Hirnstimulation : Stromschläge lindern schwerste Depressionen anhaltend

Erstmals haben Mediziner Schwerstdepressive rasch und langfristig heilen können. Hirnschrittmacher befreiten Patienten bis zu 18 Monate von ihren Leiden.

Sie freuen sich nicht über die ersten Sonnenstrahlen im Frühling, haben keinen Spaß am Leben, schmieden keine Pläne. Selbst die moderne Medizin kann schwerst depressiven Menschen oft nicht helfen. Jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer für sie: Mit einer neuen Variante der Tiefen Hirnstimulation (THS) haben Wissenschaftler sechs Patienten schnell und anhaltend Linderung verschafft.

Das Team um den Freiburger Neurochirurgen Volker Coenen und den Bonner Psychiater Thomas Schläpfer hat sieben Patienten mit schweren Formen der Depression Elektroden ins Gehirn gepflanzt. Sie stimulierten die Nervenzellverbände mit einer 3 bis 5 Volt schwachen elektrischen Spannung, die für die Patienten nicht wahrnehmbar ist.

Die Probanden galten als therapieresistent, weder medikamentöse noch psychotherapeutische Behandlungen hatten ihr Befinden verbessert. Der eingesetzte Hirnschrittmacher linderte die Symptome der Depression bei sechs der sieben Patienten, vier von ihnen gelten sogar nach der Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) nicht mehr als depressiv. "Wir haben noch nie derart schnell derart gute Effekte bei schwerst depressiven Menschen gesehen", sagt Coenen. Derart schnell heißt: Die Depressionssymptome der Patienten besserten sich binnen weniger Tage, mitunter sogar Stunden. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im Magazin Biological Psychiatry.

Die THS wird bereits seit gut zwei Jahrzehnten bei Parkinsonpatienten angewandt, weltweit leben rund 85.000 Menschen mit einem Hirnschrittmacher im Kopf. Seit einigen Jahren versuchen Wissenschaftler, mit der THS auch Menschen zu helfen, die an schwersten Formen der Depression leiden. Sie stimulierten das Gehirn an verschiedenen Stellen, wie zum Beispiel dem Nucleus Accumbens, den Habenulae oder einer Struktur mit dem Namen cg25. Sie waren damit mal mehr, mal weniger erfolgreich. All diese Strukturen haben eines gemeinsam: Sie spielen eine Rolle im Belohnungssystem des Gehirns.

Die Hirnregion, die die Forscher mit Stromstößen behandelten, ist rot markiert. Sie ist Teil des Vorderhirnbündels (grün). © Volker Coenen

Neu an der nun veröffentlichten Pilotstudie ist die Stelle, an der Coenen und Schläpfer ihre Elektroden platzierten: im Medialen Vorderhirnbündel. Dieser Nervenstrang zieht sich vom tief liegenden Hirnstamm zur stirnseitigen Hirnrinde und ist mit allen bereits getesteten Strukturen verknüpft. "Bisher hat man immer versucht, das Netzwerk an verschiedenen Schaltstationen zu beeinflussen, wir sind jetzt in die Zentrale gegangen und agieren von dort aus", erklärt Coenen.

Bislang nur kurzfristige Hilfe möglich

Bis zu 18 Monate hielten die antidepressiven Effekte durch die THS an. Solange haben die Wissenschaftler ihre Patienten nach dem Eingriff beobachtet. Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, hat die Depressionstherapie in ein paar Jahren für besonders schwere Fälle womöglich eine Methode, die bisher fehlte: eine mit schnell einsetzender, lang anhaltender Wirkung.

Derzeit können schwer depressive Menschen zwar akut mit Schlafentzug oder dem Narkosemittel Ketamin erfolgreich behandelt werden, der Effekt hält jedoch nur wenige Tage an. Zudem besteht bei Schlafentzug die Gefahr, dass der Patient in manische Zustände gerät, eine hohe Dosis Ketamin kann Symptome einer Psychose auslösen. Gängige Antidepressiva wiederum wirken zwar auf längere Sicht, doch setzt der Effekt meist erst mehrere Wochen oder gar Monate nach Beginn der Therapie ein, bei mehr als einem Drittel der Patienten schlagen Antidepressiva gar nicht an.

Mit der THS am Medialen Vorderhirnbündel seien bislang keine Nebenwirkungen beobachtet worden, sagt Coenen, die Patienten hätten auch nicht mit Manie auf die elektrischen Reize reagiert. Stattdessen stellten die Wissenschaftler eine größere, aber gerichtete Motivationslage bei den Patienten fest. Die bis vor Kurzem freudlosen, müden Menschen agierten nun planvoll und "ganz normal".

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Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Weitere Anwendungsgebiete der Tiefen Hirnstimulation

...sind die Behandlung von Parkinson, Suchterkrankungen und Angststörungen. In den meisten Fällen in der experimentellen Phase, aber aussichtsreich.

http://www.dradio.de/dlf/...

Dort wird unter anderem ein Alkoholiker beschrieben, dessen Angststörung behandelt werden sollte, stattdessen wurde die Sucht behandelt. Ansonsten gibt es dort eine Reihe weiterer interessanter Beiträge zum Thema.

Da haben Sie recht

Das ist korrekt. Die Überschrift deutet in eine ganz andere Richtung und ist irreführend. So heißt es auch bei Wikipedia:

"Als Stromunfall, Elektrounfall oder auch elektrischer Schlag wird eine Verletzung durch die Einwirkung elektrischen Stromes auf den Menschen oder auf Tiere bezeichnet."

--> hier im Artikel sollte von "elektrischer Stimulation" die Rede sein und nicht von "Stromschlägen". Letzteres hat eine völlig andere Qualität und geht komplett am Thema vorbei.