Vogelgrippe"Eine Pandemie ist unwahrscheinlich"

In China sind zwei Menschen an einem kaum erforschten Vogelgrippe-Erreger gestorben. Im Interview sagt der Virologe Bernhard Ruf, warum er keinen Grund zur Panik sieht. von 

ZEIT ONLINE: Herr Ruf, in China sind zwei Menschen an einer Infektion mit dem Vogelgrippe-Erreger des Typs A/H7N9 gestorben. Was ist das für ein Virus?

Bernhard Ruf: A/H7N9 ist eine Variante des Vogelgrippe-Erregers, die bislang kaum erforscht ist. Sie wurde schon vor Jahren bei Zugvögeln nachgewiesen, die selbst nur als Wirte fungieren, also nicht an dem Erreger erkranken. Bis jetzt galt diese Virusvariante als harmlos, weil sie – wie auch das schon länger bekannte H5N1 – normalerweise nicht auf Menschen übertragen wird. Das Virus ist auf Vögel spezialisiert. Ihm fällt es schwer, sich in der menschlichen Lunge festzusetzen.

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ZEIT ONLINE: Bei den verstorbenen Chinesen ist es ihm offenbar gelungen.

Ruf: Ja, das ist äußerst ungewöhnlich und nur dadurch erklärbar, dass die beiden Betroffenen direkten Kontakt mit infizierten Vögeln hatten. Sie müssen enorme Mengen des Virus eingeatmet haben – nur so ist eine Ansteckung überhaupt möglich.

Bernhard Ruf
Bernhard Ruf

Bernhard Ruf ist Leiter der Klinik für Infektiologie, Tropenmedizin und Nephrologie am Klinikum St. Georg in Leipzig.

ZEIT ONLINE: Besteht die Gefahr, dass dieses Virus eine Epidemie auslöst?

Ruf: Nein, ich sehe keinen Grund zur Panik. Denn um eine Epidemie oder Pandemie auszulösen, müsste das Virus von Mensch zu Mensch ansteckend sein. Menschliche Influenzaviren – wie sie zum Beispiel bei den alljährlichen Grippewellen kursieren – haben bestimmte Eiweiße auf ihrer Oberfläche, mit denen sie sich in den oberen Atemwegen von Menschen verankern können, also der Mundhöhle und der Nasenschleimhaut. Wenn der Infizierte hustet oder niest, werden Milliarden dieser Viren durch die Luft geschleudert und befallen den nächsten Menschen. Das geht immer so weiter und binnen weniger Tage haben sich Tausende Menschen infiziert – so funktionieren Epidemien. Den A/H7N9-Viren fehlen diese Eiweiße. Sie können sich nur tief in der Lunge festsetzen. Sie werden also nicht so leicht wieder ausgehustet und können somit auch nicht auf andere Menschen übergehen.

ZEIT ONLINE: Grippeviren sind dafür bekannt, dass sie häufig mutieren, also ständig ihre Gestalt verändern. Könnte sich das A/H7N9 in eine für Menschen ansteckende Variante verwandeln?

Ruf: Ja, das ist theoretisch möglich. Dazu müsste sich A/H7N9 mit einem menschlichen Grippe-Erreger kreuzen, der die beschriebenen Verankerungseiweiße für die menschlichen Atemwege trägt. Die beiden Virusvarianten müssten sich dazu in einem Wirt treffen und ihr Erbgut mixen. Ein typisches Wirtstier ist das Schwein, weil es für alle Virustypen empfänglich ist. Wenn ein Schwein sich also mit beiden Viren – A/H7N9 und einer ansteckenden Variante – infizieren würde, könnte ein neues Virus entstehen, das auch Menschen befällt.

Das ist auch 2009 bei der Schweinegrippe passiert: Damals hat ein menschliches Grippevirus ein Schwein befallen, das Vogelgrippeviren in sich trug. Entstanden ist das Virus A/H1N1, das Erbgut von Schweine-, Vogel- und auch Menschenviren enthielt. Die Gefahr, dass A/H7N9 für Menschen ansteckend wird, halte ich aber für gering. Das ist schon der Variante A/H5N1 nicht gelungen – und die grassiert in Asien schon seit mindestens zehn Jahren. Eine A/H7N9-Pandemie ist äußerst unwahrscheinlich.

ZEIT ONLINE: Wenn ein paar Mutationen reichen, um ein lebensbedrohliches Virus für Menschen ansteckend zu machen, ist das beängstigend. Gibt es keine Möglichkeit, dem vorzubeugen?

Ruf: Nein, derzeit ist es nur möglich, zu beobachten, wie sich Grippeviren verändern und ausbreiten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat dazu vor etwa 50 Jahren das Überwachungssystem Global Influenza Surveillance and Response System (GISRS) etabliert, das die Verbreitung der verschiedenen Influenzatypen dokumentiert. Das ist wichtig, um gefährliche Virusvarianten frühzeitig zu entdecken und möglichst schnell entsprechende Impfstoffe und Therapien dagegen zu entwickeln.

ZEIT ONLINE: Bei den umstrittenen Supervirus-Experimenten an der Erasmus-Universität in Rotterdam erzeugen Forscher gefährliche und ansteckende Grippeviren im Labor. Sind diese Experimente sinnvoll, um sich auf solche Viren vorzubereiten?

Ruf: Diese Experimente sind mit Sicherheit interessant, aber sie haben mit der Realität wenig zu tun. Wer weiß, ob die Viren, die Ron Fouchier und seine Mitarbeiter im Labor erschaffen, jemals in der Natur entstehen würden? Und wer sagt, dass die Impfstoffe, die die Wissenschaftler gegen das sogenannte Supervirus entwickeln, auch gegen andere Virustypen helfen? Ich halte es für sinnvoller, einen Impfstoff zu erforschen, der gegen alle Grippeviren hilft.

ZEIT ONLINE: Wieso gibt es noch keinen solchen Universal-Impfstoff?

Ruf: Weil Grippeviren nur wenige Gemeinsamkeiten haben. Es wird aber schon geforscht: Zum Beispiel haben Forscher einen Impfstoff entwickelt, der sich gegen das Eiweiß M2 richtet. Das sitzt auf allen Virusvarianten und hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht verändert – eigentlich eine ideale Zielscheibe für einen Universalimpfstoff. Klinische Studien haben aber gezeigt, dass die durch den Impfstoff hervorgerufene Antwort des Immunsystems zu schwach ist, um Grippeviren wirksam zu bekämpfen. Es werden einfach zu wenige Antikörper freigesetzt.

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Leserkommentare
  1. Sonnenlicht!

    Wenn Menschen häufig genug Sonnenlicht auf die unbedeckte Haut - ohne
    Sonnencreme - lassen, steigern sie den Gehalt an dem wichtigen Vitamin D im Blut. Vitamin D sorgt für die Produktion von antiviralen Bestandteilen im Körper. Diese sind in der Lage Viren unschädlich zu machen.

    Inzwischen ist bekannt, dass Menschen mit niedrigen Vitamin D Gehalten im Blut ein höheres Risiko haben an Tuberkulose, Grippe, Brechdurchfall durch Noroviren, Meningitis zu erkranken. Alles Krankheitsfälle, die in grösserer Zahl auftreten, wenn die Vitamin D Spiegel bei den meisten Menschen niedrig sind, nach einem langen Winter.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... für Ihre Weisheit. Endlich sind die großen Infektionsprobleme der Menschheit gelöst.

    Vielen Dank!

    an infektionen sterben gibt es weder lange Winter noch Sonnenmlich, wenn ich mich nicht völlig irre.

    ...da ja bekanntermaßen gerade im vom Sonnenlicht durchfluteten Zentralafrika kaum jemand an Infektionskrankheiten wie Typhus, Cholera, Aids, Hepatitis, Durchfällen, etc. stirbt. Die Menschen dort sollen ja strotzen vor Widerstandskräften...

    Wahrscheinlich dauert es auch nicht mehr lange, bis Sie hier im Forum ganz unverbindlich eine 100er Packung Vitamin D für Interessierte anbieten (inkl. einer Gratispackung für die ersten fünfzig Besteller)...

  2. ... für Ihre Weisheit. Endlich sind die großen Infektionsprobleme der Menschheit gelöst.

    Vielen Dank!

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  3. an infektionen sterben gibt es weder lange Winter noch Sonnenmlich, wenn ich mich nicht völlig irre.

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  4. ...da ja bekanntermaßen gerade im vom Sonnenlicht durchfluteten Zentralafrika kaum jemand an Infektionskrankheiten wie Typhus, Cholera, Aids, Hepatitis, Durchfällen, etc. stirbt. Die Menschen dort sollen ja strotzen vor Widerstandskräften...

    Wahrscheinlich dauert es auch nicht mehr lange, bis Sie hier im Forum ganz unverbindlich eine 100er Packung Vitamin D für Interessierte anbieten (inkl. einer Gratispackung für die ersten fünfzig Besteller)...

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  5. ...kein Grund zur Panik" ist es an der Zeit, sehr sehr vorsichtig zu werden und alle möglichen Maßnahmen einzuleiten sowie Vorbeuge zu treffen...

    • gw1200
    • 03. April 2013 10:16 Uhr

    ... scheint die Regel zu werden was solche Dinge betrifft. " Menschen sind erkrankt und schon wird die Panikkarte "Epidemie" und gar "Pandemie" gezogen. Ich würde mir wünschen, dass etwas Normalität bei der Berichterstattung einkehren würde.
    Übrigens - Mutationen sind die Normaltät und nicht die Ausnahme, bei allen Lebewesen. Jeder Mensch wird mit 50 bis 100 Mutationen geboren.

    2 Leserempfehlungen
  6. Vögel, insbesondere aquatische Wildvögel aber eben auch Geflügelfarmen, sind nunmal natürliche Reservoirs für Influenzaviren des Typs A, Antigenshift-Risiko inklusive.

    Eigentlich ist das ja sogar ein banaler Vorgang in der Natur. Es gibt also keinen Grund, bei jeder A/HxNx Nachricht in Schockstarre zu fallen und die Ausrottung der Menschheit zu befürchten.

    Pandemie-Risiko reduzieren? Das Konzept von abnorm großen Geflügelfarmen zu überdenken, könnte eine effektive Prävention darstellen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Vogelgrippe | Weltgesundheitsorganisation | Epidemie | Erbgut | Grippevirus | H5N1
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