Epileptische AnfälleSensor im Kopf soll Epileptiker warnen

Ohnmächtig beim Radfahren, bewusstlos im Schwimmbad: Wer unter epileptischen Anfällen leidet, lebt in ständiger Gefahr. Forscher tüfteln an einem Frühwarnsystem. von 

Nicht zu wissen, wann der nächste Anfall kommt – das ist wohl die größte Belastung für Epileptiker, die an Anfällen leiden, die Mediziner als Grand Mal bezeichnen.

Diese schwerste Form der Epilepsie knockt die Betroffenen komplett aus. Danach fehlt die Erinnerung. Zwar spüren einige noch, wenn sich der Krampfanfall ankündigt. Doch dann übermannt es sie einfach. Mitten im Alltag. Ohne Vorwarnung.

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Heute weiß man, was dabei im Gehirn passiert: Die Nervenzellen schalten auf Gleichtakt und beginnen plötzlich, synchron zu feuern. Rasch stimmen die umliegenden Neuronen mit ein. Das legt die Kommunikation im Gehirn lahm, Bewusstseinsstörungen und Krämpfe sind die Folge. Meist dauert der Spuk keine zwei Minuten. Nach dem Anfall normalisiert sich die Elektrik im Hirn von allein.

Weltweit leiden etwa 60 Millionen Menschen an Epilepsie. Rund eine halbe Million sind in Deutschland in Behandlung. Ein gutes Drittel muss mit den Anfällen leben, da gängige Medikamente bei ihnen nichts ausrichten. Könnte man sie durch einen Sensor im Gehirn warnen?

Ob so etwas machbar ist, haben Mediziner um Mark Cook vom St Vincent's Hospital und von der Universität Melbourne jetzt an 15 Patienten getestet – offenbar mit Erfolg. 

Epilepsie

Epilepsie bezeichnet ein Krankheitsbild mit mindestens einem spontan auftretenden Krampfanfall, der nicht durch eine vorausgehende erkennbare Ursache hervorgerufen wurde. Ursachen für einmalige Krampfanfälle könnten hohes Fieber im Kleinkindesalter, Vergiftungen, starke Blutzuckerverschiebungen oder Alkoholismus sein. Diese Anfälle nennt man Gelegenheitsanfälle.

Von Epilepsie spricht man erst dann, wenn sich Anfälle von selbst, ohne besonderen Anlass wiederholen. Bei einem Epilepsie-Kranken ist das Netzwerk der Nervenzellen des Gehirns zeitweise gestört, es entladen sich plötzlich viele Neuronen gleichzeitig. Diese elektrischen Entladungen breiten sich im Gehirn aus und reizen in unnatürlicher Weise einzelne Hirnregionen (fokal) oder das ganze Gehirn (general).

Neben dem typischen Grand mal gibt es auch Formen, bei denen sich die Fehlsteuerung der Gehirnaktivität in Form von kurzzeitiger Verwirrung oder Orientierungslosigkeit oder als leichte motorische Störung äußert.

Erste Hilfe

Die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie rät in erstere Linie Ruhe zu bewahren, ein einzelner Anfall sei nicht gefährlich und höre von alleine nach spätestens zwei Minuten wieder auf.

Während des Anfalls sollte der Betroffene aus Gefahrenbereichen wie etwa dem Straßenverkehr gebracht und der Körper vor Verletzungen geschützt werden – etwa durch eine weiche Unterlage für den Kopf. Ersthelfer sollten außerdem gefährliche Gegenstände wie Werkzeug oder Möbel aus dem Weg räumen.

Der unmittelbare Anfallsverlauf ist von außen nicht beeinflussbar. Versuche, krampfende Gliedmaßen festzuhalten oder die Zähne des Betroffenen auseinanderzubringen, führen häufig zu Verletzungen des Epileptikers und des Helfers und sollten unterlassen werden. Eine ruhige und genaue Beobachtung des Anfalls kann für spätere Behandlungsschritte wichtig sein.

Schläft der Betroffene nach dem Anfall, sollte man ihn in eine Seitenlage bringen, damit Speichel abfließen kann. Außerdem die Kleidung am Hals lockern, um eine freie Atmung zu ermöglichen. Beim Aufwachen den Betroffenen nicht alleine lassen. Er könnte verwirrt und noch orientierungslos sein.

Gefahr droht nur, wenn ein Krampfanfall länger als fünf bis zehn Minuten dauert oder sich mehrere Anfälle aneinanderreihen, dann ist ein Arzt zu rufen. Gleiches gilt, wenn sich der Betroffene in Folge des Anfalls schwerer verletzt hat.

Nicht vergessen sollten Helfende, die auf eine akute Notfallsituation treffen, dass der Epileptiker womöglich nicht alleine unterwegs war. Hatte derjenige etwa kleine Kinder dabei, die Betreuung brauchen? Auch erwachsene Angehörige, die zum ersten Mal einen Anfall miterleben, können traumatisiert sein und ihrerseits Hilfe brauchen.

"Es ist das erste Mal, dass man Vorboten eines Anfalls registrieren konnte. Für die Epilepsie-Forschung ist das ein ganz wichtiger Schritt", sagt der Bonner Epilepsie-Spezialist Christian Elger, der die Publikation der Australier für das Magazin Lancet Neurology begutachtet hat. Zwar wisse man schon länger, dass sich das elektrische Muster im Kopf verändert, bevor es losgeht. Bisher habe man das aber stets nur anhand von Auswertungen im Nachhinein feststellen können.

Lernfähiges Messgerät unter der Schädeldecke

Die Forscher pflanzten 15 Versuchspersonen im Alter zwischen 20 und 62 Jahren ein Implantat unter die Schädeldecke, das permanent die elektrische Aktivität im Gehirn misst. Ein Elektroenzephalograf (EEG) also, nur eben direkt im Kopf. Alle litten an einer fokalen Form der Epilepsie, bei der die Anfälle am immer gleichen Ort des Gehirns beginnen.

Zusätzlich pflanzten die australischen Chirurgen den Probanden ein zweites Gerät unter die Haut, aber nicht am Kopf sondern an der Brust. Es registrierte die Messungen und sandte sie kabellos an ein mobiles Empfangsgerät. Das trug der Patient stets bei sich.  

Die Idee: Sobald Neuronen im Kopf verdächtig anders feuern, sollte ein Lämpchen auf dem Endgerät leuchten. Rot signalisiert eine hohe Anfallsgefahr, weiß steht für ein mäßiges Risiko. Bei mehr als der Hälfte derer, die das Implantat gut vertrugen, funktionierte das Warnsystem zumindest ansatzweise. Allerdings verpasste der Sensor auch Anfälle oder gab Fehlalarm. "Ob sich das Gerät zur klinischen Anwendung eignet, müsse sich erst noch zeigen", schreibt Elger in seinem Kommentar zu Studie.

Leserkommentare
  1. 1. […]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Danke, die Redaktion/jp

    • cocoa
    • 02. Mai 2013 11:40 Uhr

    ich danke Ihnen sehr für diesen Artikel. Neuigkeiten zu Fortschritten in der Epilepsieforschung, die auch verständlich verpackt sind, gibt es selten oder sind schwer zu finden.

    Die Krankheit ist den meisten fremd, es herrschen noch immer gängige Vorurteile (Geisteskrankheit). Kurzum: zu wenig Aufklärung.

    Da, wie Sie schon erwähnten, 2/3 der Anfälle mit Medikamenten kontrolliert werden können, wird die Forschung am Minimum betrieben. Dabei gibt es noch viele Faktoren und Härtegrade, die nicht vollends erforscht und verstanden werden. Erst wenn eine 100%ige Klarheit besteht, kann weiter erfolgreich an Lösungen und Heilungen gearbeitet werden.

    Ich hoffe, es gibt bald größere Fortschritte und Sie behalten eine Auge darauf.

    Eine Leserempfehlung
    • Rolo68
    • 02. Mai 2013 20:04 Uhr

    Ich spreche aus eigener Erfahrung und kann sagen, dass diese Möglichkeit vielen Menschen helfen würde.

    Ich hatte selbst circa 15 Jahre lang epileptische Anfälle. Zum Glück hatte ich nie einen Grand Mal. Allerdings war die Angst, wann der nächste Anfall kommt immer im Raum. Ich durfte in dieser Zeit kein Auto fahren und auch meine sportlichen Tätigkeiten waren sehr eingeschränkt. Bergsteigen und Triathlon…
    Es gab viele lange Aufenthalte in einem Epilepsie Zentrum. Dort wurden Medikamente getestet und auch die praeoperative Diagnostik durchgeführt. Keines der Medikamente machte mich anfallsfrei. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, denn dies war Vorraussetzung, dass eine OP durchgeführt wurde.
    Dies war im Herbst 1996 und seitdem bin ich anfallsfrei.
    Die letzte Untersuchung hatte ich 1999 und führe seitdem ein ganz normales Leben ohne Medikamente und Einschränkungen.

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