HirnforschungMit Laserblitzen gegen die Kokainsucht

Bei Süchtigen arbeiten bestimmte Hirnareale verlangsamt. Sie zu aktivieren, ist ein Ansatz im Kampf gegen die Abhängigkeit. Bisher klappt das nur im Tierversuch. von 

Schlaganfall Therapie Ratten Labor Gentherapie

Eine Ratte in einem Labor in China (Archivbild). An dem Tier wurden Versuche zu Gentherapien gemacht.  |  © China Photos/Getty Images

Wer süchtig ist – sei es nach Alkohol, Nikotin oder harten Drogen – verliert die Kontrolle. Obwohl Abhängige wissen, dass sie sich Schaden zufügen, wird die Sucht nach der Droge schnell mächtiger als die Ratio. Ein Grund dafür: Das Verlangen nach dem Stoff verankert sich tief im Gehirn. Drogen verändern den Cocktail aus Botenstoffen im Gehirn nicht nur im Moment des Rausches. Sie schädigen die Funktion mancher Areale dauerhaft.

Doch was wäre, wenn Mediziner solche Hirnveränderungen rückgängig machen könnten? Was, wenn sich der Schalter im Kopf wieder umlegen ließe – von süchtig auf clean? Hirnforscher träumen schon von Therapien, die Suchtverhalten einfach ausknipsen, mit Laserlicht zum Beispiel oder durch Medikamente, die Neuronen in ihrer Funktion anregen oder hemmen.

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Wissenschaftler um Billy Chen vom Institut für Drogenmissbrauch in Baltimore und Antonelli Bonci vom Fachbereich Neurologie der Universität von Kalifornien in San Francisco haben jetzt an Ratten nachgewiesen, dass dies zumindest theoretisch möglich ist.

Die These

In ihrem Experiment wollten die Forscher überprüfen, ob der dauerhafte Konsum von Kokain den Präfrontalen Cortex beeinflusst. Von dieser Hirnregion, die in der Großhirnrinde hinter der Stirn sitzt, weiß man, dass sie das Suchtverhalten beeinflusst. Die Nervenzellen in diesem Bereich sind aktiv, wenn ein Mensch Entscheidungen trifft, Rationales gegen Emotionales abwägt oder sein Verhalten an neue Situationen anpasst. Steht er also zum Beispiel vor der Wahl, seinem Verlangen nach der Droge nachzugeben oder aus Vernunft zu verzichten, stellt der Präfrontale Cortex die Weichen dafür, wie die Entscheidung ausfällt.

Die Hirnforscher gingen davon aus, dass eine geringe Aktivität dieser Hirnregion mit ausgeprägtem Suchtverhalten und starkem Kontrollverlust einhergeht. Menschen mit starker Aktivität im Präfrontalen Cortex sollte es dagegen leichter fallen, Suchtmitteln zu widerstehen. Ob das tatsächlich so ist, war bisher nicht bewiesen. Das Team um Chen und Bonci versuchte den Nachweis nun an Ratten, deren Gehirn jedoch nur bedingt mit dem menschlichen vergleichbar ist.

Dagny Lüdemann
Dagny Lüdemann

Dagny Lüdemann leitet das Ressort Wissen, Digital und Studium bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Der Versuch

Für das Experiment, das im Magazin Nature diese Woche beschrieben wird, machten die Forscher die Ratten zunächst kokainabhängig. Sie trainierten die Tiere so, dass sie sich durch das Betätigen zweier Hebel in einem Käfig selbst über eine Infusion Kokain injizieren konnten. Nach einer Zeit zeigten die Ratten typisches Suchtverhalten. Mehrmals am Tag war der Drang nach neuem Stoff so stark, dass sie sich über den Hebel einen neuen "Schuss" setzten.

In einem zweiten Teil des Experimentes versetzten die Forscher den süchtigen Laborratten immer dann einen schmerzhaften Stromstoß, wenn die den Nachschub-Hebel betätigten. Das sollte die Tiere zum Entzug bewegen. "70 Prozent hörten dadurch auf, sich Kokain zu verabreichen", sagte Antonelli Bonci, der dauerhafte Hirnveränderungen durch Drogenmissbrauch erforscht. Sprich: Die Ratten reagierten auf die "Strafe" und wurden wieder clean. Ein Drittel der Ratten war aber inzwischen derart abhängig, dass sie dem Drang nach der Droge trotz der Konditionierung per Stromstoß nicht widerstehen konnten.

Die Forscher untersuchten in beiden Gruppen die Aktivität im Präfrontalen Cortex. Das Ergebnis: Bei allen Versuchstieren nahm die Aktivität im Laufe des Versuchs ab, und zwar umso stärker, je länger sie kokainsüchtig waren. Durch die Droge wurde die Region also dauerhaft geschädigt. In der Gruppe der Ratten, die nicht einmal durch Stromstöße wieder von ihrer Sucht befreit werden konnten, war die Aktivität dieser Hirnregion besonders gering.

Der Schalter für die Sucht

In einem nächsten Schritt stimulierten die Wissenschaftler den Präfrontalen Kortex mit Laserlicht. Damit das möglich wurde, hatten sie den Versuchstieren zuvor ein zusätzliches Gen eingeschleust, das die Bildung eines Proteins steuert, welches auf Licht reagiert. In eingeschaltetem Zustand regt dieses Protein die Nervenzellen an. So konnten die Forscher nun, grob gesagt, gezielt Neuronen im Präfrontalen Kortex an- und ausknipsen. Und siehe da: Verstärkten sie die Aktivität des für Entscheidungen, Kontrolle und Impulse so wichtigen Areals, waren die Ratten plötzlich in der Lage, auf Kokain zu verzichten. Unterdrückten die Wissenschaftler die Hirnaktivität, nahm das Suchtverhalten dramatisch zu.

Leserkommentare
  1. ...auf dem Bild ist keine Ratte, sondern eine Maus. Nehme ich zumindest an. Vielleicht gibt es ja noch ein passenderes Bild irgendwo im Internet.

  2. Redaktion

    Lieber Leser!

    Ich habe natürlich darauf geachtet, dass eine Ratte gezeigt wird. Nach den Informationen, die zu diesem Bild verfügbar sind, ist es eine und gerade keine Maus.
    Aber es ist ja kaum zu erkennen.
    Dass das Bild bei seiner Entstehung von der Bildagentur womöglich falsch zugeordnet wurde, kann ich nicht ausschließen.

    Herzliche Grüße!

    via ZEIT ONLINE plus App

  3. Leider vermengt der Artikel eher undifferenziert einige Aspekte des Themas.

    Die beschriebene Grundlagenforschung ist "interessant", derzeit aber in keiner Weise hinsichtlich einer Therapieoption als bahnbrechend anzusehen. Es handelt sich um einen "mechanischen" Ansatz bei dem bestimmte Hirnregionen direkt lokal manipuliert werden, eine Therapie am Menschen würde einen eher biochemischen Ansatz erfordern (Grundlage einer Medikation). Gerade Suchttherapie ist am Tiermodell schwer zu verifizieren.

    Baclofen ist kein Epilepsiemedikament! Es handelt sich um ein Medikament zur Behandlung abnorm hoher Muskelspannung (Spastik). Die Behandlung bei Alkoholerkrankung ist nicht systematisiert erforscht sondern basiert auf der Ableitung einer Einzelerfahrung (Prof. O. Ameisen) und nachfolgendem "Ausprobieren" von Betroffenen.
    Der Einsatz in der Medizin erfolgt durchaus bereits vor dem Vorliegen kontrollierter Studien; schließlich handelt es sich um oft verzweifelte Versuche eine Sucht in den Griff zu bekommen. Die Dosierungen die verwendet werden sind aber nicht wirklich geklärt. Gerade beim Baclofen findet sich sehr oft der -im Internet gerne kolportierte Mythus- dann "wieder kontrolliert trinken zu können", sich die Abstinenz zu ersparen; aus eigener Erfahrung ist dass aber nicht möglich.

    Eine Vermengung der Themen Grundlagenforschung und "off label"-Therapieversuche ist m.E. irreführend.

    Grüße

    T

  4. Im Gegensatz zu Baclofen -hier fehlen noch konkrete Daten zur Wirksamkeit- gibt es eine weitere Substanz die mit gleicher Berechtigung genannt werden kann (Namelfene, http://clinicaltrials.gov...)
    Im Test haben Menschen mit Alkoholabhängigkeit die Substanz oder ein Placebo bekommen, nach einen halben Jahr hatte sich in der Verumgruppe die tatsächliche Trinkmenge halbiert.

    Die Relevanz der Studie für den Einsatz als Medikament ist umstritten, Abstinenz i.S. einer Behandlung des Leidens war eben nicht das Ziel. Ich persönlich halte es für diskussionswürdig ob ein Einsatz eines (dann sicher sehr teuren!) Medikamentes zur Reduktion der Trinkmenge sinnvoll ist, man kann befürchten, dass die Abstinenzmotivation durch das (eventuell spätere) Vorliegen dieser Behandlungsoption verringert wird.

    Viele Grüße

    T.

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    • postit
    • 11. April 2013 21:09 Uhr

    dann stelle ich die ganze Thematik mal zurück. Aber ich werde in Zukunft sehr genau aufpassen, ob vor dem Wahllokal ungewöhnliche Lichterscheinungen zu beobachten sind.

    Schönen Abend noch
    postit

    • postit
    • 11. April 2013 21:09 Uhr

    dann stelle ich die ganze Thematik mal zurück. Aber ich werde in Zukunft sehr genau aufpassen, ob vor dem Wahllokal ungewöhnliche Lichterscheinungen zu beobachten sind.

    Schönen Abend noch
    postit

    Antwort auf "Suchttherapie -2-"

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  • Schlagworte Droge | Gehirn | Kokain | Medikament | Migräne | Neurologie
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