Als Doktorand der Gehirnwissenschaften werde ich oft gefragt, was man gegen den altersbedingten Verfall unseres Denkorgans tun kann. Meine Antwort klingt banal, ist aber fundiert: denken! Darüber berichten die ZEIT und ZEIT ONLINE zwar immer wieder. Aber Überschriften wie "Lernen schadet kurzfristig den Gehirnzellen" sind irreführend. Ergebnisse von Versuchen mit Mäusen lassen sich nicht 1:1 auf Menschen übertragen. Demenz können wir also nicht mit stupider TV-Unterhaltung bekämpfen.

Was aber hilft? Ein Team um Charles Hall schaute sich die kognitive Entwicklung von über 100 älteren New Yorkern über die Jahre an. Den Forschern fiel auf: Je höher gebildet die Senioren waren, desto später setzte eine merkliche Beschleunigung des altersbedingten kognitiven Abstiegs ein. Dies hat nichts mit deren Umfeld New York zu tun. Man kann es auch nicht mit der gesünderen Umgebung höher gebildeter Leute erklären. Ein Beispiel aus Bayern zeigt dies eindrücklich.

Horst Bickel und Alexander Kurz von der TU München haben anhand von bayerischen Nonnen dargestellt, dass höhere Bildung Demenz aufhalten kann. Diese Schwestern leben unter dem gleichen Dach, essen das gleiche Essen, rauchen nicht, trinken kaum, haben wegen des Armutsgelübdes nicht einmal persönliche Habseligkeiten. Trotzdem gab es große Unterschiede in den Fallzahlen von Demenz. Fast 40 Prozent der weniger gebildeten Nonnen hatten Demenz im Vergleich zu nur 14 Prozent in der übrigen Gruppe.

Jedes zusätzliche Jahr, welches man in Bildung investiert, verzögert das Einsetzen des schnelleren geistigen Abstiegs um zweieinhalb Monate. Einen ähnlich großen Effekt haben geistig anspruchsvolle Hobbys. Forscher nennen diesen Effekt kognitive Reserve. Je mehr man sich davon aufgebaut hat, umso länger dauert es, bis sich der altersbedingte Gehirnverfall bemerkbar macht.

Insofern ist es erfreulich, dass das allgemeine Bildungsniveau stetig steigt. Selbst Senioren besuchen heutzutage Universitäten. Außerhalb von Bildungsinstitutionen sind auch geistig anspruchsvollere Aktivitäten wie Kreuzworträtsel, Kartenspielen, Kunst und Kultur effektiv. Passive Freizeitbeschäftigungen wie Fernsehen haben dagegen keinerlei positiven Effekt auf die kognitive Reserve.

Das Forschungsfeld rund um die kognitive Reserve hat gezeigt, dass sie Demenz zwar Verzögern kann, aber nicht heilen. Trotzdem ist es erfreulich, dass wir altersbedingtem Gehirnverfall nicht völlig hilflos ausgesetzt sind. Jeder kann mit einfachen Mitteln etwas dagegen tun. Ein englisches Sprichwort ist der Erkenntnis, dass wir unser Denkorgan auch wirklich zum Denken benutzen sollten, schon lange voraus gewesen. Dort heißt es: Use it or lose it.