Leserartikel

Nocebo-EffektKrank aus Angst

Leserin Sarah Lange hat einen Freund, der unter dem Nocebo-Effekt litt. Las er die Beipackzettel seiner Medikamente, traten die beschriebenen Nebenwirkungen bei ihm auf. von Sarah Lange

Übelkeit, Kreislaufprobleme, plötzlich auftretende Schmerzen in der linken Körperhälfte: Meinem Freund Chris ging es von Tag zu Tag schlechter. Die Symptome waren physischer Natur. Es dauerte Jahre, bis seine Ärzte herausfanden, dass die Ursache in der Psyche lag. Christ litt unter dem Nocebo-Effekt.

Die Symptome wurden mit der Zeit schlimmer. Chris sehnte sich nach einer konkreten Diagnose – selbst wenn es Krebs gewesen wäre. Dann hätten die Menschen in seiner Umgebung zumindest mehr Verständnis für ihn aufgebracht. Dann wäre Schluss gewesen mit dem unausgesprochenen Verdacht, er wäre ein Spinner.

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Die Ungewissheit, an welcher Krankheit er leidet, machte Chris noch mehr zu schaffen als die Symptome selbst. Fest stand nur, dass sie real und messbar sind: durch das Elektrodiagramm (EKG), Sonografie und eine Magnetresonanztomographie (Kernspin).

Chris war bei vielen Ärzten. Eine Psychologin erkannte schließlich den Nocebo-Effekt und half Chris, ihn zu überwinden. Zu den Ursachen seines Leidens gehörte permanenter Stress, vor allem durch das Arbeitsklima in seinem Büro. Solche äußeren Faktoren riefen gesundheitliche Ängste bei Ihm hervor, die sein Immunsystem beeinflussten. Tabletten, die er auf Anweisung von Ärzten einnahm, lösten bei ihm Nebenwirkungen jeglicher Art aus, weil er davon auf den Beipackzetteln gelesen hatte.

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Placebo-Nocebo-Forscher wie Fabrizio Benedetti von der Universität Turin untersuchen, welche Hirnregionen in solchen Fällen aktiv werden. Ein Botenstoff wird im Gehirn verarbeitet, der die Angst vor Schmerz in reale körperliche Leiden umsetzen kann.

Wenn Mediziner ihre Patienten durch falsch gewählte Worte verunsichern, kann dies bei entsprechend veranlagten Menschen den Nocebo-Effekt hervorrufen. Deutsche Ärzte widmen sich einem Patienten im Durchschnitt sieben Minuten.

Chris weiß mittlerweile, was er gegen den Nocebo-Effekt tun kann. Das Lesen von Beipackzetteln lässt er heute ganz bewusst sein.

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Leserkommentare
    • cielo
    • 27. April 2013 19:17 Uhr

    müsste ich ihn als Spinner, Scharlatan oder sonstetwas abtun, so wie es allen ergeht, die meinen, sie würden mit Homöopathe geheilt und das hier outen. Aber Sinne meines eigenen Vorteils lasse ich das hier mal schön bleiben :-)

    c.

    4 Leserempfehlungen
  1. placebo-nocebo sind spätestens seit dem 1.weltkrieg offiziell. gerade englische militärs nutzten den effekt bei verletzungen. und natuerlich liegt die ursache in der psyche, wie bei den meisten krankheiten.
    nocebos sind das kleine schreckgespenst der pharmaindustrie

    3 Leserempfehlungen
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    "und natuerlich liegt die ursache in der psyche, wie bei den meisten krankheiten."
    Können Sie das belegen?

  2. denn ich kriege Kopfschmerzen, wenn ich versuche das Medizinergestelze auf diesen Beipackzetteln zu lesen und zu verstehen.

    Verständlich sind diese Dinger jedenfalls nicht.

    2 Leserempfehlungen
  3. ...wie immer viel zu kurz. Wenn einem Leser schon Platz geboten wird, warum dann nicht ein wenig mehr? Dieser Artikel wirkt wie eine kurz gehackte, hastig verfasste Mail. Ich finde die Leser-Artikel toll und schätze es an dieser Zeitung sehr, dass sie eine solche Rubrik eröffnet hat. Aber die Artikel wirken halt immer wie: "naja ein wenig Platz ja, aber bitte nicht zu viel." Traut euch!

    17 Leserempfehlungen
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    • sevens
    • 28. April 2013 21:45 Uhr

    Absolute Zustimmung!

    Ich habe selber schon einige Leserartikel verfasst (einige wurden sogar tatsächlich veröffentlicht) - und bin begeistert davon, daß die ZEIT ihren Lesern einen so prominenten Platz einräumt. Weniger begeistert bin ich von der Praxis, die eingereichten Artikel bis zur Unkenntlichkeit zu redigieren. Inhaltliche Korrekturen sehe ich ein, wo sie einen begründbaren Hintergrund haben. Aber wem bringt es etwas, die Artikel auf Krampf zu komprimieren, bis sie ihren ursprünglichen Schliff und ihren Charakter verloren haben, bis sie nur noch bloße Informationsüberträger sind?

    Meine Theorie dazu: Möglicherweise gibt es unter den ZEIT-Lesern solche, die in der Lage sind, den "richtigen", d. h. bezahlten ZEIT-Autoren das Wasser zu reichen. Da könnte natürlich die Schaffung eines gewissen qualitativen Abstands sinnvoll sein.

    Liebe ZEIT, bitte löschen Sie dieses Posting nicht. Wie gesagt: Ich halte Ihre Idee, Leserartikel zu veröffentlichen für großartig. Meine Kritik gilt lediglich der Redigierungspraxis. Ein Statement hierzu wäre sinnvoll und würde sicherlich vielen Leserartikel-Schreibern gefallen.

    • Ortrun
    • 29. April 2013 7:54 Uhr

    Aus den FAQ
    Wie lang kann mein Leserartikel sein?
    Ihr Leserartikel kann maximal 3.000 Zeichen lang sein.

    Gut, ein paar mehr Wörter hätten schon noch gepasst, aber auch sich kurz zu fassen ist eine Kunst.

  4. Sorry, aber ohne diese kommt weder die Schulmedizin noch die Alternativmedizin aus.
    Ich möchte nicht wissen, wieviele Pharmaerzeugnisse nur deshalb wirken, weil man vorher weiss, dass sie "schlimme" Nebenwirkungen haben, oder wenn sie besonders teuer ist. Es gibt eben Leute, die daran glauben, dass Medizin "bitter" sein muss, sonst hilft sie nicht.
    Warum gerade aus diesen Kreisen auf der Homöopathie herumgehackt wird, erschließt sich mir nicht. Die Mechanismen sind doch in beiden Fällen die gleichen, nur dass die Homöopathie ohne schädliche Umweltbelastungen auskommt.

    5 Leserempfehlungen
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    Woher weiß man das Pharmazeutische Medis wirklich wirken?
    Weil man es testet man -.-. Man hat eine Placebotestgruppe und nur wenn es signifikante Langzeitwirkungen hat die über der Placebogruppe liegen, wird das Medikament zugelassen Versuchen sie mal hier keine Märchen zu schreiben. Das Zeug das auf den Markt kommt, wird intensiv getestet, da wird bei anderen Stellen getrickst. Eine Komponente hinzugemischt und schon ein frisches Patent, was viel Geld einbringt.
    Viel schwieriger als Placebostudien mit Medikamenten ist das Thema der Scheinoperation. Man weiß heute, Ärztliche Betreuung und moderne Maschinen lassen unsere Selbstheilungskräfte Imunsystem etc. anregen. Aber sollte man Menschen tatsächlich scheinoperieren? eine Vollnarkose ist ein berechenbares Risiko und die Kosten dafür sind kaum zu binden, weswegen viele vielleicht nützliche Operationen nicht zugelassen werden.

    Aber das ist ja auch okay. Es ist lange gut erforscht, dass der Placebo-Effekt sehr mächtig ist. Das wird bei uns immer etwas dargestellt, als seien solche Patienten "Hypochonder" wenn Placebos dann wirken. Das stimmt natürlich nicht. Die Psychosomatik ist einer der wichtigsten Faktoren in der Medizin. Freilich kann man das auch in der sog. Schulmedizin, ein schrecklicher Begriff, integrieren und braucht keinen Mikrokosmos aus kostentreibender "alternativen Medizin", die das ganze etwas ökologischer und humanistischer verpackt: Leute fühlen sich beim "Heilpraktiker" ja alleine schon wohler als in der normalen Arztpraxis weil es dort häufig nach Reformhaus riecht, statt Neonröhren und weißen Kunststoffoberflächenmöbeln gibt es eine Umgebung aus Naturholzmöbeln, weicher Beleuchtung, Pflanzen...alternative Medizin nimmt sich auch mehr Zeit fürs Patientengespräch...das gehört aber eigentlich auch zur "Schulmedizin", deswegen heißt es noch heute SPRECHstunde! Aber das Abrechnungssystem unseres Gesundheitswesens hat das zerstört, das entlohnt eben nur Gerätemedizin und Pharmazeutik, dafür kann aber die pöse "Schulmedizin" nichts!

    Es ist auch lange belegt dass z.B. Patienten den bitteren Geschmack von Erkältungsmittelchen "verlangen", nur dann fühlen sie diesen "Jetzt habe ich was genommen, das gibt mir Linderung"-Effekt. Wenn eine Arznei "gut schmeckt", das kann man heute durchaus so herstellen, glauben die Leute nur an eine geringe Wirksamkeit. Ebenso wenn etwas "rezeptfrei" ist.

  5. Woher weiß man das Pharmazeutische Medis wirklich wirken?
    Weil man es testet man -.-. Man hat eine Placebotestgruppe und nur wenn es signifikante Langzeitwirkungen hat die über der Placebogruppe liegen, wird das Medikament zugelassen Versuchen sie mal hier keine Märchen zu schreiben. Das Zeug das auf den Markt kommt, wird intensiv getestet, da wird bei anderen Stellen getrickst. Eine Komponente hinzugemischt und schon ein frisches Patent, was viel Geld einbringt.
    Viel schwieriger als Placebostudien mit Medikamenten ist das Thema der Scheinoperation. Man weiß heute, Ärztliche Betreuung und moderne Maschinen lassen unsere Selbstheilungskräfte Imunsystem etc. anregen. Aber sollte man Menschen tatsächlich scheinoperieren? eine Vollnarkose ist ein berechenbares Risiko und die Kosten dafür sind kaum zu binden, weswegen viele vielleicht nützliche Operationen nicht zugelassen werden.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Placebo und nocebo..."
  6. Deutsche scheinen ein besonderes Problem damit zu haben, dass Medikamente erwünschte und unerwünschte Wirkungen besitzen. Wenn ein Medikement keine Nebenwirkung ausübt, hat es meistens auch keine Wirkung. Deswegen sind homöopathische Mittel auch so gut verträglich...

    Es wäre eigentlich die Aufgabe des Arztes, den Patienten darüber aufzuklären und im gemeinsamen Gespräch eine Kosten-Nutzen-Abwägung von erwünschten und unerwünschten Wirkungen durchzuführen. Genau daran scheitert es allerdings oft. Der Patient bekommt ein Rezept in die Hand gedrückt und studiert dann zu Hause alleine den Beipackzettel, den er wegen mangelnder Sachkenntnis gar nicht richtig interpretieren kann. Hier versagt der unter Zeitdruck stehende Arzt.

    In diesem Fall scheint es allerdings eine psychodynamische Erklärung zu geben--Überforderung bei der Arbeit und sekundärer Gewinn durch Krankheit.
    Da können Medikamente selbstverständlich nicht helfen; denn sie würden ja den Gewinn durch die Erkrankung negieren. Stattdessen verschaffen sie zusätzlichen Gewinn durch Nebenwirkungen und ersetzen damit die Funktion der Krankheitssymptome.

    Für einen Patienten ist es eben einfacher zu sagen, "Ich bin krank bzw habe Nebenwirkungen" als "Ich bin überfordert", auch wenn er jeden Grund hat, überfordert zu sein. In einem ausschließlich auf Effizienz und Profitstreben augerichteten Arbeitsmarkt ist Überforderung ein Normalzustand, und Krankheit oft die einzige Art der Gegenwehr.

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  7. Herr Chris hat nicht einfach Angst - er hat Angst, gepaart mit Empathie. Hier liegt das eigentliche Problem - und auch die Wurzel der Störung zugleich.

    Empathie bedeutet Einfühlungsvermögen: der empathisch Fühlende nimmt die Gefühle oder körperlichen Zustände seines Gegenübers auf und empfindet sie selbst, auch ganz real im Körper. Das bedeutet im Klartext: er kann sich nicht abgrenzen. Und das war das Problem im Job.
    Das Problem des Nicht-Abgrenzen-Könnens kommt ziemlich sicher aus der frühen Kindheit. Das Erleben eines Traumas führt etwa dazu. Zum Beispiel versuchen Kinder, die im Elternhaus Streit, Aggression, Gewalt erleben, diese abzufedern - sie übernehmen vom schwächeren Elternteil körperliche oder seelische Schmerzen, Wut, Trauer. Mitgefühl wird zu Mitleid.
    Es muss natürlich nicht das Elternhaus sein - auch ein "Tierdrama", ein brutaler Film, Krieg (real oder im Film) kann ein traumatisch empfundenes Mitleid auslösen.

    Sicher gibt es noch andere Faktoren. Aber die Ursache muss erkannt und verarbeitet (verziehen) werden: daran führt kein Weg vorbei.
    Aber leider ist unsere Medizin groß im Zudecken. Man guckt einfach nicht hin, man beachtet die Seele und ihr Leiden nicht. (Bei körperlichen Krankheiten heißt das: Man behandelt isoliert ein Organ.)

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  • Schlagworte Immunsystem | Mediziner | Psyche | Schmerz | Stress | Arzt
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