Ein chinesischer Laborant hält ein Gefäß mit Viren hoch. © epa Ci Tu / dpa

Seit Jahrzehnten verfolgen Wissenschaftler aus aller Welt die gleiche Idee: Sie wollen im Labor ein Virus erschaffen, das so tödlich ist wie die Vogelgrippe und so ansteckend wie die Schweinegrippe, die 2009 eine Pandemie mit rund 18.000 Toten auslöste.

Nicht etwa, um eine neue Biowaffe kreieren. Sondern, um sich für den Ernstfall zu wappnen, dass so ein "Killervirus" in der Natur entsteht und eine Pandemie auslöst. "Dass der Vogelgrippe-Erreger infektiös wird, ist eine reale Gefahr", argumentierte der Holländer Ron Fouchier, dem es 2011 erstmals gelang, die beiden Virustypen zu kreuzen. "Anstatt abzuwarten, sollten wir uns darauf vorbereiten."

Auch in China, wo der Vogelgrippe-Erreger A/H5N1 alle paar Jahre Geflügelseuchen auslöst und hin und wieder Menschen infiziert, haben sich Forscher diesem Ziel verschrieben.

Der Virologe Hualan Chen vom Harbin Veterinary Research Institute und sein Team haben im Reagenzglas das Erbgut von Schweinegrippe- und Vogelgrippe-Erregern gekreuzt und auf diese Weise 127 neue Virustypen erschaffen. Sie alle tragen die genetischen Eigenschaften beider Erreger in sich. 

Wie die Forscher im Fachmagazin Science berichten, waren einige dieser künstlich erschaffenen Virus-Mixturen tatsächlich in der Lage, sich nicht nur unter Vögeln, sondern auch unter Säugetieren auszubreiten: "Als wir unsere Hybrid-Viren in Meerschweinchen schleusten, steckten sie binnen weniger Wochen auch ihre Artgenossen damit an", sagt Hualan Chen. "Die von uns produzierten Viren waren also deutlich infektiöser sind als die natürlichen."

Bei den neuen Erregern handelt es sich zwar immer noch um Viren des Typs H5N1, der für die meisten Säuger nicht ansteckend ist. Doch durch die Kreuzung haben sie eine entscheidende Eigenschaft vom Schweinegrippe-Erreger "geerbt", die sie von gewöhnlichen Vogelgrippeviren unterscheidet: Sie tragen bestimmte Eiweiße auf ihrer Oberfläche, mit denen sie sich in den oberen Atemwegen von Säugetieren verankern können, also in der Nasen- und Mundschleimhaut.

Von dort aus werden sie bei jedem Husten oder Niesen durch die Luft geschleudert und können somit leicht zum nächsten Tier überspringen. Genau diese Eiweiße fehlten den natürlichen Vogelgrippe-Typen. Sie finden bei Säugern, wenn überhaupt, nur tief in der Lunge Halt – keine gute Voraussetzung für eine schnelle Verbreitung.

Wie gefährlich sind die Labor-Viren?

Der Virusforscher Chen hält es für möglich, dass die von ihm geschaffenen Virus-Hybride auch durch natürliche Mutation in der Natur entstehen könnten. "Dann wäre auch eine Verbreitung unter Menschen möglich", sagt der Virusforscher. 

Ob das für den Menschen gefährlich wäre, weiß er allerdings nicht. Die infizierten Meerschweinchen haben die Infektion überlebt. Ob ein Virus lebensbedrohliche Symptome auslöst, hängt aber immer vom Wirt ab. Wie der menschliche Körper auf die Viren reagieren würde, kann man mithilfe von Tierversuchen also nicht abschätzen.

Trotzdem hält Chen seine Ergebnisse für wertvoll. "Sie zeigen, welche genetischen Schalter ungefährliche zu gefährlichen Viren umwandeln." Je genauer man diese Schalter kenne, umso leichter sei es, Medikamente und Impfstoffe dagegen zu entwickeln.

Der deutsche Virus-Experte Bernhard Ruf von der Klinik für Infektiologie, Tropenmedizin und Nephrologie am Klinikum St. Georg in Leipzig hält solche Hoffnungen für realitätsfern. "Die Forscher haben ein künstliches Laborvirus geschaffen. Ob das in dieser Form je in der Natur vorkommen wird, steht in den Sternen", sagt er. Einen Impfstoff dagegen zu entwickeln, sei daher sinnlos.

Falsche Hysterie um Killerviren?

Seiner Meinung nach ist die Angst vor neuen Killerviren sowieso übertrieben. "H5N1 und H1N1 existieren schon seit Jahren nebeneinander und haben sich bis jetzt noch nicht von selbst gekreuzt – ich glaube nicht, dass die Gefahr überhaupt besteht." Experimente wie Ron Fouchier oder die Forschergruppe um Chen sie durchführen, hält er für "interessant". Ihren praktischen Nutzen zweifelt er an.   

In der Grundlagenforschung ist der praktische Nutzen gewöhnlich zweitrangig, denn ihr Ziel sei der Erkenntnisgewinn. Nach Ansicht vieler Bioethiker sind Versuche mit "Superviren" eine Ausnahme, da sie eine potenzielle  Gefahr für den Menschen darstellen, etwa als Biowaffen, oder, wenn sie durch ein Missgeschick aus den Hochsicherheitslaboren entweichen.

Bei so gefährlichen Experimenten müsse der Nutzen die Risiken überwiegen, schrieb etwa Thomas Inglesby vom Center for Health Security der Universität Pittsburgh im Fachjournal Biosecurity and Bioterrorism. Wie Ruf ist auch er der Ansicht, dass "die spekulativen Hoffnungen" auf mögliche Impfstoffe die Gefahren der Supervirus-Experimente nicht rechtfertigen.

Auch in Deutschland ist noch nicht abschließend geklärt, ob die Versuche ethisch vertretbar sind. In der vergangenen Woche hat der Deutsche Ethikrat sich mit dieser Frage beschäftigt. Auf eine klare Position konnten sich die Mitglieder noch nicht einigen.