Klonstudie : "So offensichtliche Mängel hätten auffallen müssen"

In der Studie zu menschlichen Klonen haben Forscher Ergebnisse schlampig zusammengestellt. Enttäuschend, dass Gutachter das übersahen, sagt Forschungsexpertin T. Brown.

ZEIT ONLINE:Menschliches Leben kann geklont werden – diese Nachricht ging in der vergangenen Woche als Sensation durch die Medien. Jetzt besteht der Verdacht, dass die Studie Fehler, schlimmstenfalls Fälschungen enthält. Werden Studien vor der Veröffentlichung nicht kontrolliert?

Tracey Brown: Doch, natürlich. Bei großen Fachzeitschriften gibt es das Peer-Review-Verfahren. Wenn eine Forschergruppe ihre Ergebnisse bei einer Zeitschrift einreicht, lassen die Redakteure sie in der Regel von drei oder vier Fachleuten begutachten. Das sind meist Wissenschaftler, die im gleichen Fachbereich forschen wie die Autoren der Studie. Die Aufgabe der Peers ist es allerdings nicht, in den Studien nach Betrug und Fälschung zu suchen. Sie sollen lediglich bewerten, ob die darin beschriebenen Erkenntnisse tatsächlich neu und wichtig für das Fachgebiet sind.

ZEIT ONLINE: Es prüft also niemand, ob die Daten stimmen?

Brown: Die Forscher müssen ihre Methoden vollständig und verständlich darstellen, damit andere die Versuche reproduzieren können. Wenn also jemand seine Messergebnisse fälscht, fliegt das spätestens auf, wenn andere Wissenschaftler auf dem Gebiet weiterforschen und dafür die Messungen wiederholen wollen.

ZEIT ONLINE: Sollten die Gutachter das nicht schon vor der Veröffentlichung machen?

Brown: Wie soll das gehen? Die Gutachter sind meistens selbst sehr erfolgreiche und gute Forscher, die mit ihrer eigenen Arbeit ausgelastet sind. Sie können nicht nebenbei Versuche anderer Forscher nachmachen, um zu prüfen, ob sie zu den gleichen Ergebnissen kommen. Auch Laborbegehungen oder eine Überprüfung der Messgeräte wären viel zu aufwendig. Schließlich arbeiten die Gutachter nicht immer im gleichen Land wie die Studienautoren.

Tracey Brown

Tracey Brown ist Direktorin der britischen Stiftung "Sense About Science". Diese setzt sich dafür ein, dass die Öffentlichkeit besser über Vorgänge in der Wissenschaft informiert wird.

ZEIT ONLINE: So viel Aufwand muss vielleicht gar nicht sein. Bei der Klonstudie hätten die Gutachter nur genauer hinschauen müssen: Abbildungen wurden mehrfach verwendet.

Brown: Das ist einer der häufigsten Fehler in Fachartikeln. Und meist ist es gar keine böse Absicht. Die Forscher wollten vielleicht bestimmte Ausschnitte eines Bildes hervorheben, damit der Leser es besser sehen kann. Deshalb haben sie es noch einmal vergrößert gezeigt. Das ist noch harmlos. Manchmal bearbeiten Forscher Abbildungen sogar mit Computerprogrammen, um Details besser erkennbar zu machen. Sie wissen nicht, dass das gegen wissenschaftliche Prinzipien verstößt. Deshalb haben viele Magazine inzwischen ihre Regeln zu Bildern in Fachartikeln verschärft. Allerdings finde ich es auch enttäuschend, dass die Gutachter die Fehler in diesem Fall übersehen haben. So offensichtliche Mängel hätten ihnen auffallen müssen. Es wäre ihre Pflicht gewesen, die Redakteure des Magazins Cell zu informieren. Gerade bei einer derart spektakulären Studie.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Peer-review ist sehr zeitaufwendig...

Meiner Meinung nach pruefen alle Gutachter einer Studie, sofern sie qualifiziert sind und ausreichend Zeit haben, auf Plausibilitaet der beschriebenen Ergebnisse. Somit lasse ich das Argument von Ms Brown nicht gelten, dass Ergebnisse nicht ueberpruefbar waeren. Es ist nur leider sehr muehselig und zeitaufwendig, als Gutachter derart tief in die Methodik und Ergebnisse der Studie einzusteigen, sodass man pro Studie 4-8 Stunden Zeitaufwand realistisch einplanen sollte.
Wie in jedem wissenschaftlichen Feld gibt es ein paar grosse Namen im Stammzellgebiet, die bevorzugt solche high impact Studien zur Pruefung bekommen. Diese Leute haben meist bereits eine 80 h Woche und somit ergeben sich 2 Moeglichkeiten: 1) sie begutachten selbst innerhalb sehr kurzer Zeit ohne genau hinzuschauen, oder 2) sie leiten die Arbeit an einen geeigneten Wissenschaftler in ihrer Gruppe weiter, der diese Arbeit fuer sie erledigt. Aus Zeit-, Einfachheits- sowie Prestigegruenden wuerde ich annehmen, viele waehlen Option 1), was die Resultate des oftmals schlechten peer-reviews erklaeren lasst.

@HighOnBonsai: Ich finde Ihren Vorschlag gut, die Qualitaet der Gutachterkommentare separat zu bewerten. Im Endeffekt muesste es dann auch heissen, dass jemand, der mehrmals unangemessene Kommentare abgibt, als Gutachter von der Zeitschrift gesperrt wird.

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"Meiner Meinung nach pruefen alle Gutachter einer Studie, sofern sie qualifiziert sind und ausreichend Zeit haben, auf Plausibilitaet der beschriebenen Ergebnisse. Somit lasse ich das Argument von Ms Brown nicht gelten, dass Ergebnisse nicht ueberpruefbar waeren."

Es ist ein elementarer Unterschied, ob ich die Plausibilität von Ergebnissen überprüfe oder die Ergebnisse selbst überprüfe. Falsche Ergebnisse sind nicht automatisch auch unplausibel. Ms Browns Aussage ist korrekt.

"Es ist nur leider sehr muehselig und zeitaufwendig, als Gutachter derart tief in die Methodik und Ergebnisse der Studie einzusteigen, sodass man pro Studie 4-8 Stunden Zeitaufwand realistisch einplanen sollte."
Im vorliegenden Fall hatten die Gutachter 4 Tage.

Infiniter Regreß

Der Vorschlag, die Kommentatoren von anderen Kommentatoren prüfen zu lassen, scheint prima vista vernünftig, aber wohin sollte das führen? Müßten die Kontrollkommentatoren denn nicht auch geprüft werden, diese ebenfalls und so weiter? Da die Zahl kompetenter Reviewer sehr sehr endlich ist, würde der zu erwartende infinite Regreß sehr rasch in einem Circulus vitiosus enden, und bei einer, in der Praxis natürlich völlig abwegigen Doppelblindheit, würde es dann nicht lange dauern, bis man sich selber reviewt, und genau das geschieht ja bereits, denn das peer reviewing ist im allgemeinen nur Augenwischerei, man könnte auch von Systemkosmetik sprechen.

Skandal

Das ist genau der Grund, dass ich in einem Kommentar zu dem Thema darum gebeten habe, dass wir durch die Zeit(ung) aufgeklärt werden, was bei diesem Klonen eigentlich passiert.
Die Welt hat sich weiter gedreht - es hat sich einiges getan seit Mendel. Und je mehr wir wissen über Genetik, desto mehr wird klar, dass hier ein ganz feines Regelsystem vor uns liegt. Die Komplexität ist allerdings so groß, dass wir noch ganz weit weg sind, von einem finalen Verständnis. Selbst wenn, ist dann noch lange nicht gesagt, dass wir auch die manipulativen Techniken entwickeln können.
Wenn man die Relativitätstheorie verstanden hat, weiß man, dass eine Maschine, mit der man durch die Zeit reisen kann, eine Ente sein muss. Und dann schaut man zuerst, ob nicht zufällig der 1. April ist und rennt nicht gleich los und schreibt Sonderausgaben.

Fazit: In den nächsten 20, eher 30 Jahren wird sich jede Meldung zum Menschenklonen als gescheiterter Versuch entpuppen.
Und moralisch sollte man sich lieber um die hilfsbedürftige Nachbarin kümmern, als sich darüber aufzuregen, dass omnipotente Stammzellen zu Experimenten verwendet werden.
Wenn man keine Ahnung hat...