ZEIT ONLINE:Tag und Nacht zocken, ein Börsen-Pager, um jederzeit dabei zu sein, Millionenbeträge als Einsatz und der Wunsch nach dem Kick: Was Uli Hoeneß im ZEIT-Interview beschreibt, sind das klassische Anzeichen einer Glücksspielsucht? 

Klaus Wölfling: Es ist natürlich sehr schwer, eine Ferndiagnose zu stellen, aber das sind durchaus Anzeichen, die wir auch bei unseren Patienten sehen. Vor allem dieses andauernde Sich-Damit-Beschäftigen, Tag und Nacht daran denken, den Pager selbst beim Spiel des eigenen Vereins in der Hand, das ist ein typisches Verhalten. Dabei ist die Frage, ob illegale Handlungen unternommen wurden, um Zocken zu können. Auch das ist häufig ein Symptom. 

ZEIT ONLINE: Der Bayern-Präsident betont im Interview, er sei nicht krank. Sein Sohn widerspricht ihm jedoch. Erleben Sie solche Situationen oft in ihrer Ambulanz? 

Wölfling: Meist bringen die Angehörigen die Betroffenen zu uns in die Einrichtung. Da sehen wir das oft. Die meisten Spieler sind sich ihres Problems lange nicht bewusst. Alkoholiker gaukeln sich auch lange Zeit vor, sie tränken gar nicht so viel.

ZEIT ONLINE: Er habe den Absprung vom exzessiven Zocken geschafft, sagt Hoeneß zudem. Geht das überhaupt alleine?

Wölfling: Das geht schon, aber aus meiner Erfahrung bei nur sehr wenigen. Andererseits ist es nicht ungewöhnlich, dass Patienten eine spontane Selbstheilung erleben, wenn etwa die Eltern, die Partnerin oder die Kinder plötzlich von dem Spielen erfahren. 

ZEIT ONLINE: "Das waren nur ein paar Hundert Euro am Abend" oder "das Geld war für mich nur Spielgeld wie bei Monopoly", sind Sätze, die der Präsident des FC Bayern München im Interview fallen lässt. Spricht da die Sucht oder einfach ein stinkreicher Mann? 

Wölfling: Einerseits ist es für Spieler typisch, dass sie das Verhältnis zum Geld verlieren. Aber bei einer Glücksspielsucht geht es nicht um die Höhe des Einsatzes, sondern um den psychologischen Effekt, den dieser hat. Bei manchen Spielern genügen 20 Euro am Tag, um genügend Kick zu erleben, andere setzen Millionenbeträge ein. Das hängt ja auch immer davon ab, in welcher finanziellen Situation sich diejenigen befinden. Aber eins ist sicher: Glücksspielsucht zieht sich durch alle Schichten, von arm bis reich. 

ZEIT ONLINE: Weder für Roulette noch für Pferdewetten interessierte sich Hoeneß. Wenn er wirklich ein Spielproblem hatte, ist es dann nicht ungewöhnlich, dass ihn diese anderen Zock-Optionen kalt lassen? 

Wölfling: Nein, auch das ist eher typisch. Es gibt zwar Spieler, die neben dem Casino auch Online wetten. Aber die meisten Spieler fokussieren sich auf ein Spielverhalten. Wer auf Pferderennen wettet, bleibt auch dabei, der Roulette-Spieler bleibt im Casino, ebenso wie der Börsenzocker meist bei den Spekulationen bleibt. 

ZEIT ONLINE: Auch von Glücksspiel hält Hoeneß nicht viel. Aber ist Börsenspekulation nicht auch eine Form davon? 

Wölfling: Ja, riskante Börsenspekulation zählt zum Glücksspiel dazu. Das ist internationaler Konsens. Wichtig ist es jedoch, zu unterscheiden, ob jemand für den Adrenalinschub an die Börse geht oder damit seinen Lebensunterhalt verdient.

ZEIT ONLINE: Wie häufig sind denn Börsenspekulanten unter ihren Patienten? Hoeneß sagt, er kenne Hunderte, die an der Börse so aktiv sind wie er es war. 

Wölfling: Von den knapp 900 Patienten, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, waren es vielleicht fünf Prozent. Aber wir können daraus nicht schließen, dass es sie selten gibt. Es kann auch sein, dass sie sich einfach seltener in Therapie begeben. 

ZEIT ONLINE: Und ab wann ist ein Spekulant ein krankhafter Zocker? 

Wölfling: Dafür gibt es klare Kriterien: Wenn er stark eingenommen ist von dem Spekulieren, also rund um die Uhr sich damit beschäftigt, aktiv oder in Gedanken. Wenn er immer mehr Geld einsetzen muss, um den Kick zu verspüren. Wenn er Entzugserscheinungen bekommt, sobald er nicht mehr zocken kann. Wenn er viel Aufwand betreibt, um Geld heranzuholen und fürs Spielen seine Beziehungen oder den Arbeitsplatz riskiert. 

ZEIT ONLINE: Will Hoeneß mit seiner Beichte möglicherweise nur von seinem Steuerbetrug ablenken und sich als Opfer einer Sucht darstellen? 

Wölfling: Wir Therapeuten glauben natürlich nur an das Gute im Menschen. Ich persönlich würde ihm das nicht unterstellen. Aber rechtlich gesehen gibt es da auf jeden Fall ein paar Präzedenzfälle, in denen eine Spielsucht vor Gericht schuldmindernd wirkte.