PharmaskandalDie Halbwahrheiten über DDR-Menschenversuche

Wie unethisch waren Pharmatests mit Frühchen und Depressiven in der DDR wirklich? Derzeit wird viel darüber gesprochen, manches aber verschwiegen. von 

Journalisten vollführen eine Gratwanderung. Sie sehen es als ihre Aufgabe, die Gesellschaft aufzuklären. Doch sie sind auch Menschen, die gerne Geschichten erzählen. Und welche Geschichte ist spannender, als die über einen Skandal? Die Grenze zwischen der investigativen Recherche, die Skandale aufdeckt und skandalösem Journalismus ist unscharf. Die derzeitigen Diskussionen um Arzneimitteltests in der DDR zeugen davon, wie leicht sie überschritten werden kann.

Es ist ein Skandal, wenn auch nur ein einziger Patient ohne Aufklärung und Einverständniserklärung in Arzneimitteltests eingebunden wurde, wie es vor einigen Monaten die MDR-Autoren Stefan Hoge, Carsten Opitz und Hannes Schuler herausfanden. Wenn Arzneimittelprüfungen in den achtziger Jahren in der DDR nicht aus medizinischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Interessen durchgeführt wurden. Wenn nicht der mögliche Nutzen, sondern die pure finanzielle Not Ärzte zu klinischen Studien bewegten – dann ist das ein Skandal.

Anzeige

All diese Verdachtsmomente sind nicht neu. MDR, Arte, vor allem die Sächsische Zeitung, aber auch der Tagesspiegel berichten seit mehr als zwei Jahren von Patienten und Dokumenten aus der DDR, die solche Zustände beschreiben. Top-Thema wurde die Geschichte jedoch erst, nachdem der Spiegel die, wie die Autoren schreiben, "Menschenversuche" von Westpharmafirmen aufgriff. Aus einem Wirtschaftsskandal wurde ein Medizinskandal.

"Menschenversuch" ist ein Begriff, den der Medizinhistoriker Volker Hess von der Berliner Charité überhaupt nicht mag. Er suggeriere, dass Patienten nicht von den Arzneimitteltests profitieren würden, sagt er im Deutschlandfunk. Doch klinische Studien am Menschen sind – und waren es auch in den achtziger Jahren – ein gesetzlich vorgeschriebener und international geltender Teil der Medikamentenentwicklung. In drei Phasen müssen sich zunächst Nebenwirkungen, Wirkungen und schließlich in großen Patientengruppen der tatsächliche Nutzen einer Arznei zeigen. Das gilt in besonderer Weise für Frühgeborene.

Die im Spiegel aufgedeckten Studien an Säuglingen in der DDR aber gaben dem DDR-Pharmaskandal eine ganz neue Brisanz. Von Versuchen ist die Rede, die "der westdeutschen Bevölkerung wohl kaum zu vermitteln gewesen wären": Testete da doch das Unternehmen Boehringer Mannheim (heute Roche) an "unreifen Frühgeborenen … die als Dopingmittel missbrauchte Substanz Erythropoetin (Epo)". Babys im Menschenversuch? Noch dazu an der berühmten Charité? Das wäre nicht zu tolerieren.

Epo kann Frühchen das Leben retten

Doch worum ging es bei den Epo-Studien überhaupt? Das körpereigene Hormon regt das Knochenmark an, mehr rote Blutkörperchen zu produzieren und in die Adern abzugeben. Als es dem Pharmahersteller Amgen 1988 gelang, den Botenstoff biotechnisch herzustellen, galt dies als Sensation. Menschen, die krankheitsbedingt oder durch eine Chemotherapie an Blutarmut leiden, kann Epo belastende Bluttransfusionen ersparen. "Und auch so manchem Frühchen", sagt Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie an der in Misskredit geratenen Charité in Berlin. Denn Babys, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, schaffen es oftmals nicht, ihren Bedarf an roten Blutkörperchen selbst zu decken. "Sie wachsen drei Mal schneller als reife Neugeborene. Die Blutbildung kommt der rasanten Körperzunahme nicht nach. Zudem muss man ihnen aus medizinischen Gründen häufig Blut abnehmen", sagt Bührer. Retten konnten die Kinder in den achtziger Jahren eben lediglich Bluttransfusionen.

Als Epo nun künstlich hergestellt werden konnte, versuchten Ärzte weltweit in Studien, die Blutbildung von Frühchen durch das Mittel zu stimulieren. Auch an der Berliner Charité. "Anders jedoch als im Spiegel dargestellt, wurden nicht 30 sondern vier Frühchen mit Epo im Rahmen einer übergreifenden klinischen Studie behandelt, an der drei westdeutsche und eine britische Klinik beteiligt waren", erzählt Rolf Maier, Direktor der Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Marburg und einer der Ärzte, die damals die Studie leiteten. Die Einverständniserklärung der Eltern sei in jedem einzelnen Fall eingeholt worden. Die Studie, die zwischen April 1989 und Februar 1990 durchgeführt wurde, liegt ZEIT ONLINE vor. Sie wurde von den Ethikkommissionen der teilnehmenden westlichen Länder genehmigt. In der DDR hätten zwar 30 Frühchen in die Studie aufgenommen werden dürfen. Tatsächlich nahmen aber nur zehn Teil, sechs davon in einer Kontrollgruppe. Insgesamt wurden 171 Eltern aus Deutschland und Großbritannien um Zustimmung gebeten. 19 verneinten. Letztlich wurden 93 Frühgeborene in die Studie eingeschlossen, von denen 43 mit Epo behandelt wurden. 

Dieser Arzneimitteltest an Frühchen wurde also nicht geheim in der DDR, sondern mehrfach abgesegnet in mehreren Ländern durchgeführt. Derzeit ist nicht bekannt, ob es zusätzliche Untersuchungen mit Epo gab, die die ethischen Kriterien nicht erfüllten.

Leserkommentare
  1. Menschenversuche in der "DDR" reinzuwaschen oder zu verharmlosen.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sich vielleicht mal Gedanken darüber machen, worüber sie reden.
    Natürlich müssen Medikamente getestet werden und natürlich müssen sie bei einem so komplexen Wesen, wie dem Menschen, vorher auch in Feldstudien an Menschen getestet werden.
    Ihre moralischen Abneigung gegen Menschenversuche ist völlig fehl am Platz, solange sie keine Alternativen aufzeigen können.
    Ich habe manchmal das Gefühl, dass bei einigen Menschen ein Beißreflex ausgelöst wird, sobald der Begriff "Menschenversuch" fällt.
    Ich bin beileibe kein Freund der DDR, aber solange wissenschaftliche und medizinische Standards eingehalten werden sind Menschenversuche nicht nur okay, sondern notwendig.

    Redaktion

    Liebe(r) Calzone,

    der Bericht verharmlost die Machenschaften zwischen DDR-Regime und westlichen Pharmafirmen keineswegs. Nur einige der geschilderten klinischen Studien verliefen wohl anders als bislang geschildert. Natürlich bedeutet das nicht, dass grundsätzlich in allen Studien Patienten ausreichend informiert worden sind. Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen DDR und Pharmaunternehmen sind und bleiben ein Skandal.

    bezgl. klinischer Studien zu zeigen.

  2. sich vielleicht mal Gedanken darüber machen, worüber sie reden.
    Natürlich müssen Medikamente getestet werden und natürlich müssen sie bei einem so komplexen Wesen, wie dem Menschen, vorher auch in Feldstudien an Menschen getestet werden.
    Ihre moralischen Abneigung gegen Menschenversuche ist völlig fehl am Platz, solange sie keine Alternativen aufzeigen können.
    Ich habe manchmal das Gefühl, dass bei einigen Menschen ein Beißreflex ausgelöst wird, sobald der Begriff "Menschenversuch" fällt.
    Ich bin beileibe kein Freund der DDR, aber solange wissenschaftliche und medizinische Standards eingehalten werden sind Menschenversuche nicht nur okay, sondern notwendig.

    19 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Netter Versuch"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    An wieviel und an welchen Studien/Medikamententests haben Sie persönlich und Ihre Kinder schon teilgenommen?

  3. Redaktion

    Liebe(r) Calzone,

    der Bericht verharmlost die Machenschaften zwischen DDR-Regime und westlichen Pharmafirmen keineswegs. Nur einige der geschilderten klinischen Studien verliefen wohl anders als bislang geschildert. Natürlich bedeutet das nicht, dass grundsätzlich in allen Studien Patienten ausreichend informiert worden sind. Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen DDR und Pharmaunternehmen sind und bleiben ein Skandal.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Netter Versuch"
  4. bezgl. klinischer Studien zu zeigen.

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Netter Versuch"
    • KBV
    • 17. Mai 2013 14:05 Uhr

    Sehr guter Artikel, da er doch die allgegenwärtige Medienhype darstellt.
    Der Druck um Auflagezahlen und Einschaltquoten ist hoch und seit "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" hat die Öffentlichkeit anscheinend immer noch nichts gelernt, im Gegenteil. "Don´t confuse me with facts" ist das Credo der Ideologen und Wahrer von Verschwörungstheorien, die blind den Empörungen nachheulen....gell, leiber Calzone!

    16 Leserempfehlungen
  5. ...zeigt einmal wieder, dass Tierversuche endlich vollkommen dereguliert werden müssen. Hätte es damals in der BRD nicht so strenge Regelungen für medizinische Tierversuche gegeben, wären diese Tests wahrscheinlich nicht einmal nötig gewesen. Auch heute noch sind medizinische Studien am Tier zu sehr eingeschränkt, das muss sich zum Wohle der Menschen ändern!

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Meist sind in Tierversuchen ohnehin lange schon Studien erfolgt, bis überhaupt erst Tests am Menschen zugelassen werden (bzw. es auch überhaupt nur ein Unternehmen oder einen Wissenschaftler interessiert, ob ein Medikament auch beim Menschen helfen könnte - und somit profitabel wäre)

    Wenn ich an einer tödlichen Erkrankung litte, für die es keine gängige und erfolgreiche Behandlung gäbe, dann würde ich an mir sogar gerne freiwillig neue Medikamente testen lassen.

    Im besten Fall hülfen sie mir.
    Im zweitbesten Fall lieferte es zumindest Erkenntnisse um künftig anderen Menschen zu helfen.

    Meinen Organspenderausweis würde ich um diese Erklärung gerne ergänzen.

    Mir wäre es sogar am liebsten, wenn es überhaupt keine Versuche an Tieren- um "dem Menschen" zu helfen - mehr gäbe.

    Jetzt, da es doch endlich möglich ist Menschen zu klonen, wäre das eine ethische und moralische Alternative.

    Die Tiere leiden schon genug unter uns Menschen.

    • BeJuWi
    • 17. Mai 2013 15:29 Uhr

    Es ist genau anders herum. Klinische Studien müssen immer und in jedem Fall durchgeführt werden! Eine lockerere Gesetzgebung für Tierversuche nützt da überhaupt nichts.
    Ihre Argumentation ist schlichtweg falsch.

    Die Aussagekraft von Tierversuchen ist recht begrenzt. Nicht ohne Grund sind im Gefolge von Tierversuchsstudien mehrere Phasen von Studien an Menschen nötig, wenn es um die Erprobung von neuen Behandlungsmethoden geht (wie auch im übrigens sehr guten Artikel erwähnt).
    Organismus und Metabolismus von Tier und Mensch kann sich u.U. deutlich unterscheiden. So können beispielsweise für den Menschen harmlose Substanzen bei manchen Tierarten tödlich wirken und umgekehrt. Tierversuche können keinesfalls Versuche am Menschen ersetzen!

  6. Dass der Medizinhistoriker Volker Hess von der Berliner Charité die Debatte überhaupt nicht mag, ist nicht verwunderlich, geht es doch bei solchen Geschichten vor den Patienten zunächst um das Ansehen des Medizinerstandes und ihrer Einrichtungen. Die Charité hatte auch sofort mit einem Ende eines fortschrittlichen Programms zur Behandlung von pädophilen Patienten reagiert, als man dort merkte, dass der ach so wichtige Ruf in der Öffentlichkeit Schaden zu nehmen droht, anstatt sich einer ethischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu stellen. Ebenso wurde die Debatte über mangelnde Standards bei der Sauberkeit anlässlich des Todes von Säuglingen durch diese Kreise möglichst schnell abgewürgt. Das passt alles zusammen.

    Eine Leserempfehlung
  7. Die Kritik am Spiegel verstehe auch ein bisschen als Selbstkritik(?) hinsichtlich der allgemeinen journalistischen Sorgfaltspflicht, die auch Zeit-Online Redakteure betrifft (und die leider auch hier mitunter hintenangestellt wird).

    Die neuen Medien zwingen zum einen die Printmedien zu immer reißerischen Aufmachern und auch innerhalb der Internetauftritte muss mindestens alle halbe Stunde eine neue Nachricht über den Bildschirm flimmern und sei sie noch so ungeprüft.
    Das sind wettbewerbsbedingte Anforderungen, die anscheinend schnell dazu verführen, mit Halbwahrheiten oder sogar expliziten Unwahrheiten (siehe z.B. ZDF-Heute und CSU) eine Dramatisierung zu betreiben, damit etwas möglichst emotional-spektakulär und damit verkaufsfördernd rüberkommt.

    Irgendwie nachvollziehbar, aber leider bleibt bei dieser Form von marktkonformem (Turbo)Journalismus eines auf der Strecke:
    Die Glaubwürdigkeit nämlich.

    In einer Welt der Werbelügen, Lobbyisten und Sprechblasenakrobatiker gibt es ohnehin kaum noch zuverlässige Orientierungspunkte hinsichtlich des Informationserwerbs. Und wenn jetzt auch noch die bisherigen "Institutionen" des glaubwürdigen Journalismus in Deutschland anfangen, sich mit Halblügen über Wasser zu halten, dann ist das Reich der völligen Beliebigkeit und die Anomie der Gesellschaft nicht mehr fern.

    Daher danke für diesen "Krähen"-Artikel, der in der Tat nichts verharmlost, sondern nur einige "Sensationen" auf den Boden der Tatsachen holt.

    13 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte DDR | Menschenversuch | Schlaganfall | Spiegel | Studie | Mannheim
Service