H7N9-VirusDiese Vogelgrippe lernt, Säugetiere zu befallen

Der Erreger A/H7N9, der in China überraschend Menschen ansteckte, passt sich langsam an neue Wirte an. Vorsichtshalber wird in Shanghai infiziertes Geflügel getötet. von 

Geflügel auf einem Markt in China

Geflügel auf einem Markt in China  |  © Reuters

Die Behörden in China haben mit Massenschlachtungen von Geflügel begonnen, um die Verbreitung des Vogelgrippevirus vom Typ A/H7N9 zu verhindern. Seit Jahren kennen Forscher diesen Influenza-Erreger und wissen, dass er etwa unter Zugvögeln zirkuliert. Die Tiere erkranken allerdings nicht merklich daran, sondern tragen ihn nur in sich und geben ihn weiter. Anfang April hatte das Virus nun überraschend zwei Menschen in Shanghai befallen. Sie erkrankten an schweren Lungenentzündungen und starben in Folge der Infektion.

Inzwischen sind drei weitere Menschen in China an der neuen Vogelgrippevariante gestorben, 14 Menschen sind infiziert. Behörden versuchen, schnell aufzuklären, wie verbreitet der Erreger unter den Geflügelbeständen in Shanghai und anderen Regionen Chinas ist und inwieweit Wildvögel infiziert sind. In Tauben fand man den Erreger bereits. Gut möglich, dass sie unbemerkt in Asien Nutzgeflügel angesteckt haben, das letztlich zum Ansteckungsherd für Menschen wurde.

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Vorsicht vor infizierten Vögeln

Forscher gehen davon aus, dass sich die Infizierten direkt im Kontakt mit Vögeln angesteckt haben. "Sie müssen enorme Mengen des Virus eingeatmet haben – nur so ist eine Ansteckung überhaupt möglich", sagte der Leipziger Virologe Bernhard Ruf im Interview mit ZEIT ONLINE. Als erste Maßnahme gegen die neue Grippeform wurde deshalb das Geflügel auf einem Markt in Shanghai getötet und vernichtet. Auf zwei weiteren Märkten der Stadt wurde der Handel mit lebendem Geflügel eingestellt, nachdem auch unter ihnen das Virus nachgewiesen worden war.

Dagny Lüdemann
Dagny Lüdemann

Dagny Lüdemann leitet das Ressort Wissen, Digital und Studium bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Bedenklich an der Vogelgrippe, die jetzt in China Menschen ansteckte, ist der Überraschungseffekt. Obwohl Forscher wissen, dass Grippeviren aus Tierbeständen mutieren können und so auch für Menschen gefährlich werden, hatte man A/H7N9 nicht unbedingt als Risikokandidaten eingeschätzt. Er galt bislang als harmlos und war immer mal wieder bei Tieren nachgewiesen worden.

Eine Pandemie ist unwahrscheinlich

Dass er allerdings eine Pandemie mit weltweit Millionen Toten auslösen könnte, halten Virologen derzeit für sehr unwahrscheinlich, da es derzeit nicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. "Dazu müsste sich A/H7N9 mit einem menschlichen Grippe-Erreger kreuzen, der die beschriebenen Verankerungseiweiße für die menschlichen Atemwege trägt. Die beiden Virusvarianten müssten sich dazu in einem Wirt treffen und ihr Erbgut mixen", erklärte der Leipziger Virologe Ruf. Auch die WHO rechnet nicht mit einer größeren Epidemie. Sie hat auf ihrer Website Informationen zu dem Erreger zusammengestellt.

Flexible Grippeviren

Grippeviren kommen in der Natur in unterschiedlichsten Varianten vor und sind auf verschiedene Wirte spezialisiert. Unter Menschen umgehende Influenza-Viren lösen jedes Jahr eine Grippewelle aus, die um den Erdball geht. Allein in Deutschland erkranken jährlich Hunderttausende bis über eine Million Menschen an einer echten Grippe.

Welcher Virus-Subtyp die Grippewelle dominiert, ist von Jahr zu Jahr verschieden. In der Saison 2009/2010 war es zum Beispiel A/H1N1, der unter dem irreführenden Namen Schweinegrippe bekannt wurde, weil er einst in Schweinen mutierte und sich zu einer von Mensch zu Mensch ansteckenden Form entwickelte. In der aktuellen Saison gehen nach Informationen des Robert Koch-Instituts weiterhin A/H1N1 und H3N2 zu etwa gleichen Teilen um, ein weiteres Drittel der Infizierten bekommen eine Grippe vom Typ B.

Mit H und N werden die Eiweiße der Virushülle Hämagglutinin und Neuraminidase abgekürzt, von denen es jeweils verschiedene Strukturen gibt.

Vogelgrippe-Varianten

In Einzelfällen können auf Vögel spezialisierte Influenza-Viren auch Menschen befallen. Die bekannteste für Menschen relevante Form ist A/H5N1.Sie ist seit 2003 immer wieder vereinzelt unter Menschen aufgetreten, vor allem in Ägypten, Indonesien und Vietnam – und zwar fast immer in Regionen, in denen Menschen in engem Kontakt mit infiziertem Geflügel leben, Tiere schlachten und das Fleisch selbst verarbeiten. Bis heute haben sich damit 648 Menschen infiziert, 384 starben daran (Stand Dezember 2013).

Der Erreger ist aber nach wie vor hauptsächlich ein Problem für Geflügelbauern und er löst keine großen Epidemien unter Menschen aus. Er bleibt eine Tierseuche, die nur in Ausnahmefällen Menschen betrifft. 

Erkenntnisse über das noch recht unerforschte Virus A/H7N9 schließen die Wissenschaftler weitgehend aus dem, was sie über A/H5N1 wissen. Bislang starben an dem neuen A/H7N9-Virus nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO über 40 Menschen, mehr als 140 haben sich infiziert.

Die Vogelgrippe A/H10N8 hat im Dezember 2013 erstmals nachweislich einen Menschen infiziert – und getötet.

Erste aktuelle Analysen von Virusproben aus Shanghai ergaben, dass die neue Variante des Erregers A/H7N9 Zeichen für eine Anpassung an Säugetiere enthält. Das habe eine Genanalyse ergeben, teilte die WHO mit. So könne das Virus an die Zellen von Säugetieren andocken. Es wachse zudem etwa bei der normalen Körpertemperatur von Säugetieren, während Vögel zumindest tagsüber eine höhere Temperatur haben.

Dass Grippeviren von H7-Typ grundsätzlich unter Menschen vorkommen, weiß man bereits seit 1996. In den Niederlanden, Italien, Kanada, den USA, Mexiko und Großbritannien stellte man immer wieder Infektionen mit den Subtypen A/H7N2, H7N3, und H7N7 fest, die aber bisher nur Bindehautentzündungen und eine leichte Entzündungen der Atemwege hervorgerufen haben. Einzige Ausnahme war ein Fall in den Niederlanden, wo ein Mensch nach einer Infektion mit so einem Erreger verstarb.

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Leserkommentare
  1. schwächen das körpereigene Abwehrsystem der Tiere.

    Der hemmungslose Kommerz fordert schliesslich Menschenopfer.

    Der Lerneffekt der Menschheit tritt eben auch in unserer "hochzivilisierten" Zeit hauptsächlich nach der altbekannten Lehrmethode "Wer nicht hören will, muss fühlen" ein.

    2 Leserempfehlungen
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    Sie die Aussage bzgl. der "Monsanto-Fütterung" und den Zusammenhang mit dem Immunsystem belegen? Worin besteht diese Wirkung?
    Nur neugierig :-)

  2. ... sich noch keine Bazille diese "Monokultur" zu abernten ausgewählt hat. Das müssen wir vorerst auch noch selber machen ... nicht wahr, Herr Kim?

  3. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, ist das eigentlich ein natürlicher Vorgang, über den man nicht großartig erstaunt sein sollte.

    Vögel (vor allem aquatische Wildvögel, mittlerweile verstärkt überdimensionierte Geflügelfarmen), sind natürliche Reservoirs für Influenzaviren des Typs A.

    Es wird immer A/HxNx Typen und Wirtsprünge/Antigenshift geben. Das jeweilige Gefährdungspotential ist nicht vorhersagbar. Das kann eine relativ milde Humangrippe werden, es kann eine weniger harmlose Humangruppe werden, es kann eine Pandemie werden. Alles ist denkbar.

    Wir sollten uns aber nicht vor Panikreaktionen überschlagen. Im Zweifelsfall ist die sinnvollste Pandemie-Prävention wohl das Überdenken von abnorm großen Nutzvieh- und Geflügelbetrieben.

    Eine Leserempfehlung
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    "Wir sollten uns aber nicht vor Panikreaktionen überschlagen"

    Panik ist sicher nicht angesagt. Aber trotzdem beunruhigt mich die Tatsache, das genau heute ein anderer Artikel auf Zeit online veröffentlicht wurde, in dem es heißt, dass die Chinesen jetzt die "Reiseweltmeister" seien. Kann das begünstigen dass diese Mutationen sich hier verbreiten?

  4. "Wir sollten uns aber nicht vor Panikreaktionen überschlagen"

    Panik ist sicher nicht angesagt. Aber trotzdem beunruhigt mich die Tatsache, das genau heute ein anderer Artikel auf Zeit online veröffentlicht wurde, in dem es heißt, dass die Chinesen jetzt die "Reiseweltmeister" seien. Kann das begünstigen dass diese Mutationen sich hier verbreiten?

    Antwort auf "A/HxNx Epidemien"
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    Viren gehen zwar gerne auf Flugreise, daß sie es bevorzugt bei Chinesen täten, ist allerdings zweifelhaft. :)

    Das geht auch einfacher. [Ich bitte vorab alle ehemaligen Kollegen und Kolleginnen um Entschuldigung für meine Flapsigkeit]

    Flugpersonal ist die größte "Bazillenschleuder". Die bringen von überall kleine blinde Passagiere mit und tüddeln damit ins Hauptquartier. Das dort arbeitende Bodenpersonal nimmt's dann nach Feierabend mit in den Supermarkt oder die U-Bahn. In der Regel handelt es sich aber nur um lästige Erkältungsviren. ;)

  5. Sie die Aussage bzgl. der "Monsanto-Fütterung" und den Zusammenhang mit dem Immunsystem belegen? Worin besteht diese Wirkung?
    Nur neugierig :-)

    2 Leserempfehlungen
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    Monsanto = genmanipulierte, schwermetallhaltige, vitaminarme Nahrungsmittel.

    Für Tier und für den Menschen

    http://www.3sat.de/page/?...

    Wenn vom Grundsatz davon ausgegangen werden kann, dass eine Krebserkrankung auf Abwehrschwäche beruht - bedeutet das, dass Monsanto-Tierfütterung eine Abwehrschwäche erzeugt.

    Diese Abwehrschwäche ist Ursache für alle möglichen Erkrankungen.

  6. Viren gehen zwar gerne auf Flugreise, daß sie es bevorzugt bei Chinesen täten, ist allerdings zweifelhaft. :)

    Das geht auch einfacher. [Ich bitte vorab alle ehemaligen Kollegen und Kolleginnen um Entschuldigung für meine Flapsigkeit]

    Flugpersonal ist die größte "Bazillenschleuder". Die bringen von überall kleine blinde Passagiere mit und tüddeln damit ins Hauptquartier. Das dort arbeitende Bodenpersonal nimmt's dann nach Feierabend mit in den Supermarkt oder die U-Bahn. In der Regel handelt es sich aber nur um lästige Erkältungsviren. ;)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Reisefieber?"
  7. wegen der daraus resultierenden möglichen Panik.
    Aus einer Seuche lässt sich sehr schönes journalistisches Kapital schlagen, was in diesem Artikel zum Glück nicht gemacht wird.

    Die Gefährlichkeit selber ist eher gering, denn ganz so einfach ist das alles dann doch nicht. Sicher besteht die Chance, dass eine extrem gefährliche Virusvariante entsteht, aber die gibt es auch bei einer normalen Erkältung. Nicht auszudenken, was passierte, wären die Auswikrungen auf die Erkrankten schlimmer, denn es gibt kaum eine Gruppe von Viren die sich schneller verbreiten, als "Erkältungsviren".
    Um aus den nachgewiesenen Viren pandemiefähige zu machen, sind noch einige Schritte nötig.
    Die "Bedrohungslage" hat sich also nicht sehr verändert.

    Und dann kommt noch dazu: Man kann nichts dagegen tun.
    Naja, fast nichts. Man könnte die Bevölkerung unterrichten. Denn bei vernünftiger Hygiene und vernünftigem Umgang mit Tieren vor und nach der Schlachtung lässt sich die Ausbreitung stark einschränken. Dazu reichen oft schon einfach Maßnahmen, wie sich richtig die Hände zu waschen. (Machen auch in D die meisten Menschen falsch)

  8. Monsanto = genmanipulierte, schwermetallhaltige, vitaminarme Nahrungsmittel.

    Für Tier und für den Menschen

    http://www.3sat.de/page/?...

    Wenn vom Grundsatz davon ausgegangen werden kann, dass eine Krebserkrankung auf Abwehrschwäche beruht - bedeutet das, dass Monsanto-Tierfütterung eine Abwehrschwäche erzeugt.

    Diese Abwehrschwäche ist Ursache für alle möglichen Erkrankungen.

    Antwort auf "Können"
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    belegt keine Ihrer Aussagen, ist Ihnen das klar?

    http://www.hundeundkatzen...

    Das Abwehrsystem wird durch Monsanto-Tiernahrung geschwächt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, cw
  • Schlagworte China | Vogelgrippe | Epidemie | Weltgesundheitsorganisation | Geflügel | Virus | Grippevirus
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