Börsenspekulation"Bei Glücksspielsucht geht es um den psychologischen Effekt"

Riskante Börsenspekulationen wie die von Uli Hoeneß zählen zum Glücksspiel. Psychologe Klaus Wölfling erklärt, was Süchtige von professionellen Händlern unterscheidet. von Jana Hauschild

Uli Hoeneß

Uli Hoeneß hat nach eigenen Angaben krankhaft an der Börse gezockt.  |  © Johannes Simon/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE:Tag und Nacht zocken, ein Börsen-Pager, um jederzeit dabei zu sein, Millionenbeträge als Einsatz und der Wunsch nach dem Kick: Was Uli Hoeneß im ZEIT-Interview beschreibt, sind das klassische Anzeichen einer Glücksspielsucht? 

Klaus Wölfling: Es ist natürlich sehr schwer, eine Ferndiagnose zu stellen, aber das sind durchaus Anzeichen, die wir auch bei unseren Patienten sehen. Vor allem dieses andauernde Sich-Damit-Beschäftigen, Tag und Nacht daran denken, den Pager selbst beim Spiel des eigenen Vereins in der Hand, das ist ein typisches Verhalten. Dabei ist die Frage, ob illegale Handlungen unternommen wurden, um Zocken zu können. Auch das ist häufig ein Symptom. 

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ZEIT ONLINE: Der Bayern-Präsident betont im Interview, er sei nicht krank. Sein Sohn widerspricht ihm jedoch. Erleben Sie solche Situationen oft in ihrer Ambulanz? 

Wölfling: Meist bringen die Angehörigen die Betroffenen zu uns in die Einrichtung. Da sehen wir das oft. Die meisten Spieler sind sich ihres Problems lange nicht bewusst. Alkoholiker gaukeln sich auch lange Zeit vor, sie tränken gar nicht so viel.

ZEIT ONLINE: Er habe den Absprung vom exzessiven Zocken geschafft, sagt Hoeneß zudem. Geht das überhaupt alleine?

Klaus Wölfling
Klaus Wölfling

Diplom-Psychologe Klaus Wölfling ist Psychologischer Leiter der Ambulanz für Spielsucht, die zur Uniklinik Mainz gehört.

Wölfling: Das geht schon, aber aus meiner Erfahrung bei nur sehr wenigen. Andererseits ist es nicht ungewöhnlich, dass Patienten eine spontane Selbstheilung erleben, wenn etwa die Eltern, die Partnerin oder die Kinder plötzlich von dem Spielen erfahren. 

ZEIT ONLINE: "Das waren nur ein paar Hundert Euro am Abend" oder "das Geld war für mich nur Spielgeld wie bei Monopoly", sind Sätze, die der Präsident des FC Bayern München im Interview fallen lässt. Spricht da die Sucht oder einfach ein stinkreicher Mann? 

Wölfling: Einerseits ist es für Spieler typisch, dass sie das Verhältnis zum Geld verlieren. Aber bei einer Glücksspielsucht geht es nicht um die Höhe des Einsatzes, sondern um den psychologischen Effekt, den dieser hat. Bei manchen Spielern genügen 20 Euro am Tag, um genügend Kick zu erleben, andere setzen Millionenbeträge ein. Das hängt ja auch immer davon ab, in welcher finanziellen Situation sich diejenigen befinden. Aber eins ist sicher: Glücksspielsucht zieht sich durch alle Schichten, von arm bis reich. 

ZEIT ONLINE: Weder für Roulette noch für Pferdewetten interessierte sich Hoeneß. Wenn er wirklich ein Spielproblem hatte, ist es dann nicht ungewöhnlich, dass ihn diese anderen Zock-Optionen kalt lassen? 

Wölfling: Nein, auch das ist eher typisch. Es gibt zwar Spieler, die neben dem Casino auch Online wetten. Aber die meisten Spieler fokussieren sich auf ein Spielverhalten. Wer auf Pferderennen wettet, bleibt auch dabei, der Roulette-Spieler bleibt im Casino, ebenso wie der Börsenzocker meist bei den Spekulationen bleibt. 

ZEIT ONLINE: Auch von Glücksspiel hält Hoeneß nicht viel. Aber ist Börsenspekulation nicht auch eine Form davon? 

Wölfling: Ja, riskante Börsenspekulation zählt zum Glücksspiel dazu. Das ist internationaler Konsens. Wichtig ist es jedoch, zu unterscheiden, ob jemand für den Adrenalinschub an die Börse geht oder damit seinen Lebensunterhalt verdient.

ZEIT ONLINE: Wie häufig sind denn Börsenspekulanten unter ihren Patienten? Hoeneß sagt, er kenne Hunderte, die an der Börse so aktiv sind wie er es war. 

Wölfling: Von den knapp 900 Patienten, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, waren es vielleicht fünf Prozent. Aber wir können daraus nicht schließen, dass es sie selten gibt. Es kann auch sein, dass sie sich einfach seltener in Therapie begeben. 

ZEIT ONLINE: Und ab wann ist ein Spekulant ein krankhafter Zocker? 

Wölfling: Dafür gibt es klare Kriterien: Wenn er stark eingenommen ist von dem Spekulieren, also rund um die Uhr sich damit beschäftigt, aktiv oder in Gedanken. Wenn er immer mehr Geld einsetzen muss, um den Kick zu verspüren. Wenn er Entzugserscheinungen bekommt, sobald er nicht mehr zocken kann. Wenn er viel Aufwand betreibt, um Geld heranzuholen und fürs Spielen seine Beziehungen oder den Arbeitsplatz riskiert. 

ZEIT ONLINE: Will Hoeneß mit seiner Beichte möglicherweise nur von seinem Steuerbetrug ablenken und sich als Opfer einer Sucht darstellen? 

Wölfling: Wir Therapeuten glauben natürlich nur an das Gute im Menschen. Ich persönlich würde ihm das nicht unterstellen. Aber rechtlich gesehen gibt es da auf jeden Fall ein paar Präzedenzfälle, in denen eine Spielsucht vor Gericht schuldmindernd wirkte.

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Leserkommentare
  1. Der Alkoholiker versteckt seine Flaschen, der Sexsüchtige seine Affären, der spielsüchtige Börsenzocker seine Konten in der Schweiz. Selbst wenn schon das Umfeld munkelt, hält sich der Süchtige immer noch für unentdeckt. Mit dem Kontrollverlust sinkt auch das Unrechtsbewusstsein. Nicht umsonst gibt es bei Drogensüchtigen Beschaffungskriminalität.
    Uli Hoeneß hält sich - im Gegensatz zu seinem eigenen Sohn - für nicht "krank". Auch das gehört zum Krankheitsbild dazu. Ihm wäre jetzt Selbtreflexion zu wünschen.Sonst bleibt er in seinem Wolkenkuckucksheim wohnen. Er kann dabei viele seiner bisherigen Gewissheiten verlieren, aber sich selbst gewinnen.

    3 Leserempfehlungen
  2. Ich habe rund 10 Jahre Futures an der New York Stock Exange gedealt. Der süchtige Trader ist da die Regel. Oft ist die Spielsucht mit anderen Süchten gekoppelt, als da wären Alkohol , Kokain, Speed, Downer jeglicher Färbung, Nikotin sowieso, Sex ist immer angesagt.

    Ich empfehle Jana Hausschild mal mit dem Mikrofon in`s Pussy Cat in der Wall Street zu schlendern, um da ein paar O-Töne einzufangen.

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    Die Verlierer dürften da aber recht schnell aussortiert werden. Welche Bank will schon über Jahre Verluste im Eigenhandel schreiben?

    Und die, die gewinnen, dauerhaft dabei bleiben und gleichzeitig Suchtmerkmale aufweisen, kann man ja wohl deswegen trotzdem nicht steuerlich so behandeln, dass im Falle einer Hinterziehung strafmildernde Umstände geltend gemacht werden können, weil sie sich auf ihre Sucht berufen.

    Börse ist eben doch etwas anderes als Spielbank, wo man die Garantie hat zu verlieren, wenn man nur lange genug spielt.

    • conure
    • 02. Mai 2013 19:27 Uhr

    die darf man getrost auch unter den "Händlern"vermuten.

    Es sind die Zocker'qualitäten' , die einen erfolgreichen
    Händler ausmachen .

    Die anderen,die findet man dann eher bei den Raiffeisenbanken :)

    Let's face it....wir haben unser System den "Zockern" überlassen...
    Zeit für eine Rückbesinnung!

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    Sie bringen es auf den Punkt.

    >Let's face it....wir haben unser System den "Zockern" überlassen...<

    Hoeneß taugt da allenfalls als Sündenbock.

  3. sorry

  4. In dem Interview geht es um Sucht - in diesem Fall um Spielsucht. Der Fall Hoeneß wird als Aufhänger genommen, ohne dass Klaus Wölfling eine Ferndiagnose stelllen will. Sucht ist mittlerweile als krankheit anerkannt. Dies gilt für alle, auch für Fußballmanager. Für einen gesamtgesellschaftlichen Rundumschlag taugt der Einzelfall nicht, auch wenn er Züge von Größenwahn und Doppelmoral aufweist. (Was übrigens zur Sucht dazugehört.)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Abgesehen davon behaupte ich nirgendwo, dass Sucht keine Krankheit ist; also was genau wollen Sie jetzt?

    Der Fall Hoeneß böte noch viel mehr Möglichkeiten über Probleme nachzudenken, denn da geht es nicht nur um die Sucht nach Zockereien, sondern um noch mehr.

    Was ich darüber denke müssen Sie schon mir überlassen.

  5. Und was hat nun die Spielsucht konkret mit der Steuerhinterziehung zu tun? Als Daytrader mit Devisen zu spekulieren, geht mit einem Konto bei einer deutschen Bank viel besser als in der Schweiz. Allein zum Zocken hätte der Herr Hoeness also nicht unbedingt mit dem Adidas-Geld das Land verlassen müssen. So etwas macht man eigentlich nur, wenn der Fiskus bestimmte Transaktionen nicht zu sehen bekommen soll. Kann es sein, dass hier gerade eine Suchtkrankheit als Alibi für eine mögliche Verteidigungsstrategie vor Gericht in Position gebracht wird?

    9 Leserempfehlungen
  6. Die "Zeit" erhält ein Exclusivinterview und zeichnet anschließend das Bild eines Opfers?

    Was hat das alles mit Steuerhinterziehung zu tun?

    13 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Uli Hoeneß | FC Bayern München | Glücksspiel | Spielsucht | Sucht | Euro
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