BrustkrebsFrüherkennung ist nicht ohne Risiko

Mittels Mammografie lassen sich Tausende Frauen auf Brustkrebs untersuchen. Das rettet nur vereinzelt Leben, weit häufiger machen sich gesunde Frauen unnötig Sorgen. von Christian Endt

Aus Angst vor Krebs hat sich die Schauspielerin Angelina Jolie beide Brüste entfernen lassen. Ihr Arzt hatte in ihrem Erbgut ein Gen entdeckt, das das Risiko für Brustkrebs erhöht. Zum Glück ist das Gen selten – so drastische Maßnahmen wie Jolie müssen also die wenigsten ergreifen. Zudem gibt es eine Möglichkeit, Brustkrebs früh zu erkennen: die Mammografie.

 

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Das ist eine spezielle Form der Röntgenuntersuchung, die selbst wenige Millimeter kleine Tumore sichtbar macht, die der Frauenarzt bei der Vorsorgeuntersuchung nicht ertasten kann. Seit 2009 gibt es überall in Deutschland Kliniken, die die Mammographie für Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren anbieten. Für Frauen in dieser Altersgruppe ist das Brustkrebsrisiko besonders hoch. Deshalb erhalten sie alle zwei Jahre eine Einladung zum Screening.

Meist nehmen mehr als die Hälfte von ihnen diese Einladung an. Ihre Hoffnung: Wenn sie regelmäßig zum Screening gehen, kann eine potenzielle Krebserkankung erkannt werden, bevor sie lebensgefährliche Ausmaße annehmen. Je früher ein Tumor erkannt wird, umso besser stehen die Heilungschancen. Und bei der Mammografie – so werben Kliniken und Krankenkassen – werden Tumore weitaus seltener übersehen als bei anderen Untersuchungsmethoden.

Brustkrebs-Diagnose für gesunde Frauen

Dennoch ist die Untersuchung umstritten. Ein Kritikpunkt ist, dass das Screening Tumore zu einem Zeitpunkt erkennt, in dem Ärzte ihre Gefährlichkeit noch gar nicht einschätzen können. Verdachtsdiagnosen stellen Ärzte bereits dann, wenn die Röntgenbilder winzige Verkalkungen im Brustgewebe anzeigen, deren Form auf Vorstufen eines Tumors hindeuten. Ob es sich tatsächlich um Tumore handelt, wissen die Patienten erst nach weiteren Untersuchungen. Die möglicherweise unnötige Angst kann für sie eine enorme psychische Belastung bedeuten.

Und selbst wenn die auffälligen Stellen sich als Tumor entpuppen, müssen sie nicht bösartig sein. Wie schnell ein Tumor wächst und, ob er eines Tages Metastasen streuen wird, zeigt sich oft erst später. Im schlimmsten Fall werden also gesunde Patienten als krebskrank eingestuft, obwohl die entdeckten Tumoren nie zu einer Erkrankung geführt hätten. Es kann auch bedeuten, dass Ärzte ihren Patientinnen zu Therapien wie etwa Bestrahlung und Chemotherapie raten, die ihrer Gesundheit schaden und nicht notwendig gewesen wären. 

Leserkommentare
  1. oder können zumindest immer mehr wissen - vielleicht manchmal mehr als uns lieb ist.

    Die wahre Herausforderung besteht dann darin, ob wir alles (z.B. über Krankheitsrisiken) wissen wollen und ob wir auch entsprechend angemessen damit umgehen können ohne in Hysterie oder Lethargie zur verfallen. Ich vermute, dass sich wenige wirklich sicher sein können, ob sie sich wirklich im Fall des Falles so rational verhalten können, wie sie sich das vielleicht wünschen.

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    • brazzy
    • 15. Mai 2013 10:07 Uhr

    ...viel schlimmer aber die andere: nichts wissen wollen. Bei all dem Gerede über falsch-positive Diagnosen sollte man nicht vergessen dass eine beträchtliche Zahl an Frauen qualvoll stirbt weil es *gar keine* Diagnose gab, weil sie deutlichste Anzeichen für einen Bruskrebs verdrängt haben und erst zum Arzt gehen wenn der Tumor nicht mehr nur tastbar oder sichtbar ist, sondern akute Beschwerden verursacht. Dann gibt es natürlich längst Metastasen und keine Überlebenschance mehr. Meine Freundin ist Krankenschwester auf einer Krebsstation und erlebt ständig solche Fälle.

    Aufrufe zur Früherkennung sind eine Reaktion auf diese Problematik, keine Verschwörung der bösen Mammographenhersteller-Lobby!

    • Gwerke
    • 14. Mai 2013 21:51 Uhr

    ... sind sicher ernsthaft daraufhin abzuprüfen:
    "Das eine gerettete Leben ist zweifellos ein medizinischer Fortschritt. Aber es muss abgewogen werden mit der psychischen Belastung für 50 Frauen, die fälschlicherweise mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert werden."

    Dies gilt anscheinend nicht nur für Brustkrebs im Besonderen sondern für die Krebsfrüherkennung im Allgemeinen, siehe auch: "Wer sorgt hier vor? Oder: Wem die Krebsfrüherkennung nutzt" dort nachzulesen:

    http://www.uke.de/institu...

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    • gorgo
    • 15. Mai 2013 9:29 Uhr

    Was bedeutet die Fehlerquote für diejenigen, für die sich ein Verdacht (!) auf Krebs ergibt? Sicher nicht angenehm und keine völlig zu vernachlässigende Situation. Aber weiß nicht jede/r, der zur (Vor!-)sorgeuntersuchung geht, um die Möglichkeit der Fehldiagnose?

    Muss nicht die Ärztin dem Patienten zu allererst erklären, dass es zwar einen Verdacht gibt, der aber duch weitere Untersuchungen erst noch zu erhärten wäre?

    Wäre mangelnde Aufklärung das Problem, dann wäre Kritik berechtigt.

    In der Regel ist klar, dass es Fehlmessungen gibt. Unter diesen Vorzeichen kann es in der Tat so sein, dass ich ein paar Tage im Ungewissen bin - und vermutlich auch Befürchtungen hege, vielleicht ein Tief erlebe. Aber das kann ich mir doch vorher selbst an zwei Fingern ausrechnen - wenn ich weiß, was auf mich zukommt, dann ist das meine Entscheidung.

    Und wenn dafür auf der anderen Seite einige Leben gerettet werden können, womöglich mein Eigenes - warum sollte ich das in aller Welt nicht auf mich nehmen - zumal ich doch vorher schon weiß, dass es so ist und mich selbst entscheiden kann, ob ich das Risiko eines Fehlverdachts auf mich nehmen will.

    Gut und korrekt bzw. verständlich aufklären - und dann die Entscheidung der Patienten zur Vorsorge auch einfach ernst nehmen!

    Die Entscheidung OP oder nicht, bei erhärteter Diagnose, ist eine, die nicht von der Vorsorge selbst abhängt - denn jeder entdeckte Krebs ist ein Stück weit unkalkulierbar in seiner zukünftigen Entwicklung.

  2. fehlerqoute. dh bei 1.000.000 untersuchter frauen werden 10.000 richtig mit krebs diagnostiziert, und 10.000 brustkrebsfreie frauen auch mit brustkrebs diagnostiziert.

    selbst das verformen der brust bei der mammografie kann metastasen erleichtern.
    ein 'vor sich hinschlummender tumor', kann durch die angst der frau, oder durch ueberbringen der krebsnachricht durch den arzt schneller anfangen zu wachsen.
    dh manch frau wuerde ohne mammografie und ohne chemo länger leben.
    zb. bei prostatakrebs gibt es meinungen den langsam wachsenden krebs zu belassen , da der patient vor gefährlichwerden des tumors eines natuerlichen todes stirbt.

    Wir sind Ihrem Wunsch soeben nachgekommen. Danke, die Redaktion/se

    Eine Leserempfehlung
  3. kann bei einer anderen frau die milchdruesen aktivieren, welches dann von der mammografie als knoten wahrgenommen werden könnte

    Eine Leserempfehlung
    • porph
    • 15. Mai 2013 0:10 Uhr

    Woher diese plötzliche Angst vor Diagnostik? Eigentlich dachte ich bislang, verbesserte Diagnostik (in allen Bereichen) wäre einer der größten Fortschritte in der Medizin überhaupt. Aber seit dieser Nachricht heute ist man sich in den Zeit online Artikeln und vor allem im Kommentarbereich erstaunlich einig: Besser, gar nicht erst nachschauen, dann wird man auch im Zweifel nicht unnötig verunsichert. Wenn's wirklich schlimm ist, weiß man das schon früh genug. Äh, wie bitte? Soll das Ernst sein?

    Ja klar, wenn man Diagnostik betreibt, gibt es zu einem kleinen Teil Fehldiagnosen. Diese sollten normalerweise dazu führen, dass weitere Tests angestellt werden, da wird nicht sofort panisch herumgeschnippelt.

    Gegen Diagnostik zu sein hat was von einem Kind, das sich die Augen zuhält und dann davon ausgeht, die bösen Monster verschwinden dann schon. Das ist irgendwie unmündig, unaufgeklärt, mittelalterlich. Es gibt NIE "zu viele" Informationen. Die Frage, wie man auf eine Information reagiert (ob man sie ignoriert, sie hinterfragt und weiterbohrt, oder daraufhin handelt), ist doch für die Information an sich irrelevant.

    Falsch Positive (die sich in weiteren Untersuchung nicht bestätigen) wird es immer geben, und mit dieser Möglichkeit eventuell auch kritisch umzugehen ist a) eine Frage der medizinischen Aufklärung und b) eigentlich eine Selbstverständlichkeit für einen erwachsenen, mündigen Menschen.

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    "eigentlich eine Selbstverständlichkeit für einen erwachsenen, mündigen Menschen."

    Wenn es eine Selbstverständlichkeit wäre, dann hätten wohl nicht so viele Schwierigkeiten, oder? Oder legen Sie fest was selbstverständlich ist und was nicht?

    Vielleicht wissen Sie auch nicht, dass es mit der "Mündigkeit" nicht so weit her ist wie Sie gerne hätten. Ich empfehle Ihnen mal was von den Neurowissenschaftlern Profs Roth oder Spitzer zum Thema Selbstbestimmtheit zu lesen...

  4. kann gesund sein. So war es mit dem Lasern der Netzhaut im Auge. Damals war ich skeptisch, weil in meiner Umgebung eine auffällig Häufung von Menschen war, die angeblich Löcher in der Netzhaut hatten. Prompt wurde auch bei mir eines festgestellt. Ich ging von Arzt zu Arzt, um das Lasern zu vermeiden, aus einem laienhaften Instinkt heraus, dass da etwas nicht stimmen kann. Jeder dieser Ärzte stellte Löcher an einer ANDEREN Stelle fest. Am Ende gab ich genervt auf und ließ mich von einem dieser Ärzte lasern. Heute weiß man, dass das Lasern zweischneidig ist. Ich möchte nicht das gleiche mit meiner Brust (und einer Chemotherapie) erleben. Aktuell gibt es in meiner Umgebung eine auffällige Häufung von Brustkrebsfällen. Ich bin der ZEIT sehr dankbar, das zu thematisieren.

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  5. Ein sehr guter Artikel. Hochauflösende Mammographie entdeckt kleinste Verkalkungen, die folgende Biopsie entdeckt irgendeine Vorstufe, trotz low-risk weitere OP(s), Bestrahlung etc. Eine andere Studie (http://www.nejm.org/doi/f...) schätzt, dass 31% aller Brustkrebsdiagnosen 2008 in den USA niemals klinisch relevant geworden wären. Fortgeschrittene Brustkarzinome wurden nur um "8 cases per 100,000 women" reduziert, d.h. Brustkrebsscreening identifiziert den Haustierkrebs, die aggressiven Formen schlüpfen durchs Netz. Angesichts dessen und dem Wissen, dass ein vererbte BRCA1 Mutation mit einem aggressiven Subtypen einhergeht, lässt sich die Reaktion von Frau Jolie gut verstehen, dass sie sich nicht auf das Screening verlassen möchte.

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    • tsnud
    • 15. Mai 2013 7:03 Uhr

    "Zum Glück ist das Gen selten"

    Das Gen hat jeder Mann und jede Frau, glücklicherweise denn es ist ein Tumorsupressor Gen. Erst wenn es defekt ist wird es ernst.

    Ein schlecht recherchierter Einstieg lässt beim folgenden Artikel einen schalen Beigeschmack...

    3 Leserempfehlungen
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    Ist hierzu alles gesagt?

    Offensichtlich ist der Defekt vererbbar. Woher will man wissen, dass die Mastektomie die einzig denkbare kurative Option bei entsprechendem Nachweis ist. Welchen Einfluss hat die Ernährung, Lebensstil, Alkohol, Rauchen etc. bei defektem Suppressorgen? Ist das je untersucht worden?

    Der von Angelina Jolie entfachte Medienhype nützt vor allen Dingen den Gendiagnostikfirmen.
    Nach der ernüchternden Erkenntnis, dass das menschliche Genom um viele Potenzen weniger Gene enthält als zunächst angenommen, brauchen die ja auch echt mal wieder positive Nachrichten...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Angelina Jolie | Arzt | Erbgut | Krankenkasse | Krebs | Mammografie
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