebens kosten", sagt Stein. "Das ist beschämend."

Nachdem die Suizidrate bis in die neunziger Jahre stieg, ging sie danach um bis zu 40 Prozent zurück. Der Trend verlangsamte sich seit der Wirtschaftskrise.

Infektionskrankheiten

Ansteckende Krankheiten seien in Europa zwar seltener als in anderen Teilen der Welt. Doch in Osteuropa und Zentralasien steige die Zahl der HIV-Infizierten weiter, betonen die Autoren. Allein zwischen 2004 und 2011 habe sich die Zahl verfünffacht. Auch Tuberkulose werde ein immer größeres Problem, denn die Waffen gegen die Krankheit werden stumpf. Oft ist sie aufgrund von Resistenzen kaum noch behandelbar. Schon jetzt verursacht die "weiße Pest" 40 Prozent der Todesfälle durch Infektionen.

Sorgen macht den Experten auch, dass es in der Region immer wieder Ausbrüche von Krankheiten wie Röteln, Masern und Polio gibt, die durch Impfungen vermeidbar wären.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • tb
    • 14. März 2013 14:49 Uhr

    ... wer noch nicht genügend untersucht wurde!

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    ... scho der Professor Hallerstein (unnachahmlich: Walter Sedlmayr) zum Franzl sei'm Schpotzl g'sagt: "Woaßt, Annette, mir ha'm da a neie Maschin, do gehst vorn pumperlgsund nei, und hinten kommst todkrank wieder raus."

    • TDU
    • 14. März 2013 14:54 Uhr

    Sind die Lebensverhältnisse und die aufgezwungenen Denkweisen wie vor hundert Jahren wird der Durchschnitt auch nur so alt wie vor hundert Jahren.

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  1. Kann es sein, dass hier reiner Alkohol gemeint ist? Oder haben Tadschiken, die einmal auf dem Münchner Oktoberfest eine Maß Bier trinken, tatsächlich bereits die doppelte Jahresration intus??

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    • GDH
    • 14. März 2013 18:00 Uhr

    Freilich wird die Alkoholmenge gemeint sein und nicht die Menge an alkoholhaltigen Getränken. Sonst könnte man die Zahlen ja garnicht vergleichen, weil verdünnter Alkohol dann nach viel mehr aussähe (und entsprechend die Biertrinker auf viel größere Mengen kämen als die Schnapstrinker).

    Bei den 21l/Jahr in Luxemburg frage ich mich außerdem, ob hier nicht einfach die verkaufte Menge gemeint ist und Leute aus den Nachbarländern für viel davon verantwortlich sind (es sich also garnicht um den echte Konsum/Kopf handelt).

  2. bei den Krebserkrankungen, die besonders häufig in Deutschland und in Italien zu verzeichnen sind, wie auch aus einem netten neuen Tool der Süddeutschen Zeitung hervorgeht: http://www.sueddeutsche.d...

    Auch interessant, dass die größten Säufer angeblich aus Luxemburg kommen sollen :-) Ich schätze mal, da hat die dortige attraktive Alkoholbesteuerung in Verbund mit den zahlreichen Grenzgängern die Statistik ein wenig verfälscht...

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  3. "So sind die Sterblichkeitsraten im Osten etwa weitaus höher als im Westen." – wo sind denn die so viel "mehreren" Unsterblichen im Westen?

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  4. ... scho der Professor Hallerstein (unnachahmlich: Walter Sedlmayr) zum Franzl sei'm Schpotzl g'sagt: "Woaßt, Annette, mir ha'm da a neie Maschin, do gehst vorn pumperlgsund nei, und hinten kommst todkrank wieder raus."

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    Antwort auf "Gesund ist nur"
    • GDH
    • 14. März 2013 18:00 Uhr

    Freilich wird die Alkoholmenge gemeint sein und nicht die Menge an alkoholhaltigen Getränken. Sonst könnte man die Zahlen ja garnicht vergleichen, weil verdünnter Alkohol dann nach viel mehr aussähe (und entsprechend die Biertrinker auf viel größere Mengen kämen als die Schnapstrinker).

    Bei den 21l/Jahr in Luxemburg frage ich mich außerdem, ob hier nicht einfach die verkaufte Menge gemeint ist und Leute aus den Nachbarländern für viel davon verantwortlich sind (es sich also garnicht um den echte Konsum/Kopf handelt).

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    Antwort auf "Alkoholkonsum"
  5. Komisch, dass Dänemark so schleht abschneidet. Drittreichstes Land, wenig Raucher, mittlerer Alkoholkonsum, aber das westliche Land mit der niedrigsten Lebenserwartung, deutlich niedriger als in D, Schweden, Norwegen. Knapp vor den Ostländern. Kein Wort dazu im Bericht, ist mir aber aufgefallen. aj

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    • postit
    • 16. März 2013 13:08 Uhr

    die Lebenserwartung in Dänemark hat jahrelang stagniert und ist im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern NICHT mehr gestiegen, hat ab etwa 1995 aber auch wieder zugelegt.

    Angeblich war dort aber auch das Rauchen, insbesondere bei den Frauen, schuld. Merkwürdig ist es trotzdem, weil die Stagnation etwas abgeschwächt auch bei der Lebenserwartung der Männer zu sehen war. Für mich sieht es so aus, als hätte jemand im Jahr 1995 eine angezogene Handbremse wieder freigegeben.

    Schönes Wochenende
    postit

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