HirnstimulationStromschläge lindern schwerste Depressionen anhaltend

Erstmals haben Mediziner Schwerstdepressive rasch und langfristig heilen können. Hirnschrittmacher befreiten Patienten bis zu 18 Monate von ihren Leiden. von Claudia Füßler

Sie freuen sich nicht über die ersten Sonnenstrahlen im Frühling, haben keinen Spaß am Leben, schmieden keine Pläne. Selbst die moderne Medizin kann schwerst depressiven Menschen oft nicht helfen. Jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer für sie: Mit einer neuen Variante der Tiefen Hirnstimulation (THS) haben Wissenschaftler sechs Patienten schnell und anhaltend Linderung verschafft.

Das Team um den Freiburger Neurochirurgen Volker Coenen und den Bonner Psychiater Thomas Schläpfer hat sieben Patienten mit schweren Formen der Depression Elektroden ins Gehirn gepflanzt. Sie stimulierten die Nervenzellverbände mit einer 3 bis 5 Volt schwachen elektrischen Spannung, die für die Patienten nicht wahrnehmbar ist.

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Die Probanden galten als therapieresistent, weder medikamentöse noch psychotherapeutische Behandlungen hatten ihr Befinden verbessert. Der eingesetzte Hirnschrittmacher linderte die Symptome der Depression bei sechs der sieben Patienten, vier von ihnen gelten sogar nach der Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) nicht mehr als depressiv. "Wir haben noch nie derart schnell derart gute Effekte bei schwerst depressiven Menschen gesehen", sagt Coenen. Derart schnell heißt: Die Depressionssymptome der Patienten besserten sich binnen weniger Tage, mitunter sogar Stunden. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im Magazin Biological Psychiatry.

Die THS wird bereits seit gut zwei Jahrzehnten bei Parkinsonpatienten angewandt, weltweit leben rund 85.000 Menschen mit einem Hirnschrittmacher im Kopf. Seit einigen Jahren versuchen Wissenschaftler, mit der THS auch Menschen zu helfen, die an schwersten Formen der Depression leiden. Sie stimulierten das Gehirn an verschiedenen Stellen, wie zum Beispiel dem Nucleus Accumbens, den Habenulae oder einer Struktur mit dem Namen cg25. Sie waren damit mal mehr, mal weniger erfolgreich. All diese Strukturen haben eines gemeinsam: Sie spielen eine Rolle im Belohnungssystem des Gehirns.

Die Hirnregion, die die Forscher mit Stromstößen behandelten, ist rot markiert. Sie ist Teil des Vorderhirnbündels (grün).

Die Hirnregion, die die Forscher mit Stromstößen behandelten, ist rot markiert. Sie ist Teil des Vorderhirnbündels (grün).  |  © Volker Coenen

Neu an der nun veröffentlichten Pilotstudie ist die Stelle, an der Coenen und Schläpfer ihre Elektroden platzierten: im Medialen Vorderhirnbündel. Dieser Nervenstrang zieht sich vom tief liegenden Hirnstamm zur stirnseitigen Hirnrinde und ist mit allen bereits getesteten Strukturen verknüpft. "Bisher hat man immer versucht, das Netzwerk an verschiedenen Schaltstationen zu beeinflussen, wir sind jetzt in die Zentrale gegangen und agieren von dort aus", erklärt Coenen.

Bislang nur kurzfristige Hilfe möglich

Bis zu 18 Monate hielten die antidepressiven Effekte durch die THS an. Solange haben die Wissenschaftler ihre Patienten nach dem Eingriff beobachtet. Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, hat die Depressionstherapie in ein paar Jahren für besonders schwere Fälle womöglich eine Methode, die bisher fehlte: eine mit schnell einsetzender, lang anhaltender Wirkung.

Derzeit können schwer depressive Menschen zwar akut mit Schlafentzug oder dem Narkosemittel Ketamin erfolgreich behandelt werden, der Effekt hält jedoch nur wenige Tage an. Zudem besteht bei Schlafentzug die Gefahr, dass der Patient in manische Zustände gerät, eine hohe Dosis Ketamin kann Symptome einer Psychose auslösen. Gängige Antidepressiva wiederum wirken zwar auf längere Sicht, doch setzt der Effekt meist erst mehrere Wochen oder gar Monate nach Beginn der Therapie ein, bei mehr als einem Drittel der Patienten schlagen Antidepressiva gar nicht an.

Mit der THS am Medialen Vorderhirnbündel seien bislang keine Nebenwirkungen beobachtet worden, sagt Coenen, die Patienten hätten auch nicht mit Manie auf die elektrischen Reize reagiert. Stattdessen stellten die Wissenschaftler eine größere, aber gerichtete Motivationslage bei den Patienten fest. Die bis vor Kurzem freudlosen, müden Menschen agierten nun planvoll und "ganz normal".

Leserkommentare
  1. die Ursache für Dpressionen sind.Die Anwendung solcher Gehirnstimulation ist ein Rückschritt in die Zeit vor der Psychoanalyse.

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    Was genau soll das jetzt heißen? Die Ursachen bzw. Faktoren, die zur Entstehung einer Depression beitragen, sind vielfältig. Es gibt genetische Faktoren, verschiedene Stoffwechselprozesse im Gehirn, die beteiligt sind, und natürlich auch psychosoziale Faktoren wie Lebensumstände, Persönlichkeitsentwicklung, Umfeld, etc.

    Und wenn die Stimulation den Patienten hilft, was spricht dagegen?

    Zur Psychoanalyse sage ich einfach mal nichts, Freud war vielleicht mal ein Vorreiter der Psychiatrie, aber mittlerweile sind seine Theorien veraltet.

    Reale Probleme sind es, die einen Depressiven plagen.

    Z.B. eine real vorhandene Stoffwechselstörung im Gehirn. Real zu wenig Serotonin, da oben. Real festgefahrene Weisen, die Welt zu sehen: Eine schlechte Perspektive auf sich selbst, die Welt und die Zukunft. Die negative Triade aus internalen, globalen und stabilen Schuldzuweisungen. Reale genetische Voraussetzungen, realer falscher Erziehungsstil der Eltern, reale akute Problemsituationen wie Trauer, Schulden, Krise. Eine reale neuronale Grundlage, die sich oft genug (nicht immer) in eine Abwärtsspirale verwandelt, die zu einer schweren Depression führen kann. Und manchmal steht in diesem weiten Grau dann nur noch das Ende als Alternative da und lockt mit Ruhe vor plagenden Grübel-Stunden.

    Ja. Aber was sie wohl meinen ist dieser EINE Grund, den viele so gerne als Ursache für eine Depression sehen. In Wahrheit ist es aber ein Kontinuum von gar kein Risiko für eine schwache Depression bis sehr hohes Risiko für eine schwere Depression mit morbidem Ausgang.

    Und wenn einzelne Faktoren dazu beitragen, dass man sich auf diesem Kontinuum etwas vor- und zurück bewegt, dann sollten diese auch Berücksichtigt und Erforscht werden. Wie Psychotherapie. Wie Medikamente. Wie Schlafentzug.

    Das heißt nicht, dass das für jeden Depressiven die Lösung ist und wir alle Depressiven ab jetzt hirnschrittmachern.
    Das heißt aber, dass es für einige Patienten eine Lösung sein könnte.

    Die Psychoanalyse ist wohl das zur Zeit nachhaltigst stagnierende System - allenthalben legitimiert durchs Freuds Hypothese, die Neurowissenschaft werden den Beweis für sie antrete. Darauf wartet sie nun, wie der Zappelphillip auf den Nachtisch und lieber wird sie das Tischtuch zerreißen, als Gegenargumente gelten zu lassen. Gehen Sie mit mir eine Wette ein, dass ich Ihnen die These vom Todestrieb widerlege, wenn Sie mich nur lassen? Sie werden mir zuvor die Zunge herauszureißen suchen...

  2. Was genau soll das jetzt heißen? Die Ursachen bzw. Faktoren, die zur Entstehung einer Depression beitragen, sind vielfältig. Es gibt genetische Faktoren, verschiedene Stoffwechselprozesse im Gehirn, die beteiligt sind, und natürlich auch psychosoziale Faktoren wie Lebensumstände, Persönlichkeitsentwicklung, Umfeld, etc.

    Und wenn die Stimulation den Patienten hilft, was spricht dagegen?

    Zur Psychoanalyse sage ich einfach mal nichts, Freud war vielleicht mal ein Vorreiter der Psychiatrie, aber mittlerweile sind seine Theorien veraltet.

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  3. 3. Exakt.

    Reale Probleme sind es, die einen Depressiven plagen.

    Z.B. eine real vorhandene Stoffwechselstörung im Gehirn. Real zu wenig Serotonin, da oben. Real festgefahrene Weisen, die Welt zu sehen: Eine schlechte Perspektive auf sich selbst, die Welt und die Zukunft. Die negative Triade aus internalen, globalen und stabilen Schuldzuweisungen. Reale genetische Voraussetzungen, realer falscher Erziehungsstil der Eltern, reale akute Problemsituationen wie Trauer, Schulden, Krise. Eine reale neuronale Grundlage, die sich oft genug (nicht immer) in eine Abwärtsspirale verwandelt, die zu einer schweren Depression führen kann. Und manchmal steht in diesem weiten Grau dann nur noch das Ende als Alternative da und lockt mit Ruhe vor plagenden Grübel-Stunden.

    Ja. Aber was sie wohl meinen ist dieser EINE Grund, den viele so gerne als Ursache für eine Depression sehen. In Wahrheit ist es aber ein Kontinuum von gar kein Risiko für eine schwache Depression bis sehr hohes Risiko für eine schwere Depression mit morbidem Ausgang.

    Und wenn einzelne Faktoren dazu beitragen, dass man sich auf diesem Kontinuum etwas vor- und zurück bewegt, dann sollten diese auch Berücksichtigt und Erforscht werden. Wie Psychotherapie. Wie Medikamente. Wie Schlafentzug.

    Das heißt nicht, dass das für jeden Depressiven die Lösung ist und wir alle Depressiven ab jetzt hirnschrittmachern.
    Das heißt aber, dass es für einige Patienten eine Lösung sein könnte.

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  4. Abgesehen davon, dass alle ausgewählten Probanden keine Reaktion auf die gängigen Therapiemethoden wie Antidepressiva oder Gesprächstherapie zeigten, würde mich interessieren, welche weiteren Auswahlkriterien zugrundlagen.

    Waren es Patient(inn)en, bei denen genetische Faktoren nachweislich (durch Erkrankungen in der Familie) eine Rolle spielten? Diese gelten gemeinhin als besonders schlecht therapierbar.

    Ich vermute, es handelte sich außerdem um Probanden, die keine weitere psychische Erkrankung aufwiesen wie Angst- und Panikstörung, Posttraumatische Belastungsstörung etc.?

    Das wäre interessant zu wissen, um nicht zu große Hoffnung zu verbreiten.

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    ...sind die Behandlung von Parkinson, Suchterkrankungen und Angststörungen. In den meisten Fällen in der experimentellen Phase, aber aussichtsreich.

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/849515/

    Dort wird unter anderem ein Alkoholiker beschrieben, dessen Angststörung behandelt werden sollte, stattdessen wurde die Sucht behandelt. Ansonsten gibt es dort eine Reihe weiterer interessanter Beiträge zum Thema.

  5. Die Überschrift ist extrem irritierend, da <em>Stromschläge</em> im Zusammenhang mit Depressionen eigentlich eher mit der Elektrokonvulsionstherapie und nicht mit der THS assoziiert werden.

    <em>"Elektrische Impulse lindern schwerste Depressionen anhaltend"</em> oder <em>"Neuroimplantate lindern schwerste Depressionen anhaltend"</em> wären weitaus eindeutigere und elegantere Überschriften, die der Qualität des Artikels Rechnung tragen.

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    • Aronal
    • 11. April 2013 21:09 Uhr

    Das ist korrekt. Die Überschrift deutet in eine ganz andere Richtung und ist irreführend. So heißt es auch bei Wikipedia:

    "Als Stromunfall, Elektrounfall oder auch elektrischer Schlag wird eine Verletzung durch die Einwirkung elektrischen Stromes auf den Menschen oder auf Tiere bezeichnet."

    --> hier im Artikel sollte von "elektrischer Stimulation" die Rede sein und nicht von "Stromschlägen". Letzteres hat eine völlig andere Qualität und geht komplett am Thema vorbei.

  6. ...sind die Behandlung von Parkinson, Suchterkrankungen und Angststörungen. In den meisten Fällen in der experimentellen Phase, aber aussichtsreich.

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/849515/

    Dort wird unter anderem ein Alkoholiker beschrieben, dessen Angststörung behandelt werden sollte, stattdessen wurde die Sucht behandelt. Ansonsten gibt es dort eine Reihe weiterer interessanter Beiträge zum Thema.

    Antwort auf "Auswahl der Probanden"
  7. ... betragen zwischen 100 und 160 Hz und 50 und 2500 µA je nach Anwendungsgebiet und Behandlungsmodell.

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  • Schlagworte Gehirn | Studie | Heidelberg
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