GeburtenPseudonyme Geburten brauchen vor allem Vertrauen

Die Familienministerin will vertrauliche Geburten einführen. Das ist nicht schlecht, aber die Beratung der Mütter bringt mehr. Und Babyklappen regelt Schröder auch nicht. von 

Bereits vier Mal stand Michael Abou-Dakn mit einem Fuß im Gefängnis. Immer dann, wenn dem Chefarzt des St. Joseph Krankenhauses in Berlin-Tempelhof eine Frau gegenüber saß, die partout ihren Namen nicht preisgeben wollte. Sein Problem: Die Frau hatte in seiner Klinik ein Kind geboren. Das darf in deutschen Kliniken nach derzeitiger Gesetzeslage nicht geschehen. Tatsächlich aber, so ermittelte das Deutsche Jugendinstitut (DJI), mussten Ärzte zwischen 1999 und 2010 mehr als 650-mal einen Ausweg aus dieser Bredouille finden. Entweder, sie überzeugten die Frau, ihre Daten einer Vertrauensperson zu übergeben – oder sie machten sich strafbar.

Der heute von Familienministerin Kristina Schröder vorgelegte Gesetzesentwurf soll das Dilemma entschärfen. Er ermöglicht die sogenannte vertrauliche Geburt. Ziel sei es, für schwangere Frauen in Notlagen einen Ausweg zu finden und "die für Mutter und Kind riskanten heimlichen Geburten außerhalb von medizinischen Einrichtungen so unnötig wie möglich zu machen sowie Fälle zu verhindern, in denen Neugeborene ausgesetzt oder getötet werden", heißt es beim Bundesfamilienministerium. Schwangere Frauen können demnach unter einem Pseudonym ihre Kinder bekommen, ihr Name wird dann erst nach 16 Jahren und nur auf Wunsch des Kindes offengelegt.

Denn die Zwickmühle betrifft nicht nur die Ärzte. "Da geht es auch um das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft", sagt die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Christiane Woopen. Das steht der Notsituation der schwangeren Frau, die ihren Namen nicht nennen will, gegenüber. In einer Stellungnahme plädierte der Ethikrat bereits 2009 für die vertrauliche Geburt. Beratung und Unterstützung sollten der Frau ja gerade dabei helfen, die Notlage zu überwinden.

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Babyklappen sind nicht berücksichtigt

Falls die Mutter sich doch noch "für ein Leben mit dem Kind entscheidet", so Familienministerin Schröder, kann sie bis zum Adoptionsbeschluss – also etwa innerhalb der ersten zwölf Monate – ihr Kind abholen, "wenn sie die dafür erforderlichen Angaben macht und das Kindeswohl nicht gefährdet wird".

Dennoch erntet der Gesetzentwurf auch Kritik. "Der Forderung nach bundesweit einheitlichen Standards für die Angebote der anonymen Kindsabgabe und der anonymen Geburt findet keine Berücksichtigung", sagt ein Sprecher der Berliner Gesundheitsverwaltung. Tatsächlich bleiben etwa Babyklappen auch mit diesem Gesetzentwurf in einer rechtlichen Grauzone. Derzeit werden sie unter der Obhut der Länder geduldet. Eigentlich wollte Schröder mit dem Gesetz die Babyklappen überflüssig machen und abschaffen.

Tatsächlich beschränkt sich der Entwurf nun auf die Aussage, dass das Bundesfamilienministerium bis zum Inkrafttreten des Gesetzes am 1. Mail 2014 gemeinsam mit allen Beteiligten, also mit den Ländern, Kommunen, Verbänden und der Freien Wohlfahrtspflege für die Betreiberseite sogenannte untergesetzliche Standards entwickeln wird. Berlin allerdings ist in dieser Arbeitsgemeinschaft nicht vertreten. Ja den Ländern liegt der aktuelle Gesetzentwurf noch gar nicht vor, wie ein Sprecher der Berliner Senatsverwaltung sagt.

Anonyme Beratung ist wichtig

Dass man auch so jene Frauen erreichen kann, die eigentlich unbekannt bleiben wollten, zeigt das Berliner St. Joseph Krankenhaus. Dort konnte bislang jede der 22 Mütter, die ihr Kind anonym übergeben wollten, überzeugt werden, ihren Namen zu hinterlegen.

Der Berliner Chefarzt Abou-Dakn fordert vor allem, dass Frauen in den Krankenhäusern anonym beraten werden, wie es seit 2011 verpflichtend ist. "Das Vertrauen haben wir der Beratung unserer Sozialarbeiterin sowie unseren Nonnen zu verdanken, bei denen der Name hinterlegt wird", so Abou-Dakn. Oftmals würden die Frauen die Alternativen zu einer anonymen Geburt auch gar nicht kennen, sagt er. Deshalb sei es so wichtig, ihnen Alternativen anzubieten.

Vier der 22 Mütter sind übrigens im Anschluss an die Geburt zurückgekommen und hätten ihre Kinder wieder abgeholt. "Das ist immerhin ein Fünftel", sagt Abou-Dakn.

Ob sich die Zahl der getöteten Kinder durch die vertrauliche Geburt reduzieren lässt, wie es sich die Ministerin erhofft, bezweifelt er jedoch. "Mütter, die ihre Kinder umbringen, sind in einer derartigen psychischen Ausnahmesituation, dass man sie auch mit solchen Angeboten nicht erreicht." In Deutschland werden jährlich bis zu 35 Kinder direkt nach der Geburt getötet oder ausgesetzt. Das werde man nicht völlig verhindern können.

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Leserkommentare
  1. Oder meinten Sie vielmehr "anonyme" Geburten, so wie auch im Text
    genannt ?
    Es gibt Pseudonyme bei Autoren, Schauspielern, Sportlern, etc. - aber
    schon bei Babys ???

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    Pseudo-anonyme Geburten sagen. Passt vielleicht besser ;)

    • dp80
    • 13. März 2013 15:55 Uhr

    Ein Hauptproblem ist doch, dass - was auch immer als gesetzliche Regelung gerade mal gilt - niemand die Mutter davor schützen kann, dass die Gesetze sich in ferner Zukunft ändern. Wenn man ihr heute Anonymität zusichert, heißt das noch nicht, dass das für die nächsten 30 Jahre gelten wird.

    Das Problem haben jetzt ja die Samenspender, die damals davon ausgegangen sind, in Anonymität bleiben zu können. Heute haben sich die Moralvorstellungen geändert, und schon sieht alles anders aus.

    4 Leserempfehlungen
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    • Gibbon
    • 13. März 2013 16:40 Uhr

    Auch das neue Unterhaltsrecht wurde auf bereits bestehende Partnerschaften angewandt, so dass Frauen, die sich vor zwanzig Jahren für ein Hausfrauendasein entschieden hatte (und damals davon ausgehen konnten, versorgt zu sein) nun plötzlich für ihren Unterhalt selbst sorgen müssen, obwohl sie vielleicht aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Berufserfahrung das gar nicht leisten können.
    Eigentlich müssten Gesetze ihre Vergangenheit berücksichtigen. So wäre es problemlos möglich gewesen, sowohl bei Samenspendern als auch bei Unterhaltszahlungen dies auf Samenspenden bzw. neugeschlossene Partnerschaften ab Geltungstag des neuen Gesetzes zu beschränken und für vergangene Entscheidungen Bestandsschutz zu wahren.

  2. Pseudo-anonyme Geburten sagen. Passt vielleicht besser ;)

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  3. Ich wünsche dem Anliegen Erfolg, würde aber das Fortbestehen der Möglichkeit zur völlig anonymen Geburt begrüßen. Vor dem Recht des Kindes auf seine Herkunft sollte das Recht des Kindes auf Leben stehen - und wenn jetzt Mütter aufgrund des Wegfalls der Möglichkeit einer anonymen Geburt ihr Kind illegal abtreiben lassen oder heimlich gebären und töten, dann ist diesem Kind mit dem neuen Gesetz nicht geholfen worden.

    Und bevor hier gleich wieder Vergleiche mit den Samenspendekindern gezogen werden: Diese hätte es ohne Samenspende nie gegeben. Aber die ungewollten Kinder von Müttern, in welcher Lage auch immer, gibt es bereits - und wenn sie nicht anonym zur Welt gebracht werden können, werden vielleicht noch mehr von ihnen abgetrieben oder nach der Geburt im Wald mit Laub erstickt.

    Ich würde lieber die Chance auf Leben haben und dabei nicht wissen, wer meine Mutter ist, als gar nicht erst zu leben oder gleich getötet zu werden.

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    und Abtreibung unter bestimmten Bedingungen nicht.
    Angeblich haben Babyklappen die Kindstötungen auch nicht vermindert.
    Die jetzige Situation ist unter der Berücksichtigung des Rechtes auf Kenntnis der eigenen Abstammung nicht mehr fortführbar und eine Zumutung für Klinikpersonal und vor allem für die betroffenen Kinder.
    Eine Schwangerschaft fällt nicht vom Himmel und muß auch nicht ausgetragen werden. Wer dennoch ein Kind zur Welt bringt, muß sich ein Mindestmaß an Verantwortlichkeit gegenüber diesem Menschen zumuten lassen.
    Und wenn es nur ist, die Identität preiszugeben und den Kontakt möglich zu machen.

  4. Für Frauen, die die ganze Schwangerschaft verdrängen und dann von der Geburt überrascht werden (und die Geburt geheimhalten wollen), ist das anonyme Geburt-Konzept ziemlich aufwendig und erfordert durchaus Planung und Vorbereitung.
    Für die, die aber sowas von nicht in 16 Jahren mit einem lästigen Teenager konfrontiert werden wollen, den sie als Baby weggegeben haben, ist das die Einladung zur Abtreibung. Wer, bitte, bringt ein Kind anonym zur Welt, wenn das selbe Kind dann in 16 Jahren an der Tür klingelt, wahrscheinlich bittere Vorwürfe macht und man sich dann erst recht damit auseinandersetzen muss?

    Ich finde es übrigens auch den Samenspendern gegenüber ungerecht, denen Anonymität versprochen wurde, und die diesbezüglich gar keine Rechtssicherheit besitzen.

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    Anonyme Geburt und Abtreibung passen nicht so recht zusammen in diesem Kontext.

    Das Zeitfenster für einen Schwangerschaftsabbruch ist ja bekanntlich nicht gerade üppig: 12 Wochen nach Befruchtung bzw. 14 Wochen nach der letzten Regelblutung.

    Eine Schwangere in einer Notsituation kann sich also nach Ablauf der Frist nicht umentscheiden. Wenn sie die Schwangerschaft erstmal verdrängt, schlägt sie ohnehin in keiner Frauenarztpraxis und keiner Schwangerschaftsberatung auf. Sie hat dann gar keine andere Wahl, als das Kind zu entbinden, im Zweifelsfall eben irgendwie, in der Badewanne, auf dem Klo...

    Die Praxis hat bislang zumindest gezeigt, daß viele anonym gebärende Frauen durch einfühlsame Ärzte/Personal durchaus überzeugt werden konnten, ihre Identität bei einer Vertrauensperson zu hinterlegen.

    Ob "anonyme" oder "vertrauliche" Geburt ist daher eher nebenrangig, wenn wir gleichzeitig Präventions- und Notfallangebote für jene Frauen schaffen, die bis zur Geburt durch sämtliche sozialen und gesundheitlichen Vorsorgenetze gefallen sind. Dazu gehören meiner Ansicht nach auch Enttabuisierung des Themas durch verstärkte mediale Aufklärung, bundesweite Notfallnummern und anonyme Beratungsstellen.

  5. und Abtreibung unter bestimmten Bedingungen nicht.
    Angeblich haben Babyklappen die Kindstötungen auch nicht vermindert.
    Die jetzige Situation ist unter der Berücksichtigung des Rechtes auf Kenntnis der eigenen Abstammung nicht mehr fortführbar und eine Zumutung für Klinikpersonal und vor allem für die betroffenen Kinder.
    Eine Schwangerschaft fällt nicht vom Himmel und muß auch nicht ausgetragen werden. Wer dennoch ein Kind zur Welt bringt, muß sich ein Mindestmaß an Verantwortlichkeit gegenüber diesem Menschen zumuten lassen.
    Und wenn es nur ist, die Identität preiszugeben und den Kontakt möglich zu machen.

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    Ja, Babyklappen bieten die Möglichkeit eine Straftat zu begehen. Aussetzung ist strafbewehrt. Wenn der Staat der Mutter habhaft wird, muss er diese Tat zur Anzeige bringen.
    Hier sind Babyklappen nicht weniger Kompromiss als das Absehen von Strafverfolgung unter bestimmten Bedingungen bei Abtreibung. Denn Abtreibung ist nach wie vor illegal. Man wollte lediglich verhindern, dass die Frauen weiterhin zur "Engelmacherin" gehen, um das Leben der Frauen zu schützen.
    Ein ebensolcher Kompromiss ist die Babyklappe: Von Verfolgung der Straftat wird abgesehen, um das blanke Leben wenigstens bestmöglich bewahren zu können. Oder ist eine Kirchentür zu menschenleerer Stunde wirklich die bessere Alternative.
    Es ist doch nicht der Regelfall. Es sind zum Glück seltene Ausnahmefälle.

    • EKGT
    • 13. März 2013 16:53 Uhr

    Die meisten Kinder, die in der heutigen Zeit in Deutschland geboren werden, sind erwünscht.
    In den - verhältnismäßig seltenen- Situationen, in denen eine Frau derart mit ihrem Leben überfordert ist, dass sie eine anonyme Geburt wünscht, halte ich es für pragmatischer, zunächst mal nur zu helfen, das Kind auf die Welt zu holen und danach zu verhandeln, ob sie nicht doch willens ist ihre Personalien für eine spätere Auskunft an das Kind anzugeben. Falls nicht, täte es mir für das Kind leid. Schlimmer allerdings würde ich es finden, wenn Baby oder Mutter aus Angst vor den Konsequenzen der Personalangabe zu Schaden kämmen.

  6. und mehr Hinweise darauf wo die sich befinden und das da nicht gefilmt und verfolgt wird ist sicherlich eine sehr praktikable Lösung.

    Anonym ein Baby zur Adoption frei geben ist meiner Meinung nuch nicht erforderlich. Wenn sich eine junge Mutter nicht eignet aus fachlicher Sicht ein Baby zu behalten müsten ja alle Mütter getestet werden, das dürfte so nicht funktionieren. Missbrauch und Gewalt an Kindern erleben wir hier in Berlin täglich, zumeist wäre für diese eine Adoption oder Babyklappe besser gewesen.

    In den Medien steht auch häufig das die Mutter mit den vielen Kindern alleine nicht klar kam und deshalb Übergriffe stattfanden, vielleicht auch deshalb weil die Sozialsysteme eine Kindesabgabe nicht berücksichtigen und hier Einnahmen für solche Mütter wichtiger sind als das Wohl der Kinder,

    • Gibbon
    • 13. März 2013 16:40 Uhr

    Auch das neue Unterhaltsrecht wurde auf bereits bestehende Partnerschaften angewandt, so dass Frauen, die sich vor zwanzig Jahren für ein Hausfrauendasein entschieden hatte (und damals davon ausgehen konnten, versorgt zu sein) nun plötzlich für ihren Unterhalt selbst sorgen müssen, obwohl sie vielleicht aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Berufserfahrung das gar nicht leisten können.
    Eigentlich müssten Gesetze ihre Vergangenheit berücksichtigen. So wäre es problemlos möglich gewesen, sowohl bei Samenspendern als auch bei Unterhaltszahlungen dies auf Samenspenden bzw. neugeschlossene Partnerschaften ab Geltungstag des neuen Gesetzes zu beschränken und für vergangene Entscheidungen Bestandsschutz zu wahren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kristina Schröder | Bundesfamilienministerium | Arzt | Babyklappe | Geburt | Krankenhaus
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