Leserartikel

DemenzDenken hilft

Leser R. Kunert erforscht das Gehirn. Er schreibt: Bildung und anspruchsvolle Hobbys halten unser Denkorgan fit, Vorsicht ist bei Erkenntnissen aus Tierversuchen geboten. von Richard Kunert

Als Doktorand der Gehirnwissenschaften werde ich oft gefragt, was man gegen den altersbedingten Verfall unseres Denkorgans tun kann. Meine Antwort klingt banal, ist aber fundiert: denken! Darüber berichten die ZEIT und ZEIT ONLINE zwar immer wieder. Aber Überschriften wie "Lernen schadet kurzfristig den Gehirnzellen" sind irreführend. Ergebnisse von Versuchen mit Mäusen lassen sich nicht 1:1 auf Menschen übertragen. Demenz können wir also nicht mit stupider TV-Unterhaltung bekämpfen.

Was aber hilft? Ein Team um Charles Hall schaute sich die kognitive Entwicklung von über 100 älteren New Yorkern über die Jahre an. Den Forschern fiel auf: Je höher gebildet die Senioren waren, desto später setzte eine merkliche Beschleunigung des altersbedingten kognitiven Abstiegs ein. Dies hat nichts mit deren Umfeld New York zu tun. Man kann es auch nicht mit der gesünderen Umgebung höher gebildeter Leute erklären. Ein Beispiel aus Bayern zeigt dies eindrücklich.

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Horst Bickel und Alexander Kurz von der TU München haben anhand von bayerischen Nonnen dargestellt, dass höhere Bildung Demenz aufhalten kann. Diese Schwestern leben unter dem gleichen Dach, essen das gleiche Essen, rauchen nicht, trinken kaum, haben wegen des Armutsgelübdes nicht einmal persönliche Habseligkeiten. Trotzdem gab es große Unterschiede in den Fallzahlen von Demenz. Fast 40 Prozent der weniger gebildeten Nonnen hatten Demenz im Vergleich zu nur 14 Prozent in der übrigen Gruppe.

Jedes zusätzliche Jahr, welches man in Bildung investiert, verzögert das Einsetzen des schnelleren geistigen Abstiegs um zweieinhalb Monate. Einen ähnlich großen Effekt haben geistig anspruchsvolle Hobbys. Forscher nennen diesen Effekt kognitive Reserve. Je mehr man sich davon aufgebaut hat, umso länger dauert es, bis sich der altersbedingte Gehirnverfall bemerkbar macht.

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Insofern ist es erfreulich, dass das allgemeine Bildungsniveau stetig steigt. Selbst Senioren besuchen heutzutage Universitäten. Außerhalb von Bildungsinstitutionen sind auch geistig anspruchsvollere Aktivitäten wie Kreuzworträtsel, Kartenspielen, Kunst und Kultur effektiv. Passive Freizeitbeschäftigungen wie Fernsehen haben dagegen keinerlei positiven Effekt auf die kognitive Reserve.

Das Forschungsfeld rund um die kognitive Reserve hat gezeigt, dass sie Demenz zwar Verzögern kann, aber nicht heilen. Trotzdem ist es erfreulich, dass wir altersbedingtem Gehirnverfall nicht völlig hilflos ausgesetzt sind. Jeder kann mit einfachen Mitteln etwas dagegen tun. Ein englisches Sprichwort ist der Erkenntnis, dass wir unser Denkorgan auch wirklich zum Denken benutzen sollten, schon lange voraus gewesen. Dort heißt es: Use it or lose it.

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Leserkommentare
  1. Das Gehirn erhält sich mit seinen Aufgaben. Neue Synapsen entstehen nur durch das Lösen von Aufgaben. Ein guter Ansatz sind Verrichtungen, die man nie oder selten erledigt hatte, z. B. statt der Rechten die Linke Hand benutzen,
    beim Essen das Besteck in die andere Hand nehmen, Merk-Aufgaben wie Memory etc.. Genial halte ich das Klavierspiel, Musizieren nach Noten überhaupt. Für wenig hilfreich dagegen erachte ich das Lesen ohne weitere
    Bearbeitung des Stoffs, da hier keine relevante Aufgabe besteht.

    5 Leserempfehlungen
  2. Richtig ist, daß die kognitive Reserve verhindert oder besser verzögert, daß man in einem Test für Demenz positiv auffällt. Das heißt, daß es einfach länger dauert, bis sich der Gehirnverfall bemerkbar macht.
    Vor allem richtig ist, daß die Demenz damit nicht geheilt wird. Man verwendet den übrig gebliebenen Rest einfach noch optimal.
    Das ist so ähnlich wie ein Rollstuhlfahrer der viel trainiert sehr starke Arme haben kann. Damit kann er lange mit einem seinen Rollstuhl sehr beweglich bleiben.
    Schon sprichwörtlich sind die geschärften Sinne von Blinden, die mit ihren antrainierten Fähigkeiten sich besser zurecht finden können, als einem Sehendem, dem man die Augen verbindet.
    Jedoch wird weder der Rollstuhlfahrer durch das Trainieren der Arme, plötzlich gehen, wie auch der Blinde nicht plötzlich sehen wird.

    Bei Leuten die ihre geistigen Fähigkeiten nicht trainiert haben, könnte der Artikel jedoch suggerieren, der Hirnverfall würde verzögert, während die kognitive Reserve nur dazu führt, daß sich die Symptome erst später bemerkbar machen.

    4 Leserempfehlungen
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    Denken hilft - und denkende Menschen, die an sich Anzeichen einer beginnenden Demenz feststellen, sind früher und mit höheren Erfolgsaussichten in der Lage, Gegenstrategien zu entwickeln.
    Ein paar einfache Maßnahmen sind bekannt: Mehr Bewegung, weniger Zucker.
    Kausalität folgt auf Koinzidenz.

    Sie schreiben:
    "..., könnte der Artikel jedoch suggerieren, der Hirnverfall würde verzögert, während die kognitive Reserve nur dazu führt, daß sich die Symptome erst später bemerkbar machen."

    Ich verstehe nicht, worin der Unterschied zwischen "verzögert" und "erst später bemerkbar machen" liegen soll. Ob es daran liegt, dass ich fast 70 bin?

  3. Denken hilft - und denkende Menschen, die an sich Anzeichen einer beginnenden Demenz feststellen, sind früher und mit höheren Erfolgsaussichten in der Lage, Gegenstrategien zu entwickeln.
    Ein paar einfache Maßnahmen sind bekannt: Mehr Bewegung, weniger Zucker.
    Kausalität folgt auf Koinzidenz.

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    Diabetes ist ein Risiko für eine Demenz. Auswirkungen auf die Gefäße, aber auch direkt auf die Nervenzellen, zusammen mit häufig vergesellschafteten Nebenerkrankungen erhöhen das Risiko für eine Demenz.
    Wenn jemand denken kann, so sollte er natürlich dieses Risiko vermeiden, und durch Gewichtsreduktion, Bewegung seinen Zuckerspiegel niedrig halten.
    Wurde jedoch schon eine Demenz festgestellt, das heißt es ist schon so viel Gehirn geschädigt, daß auch seine kognitive Reserve nicht mehr kompensieren kann, dann ist es wohl schon zu spät erst dann mit Bwegung etc. anzufangen.
    In dem link des Artikels http://brainsidea.wordpress.com/2013/01/07/delaying-dementia-without-pills/ steht: This beneficial effect of a cognitive reserve ... cannot stave off dementia ... or even slow it down once it kicks in. Nikolaos Scarmeas and colleagues from Columbia University (2006) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16484637 found that more highly educated New Yorkers above 65 lose their memory faster around the time of an Alzheimer’s disease diagnosis compared to less educated city dwellers.

  4. Diabetes ist ein Risiko für eine Demenz. Auswirkungen auf die Gefäße, aber auch direkt auf die Nervenzellen, zusammen mit häufig vergesellschafteten Nebenerkrankungen erhöhen das Risiko für eine Demenz.
    Wenn jemand denken kann, so sollte er natürlich dieses Risiko vermeiden, und durch Gewichtsreduktion, Bewegung seinen Zuckerspiegel niedrig halten.
    Wurde jedoch schon eine Demenz festgestellt, das heißt es ist schon so viel Gehirn geschädigt, daß auch seine kognitive Reserve nicht mehr kompensieren kann, dann ist es wohl schon zu spät erst dann mit Bwegung etc. anzufangen.
    In dem link des Artikels http://brainsidea.wordpress.com/2013/01/07/delaying-dementia-without-pills/ steht: This beneficial effect of a cognitive reserve ... cannot stave off dementia ... or even slow it down once it kicks in. Nikolaos Scarmeas and colleagues from Columbia University (2006) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16484637 found that more highly educated New Yorkers above 65 lose their memory faster around the time of an Alzheimer’s disease diagnosis compared to less educated city dwellers.

  5. Da musste ich ja doch etwas schmunzeln. Trauten Sie sich nicht, die ZEIT-Leser mit dem doch damit wahrscheinlich gemeinten Wort "Neurowissenschaften" zu konfrontieren?

    Zum Thema: Denken hilft zwar, nutzt aber nichts. Ein hohes prämorbides Niveau hilft nur dabei, die Folgen des Zerfalls nach außen zu verschleiern. Aus ein paar Begegnungen mit Patienten, die eigentlich wegen etwas ganz anderem ins Krankenhaus kommen (Schlaganfall, Sturz, epileptischer Anfall): anfänglich eigentlich noch ganz gut beisammen wirkend (selbstversorgend alleinlebend, guter Allgemeinzustand, gepflegte Erscheinung), und die dann im Stationsalltag (häufig besonders nachts) plötzlich delirant werden, umhergeistern, desorientiert wirken, sich auch selbst "durcheinander" fühlen etc. Eine neuropsychologische Testung kann dann durchaus erhebliche Gedächtnisstörungen und Defizite in anderen kognitiven Defiziten ans Tageslicht bringen, die bislang einfach noch nicht aufgefallen sind und auch noch nicht einmal alltagsrelevant waren, da eine entsprechende kognitive Reserve insbesondere bei der Entwicklung von Strategien hilfreich ist, die Gedächtnisschwierigkeiten zu kompensieren.

    Eine Leserempfehlung
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    Denken hilft zwar, nutzt aber nichts.

    Dies ist wahrscheinlich die knappeste und treffendste Zusammenfassung der Artikels.

    Man kann sehr gut einen Unterschied zwischen den Neurowissenschaften und den Gehirnwissenschaften machen. Waehrend man mit 'Neurowissenschaften' die Erforschung des Gehirns auf zellulaerer Ebene beschreibt, geht es bei den Gehirnwissenschaften um groessere Gehirnareale. Es lag mir also daran praezise zu formulieren, anstatt ZEIT-lesern wenig zuzutrauen.

    Was den Unterschied zwischen 'helfen' und 'nutzen' angeht, so bin ich mir nicht sicher, dass ich ihn gut verstehe. Wenn Menschen laenger ein selbstbestimmtes Leben fuehren koennen, weil ihre kognitive Reserve groesser ist, dann ist der praktische und gesellschaftliche Nutzen offensichtlich. Insofern kann man sagen, dass eine kognitive Reserve hilft, aelteren Menschen ein solches Leben zu ermoeglichen.

  6. Denken hilft zwar, nutzt aber nichts.

    Dies ist wahrscheinlich die knappeste und treffendste Zusammenfassung der Artikels.

    Antwort auf ""Gehirnwissenschaften""
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    für die Blumen :-)

    Gerade bei Demenzen hilft es, sich nicht nur theoretisch im Elfenbeinturm damit zu beschäftigen, sondern sich einmal ganz konkret auf den Boden der Tatsachen in der klinischen Versorgung bspw. in einer neurologischen oder psychiatrischen Klinik zu begeben. Nicht jede Gedächtnisstörung ist gleich eine Demenz. Solange Patienten nicht im Alltag beeinträchtigt sind, kann man ihnen keine Demenz geben, egal wie groß das Ausmaß der Defizite auch sein mag. Insofern schützt eine umfangreiche kognitive Reserve zwar nicht vor einer dementiellen Erkrankung, aber evtl. vor einer regelrechten (ICD-10-gemäßen) Demenzdiagnose.

  7. 7. Danke

    für die Blumen :-)

    Gerade bei Demenzen hilft es, sich nicht nur theoretisch im Elfenbeinturm damit zu beschäftigen, sondern sich einmal ganz konkret auf den Boden der Tatsachen in der klinischen Versorgung bspw. in einer neurologischen oder psychiatrischen Klinik zu begeben. Nicht jede Gedächtnisstörung ist gleich eine Demenz. Solange Patienten nicht im Alltag beeinträchtigt sind, kann man ihnen keine Demenz geben, egal wie groß das Ausmaß der Defizite auch sein mag. Insofern schützt eine umfangreiche kognitive Reserve zwar nicht vor einer dementiellen Erkrankung, aber evtl. vor einer regelrechten (ICD-10-gemäßen) Demenzdiagnose.

    Eine Leserempfehlung
  8. Man kann sehr gut einen Unterschied zwischen den Neurowissenschaften und den Gehirnwissenschaften machen. Waehrend man mit 'Neurowissenschaften' die Erforschung des Gehirns auf zellulaerer Ebene beschreibt, geht es bei den Gehirnwissenschaften um groessere Gehirnareale. Es lag mir also daran praezise zu formulieren, anstatt ZEIT-lesern wenig zuzutrauen.

    Was den Unterschied zwischen 'helfen' und 'nutzen' angeht, so bin ich mir nicht sicher, dass ich ihn gut verstehe. Wenn Menschen laenger ein selbstbestimmtes Leben fuehren koennen, weil ihre kognitive Reserve groesser ist, dann ist der praktische und gesellschaftliche Nutzen offensichtlich. Insofern kann man sagen, dass eine kognitive Reserve hilft, aelteren Menschen ein solches Leben zu ermoeglichen.

    Antwort auf ""Gehirnwissenschaften""
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    Sorry, komme selber aus der Ecke und habe den Begriff noch nie gehört. Wahrscheinlich haben Sie "brain sciences" oder sowas wörtlich übersetzt. In der deutschen Fachsprache wäre er mir ebenso neu wie die Vorstellung, dass sich Neurowissenschaftler nur mit zellulären Grundlagen befassen würden.

    So verlockend auch die Geschichte mit der kognitiven Reserve, die einem ein längeres selbstbestimmtes Leben ermöglicht, in der Theorie auch klingen mag, in der Praxis reicht ein eigentlich kurzer Krankenhausaufenthalt infolge eines Sturzes oder eines Infarktes aus, um eine ganze Fassade zum Einsturz zu bringen. Ob es für die Patienten wirklich besser ist, von heute auf morgen, wenn auch ein paar Jahre später, alle Gewohnheiten aufgeben und in eine völlig neue Situation gehen zu müssen, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist aber, dass bei bereits vorangeschrittener Demenz eine Heimeinweisung desaströse Folgen hat, v.a. eine Exazerbation der kognitiven Defizite bis hin zu delirantem und Fluchtverhalten, in Folge dessen dann meistens Neuroleptika und/oder Sedativa zum Einsatz kommen.

    Insofern sollte also eine gewisse kognitive Reserve, wenn sie denn zur Aufrechterhaltung einer funtionalen Fassade beiträgt, doch auch kritisch gesehen werden, wenn dahinter doch eine Demenz vorliegt. Dann kommt es nämlich evtl. zu einer verzögerten angemessenen Behandlung.

    "Denken schützt vor Demenz" ist so gesehen eine Kausalitätsbehauptung, der es dann doch einer belastbaren Grundlage mangelt

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bildung | Demenz | Essen | Fernsehen | Hobby | Kunst
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