ZEIT ONLINE: Durch ein anonymes Posting auf der Plattform PubPeer.com, auf der jeder Wissenschaftler bereits veröffentlichte Studien kommentieren kann, flogen Fehler in der Studie zu den ersten Klonerfolgen an Menschen auf: Im Fachblatt Cell kamen manche Abbildungen doppelt vor. Inzwischen haben die Forscher um Shoukhrat Mitalipov diese Panne gegenüber ZEIT ONLINE und Journalisten des Magazins Nature eingeräumt. Für wie gravierend halten Sie die Mängel in der Arbeit?

PubPeer: Als Betreiber von PubPeer sind wir nicht die Richtigen, um zu beurteilen, inwieweit die entdeckten Mängel das Ergebnis der Arbeit in Zweifel ziehen. Aber zumindest ist klar, dass es bei der Vorbereitung des Manuskripts zu dieser Veröffentlichung wohl einige Probleme gab. Am Ende mag sich herausstellen, dass es eine harmlose Panne war. Aber um genau so etwas zu klären und unter Forschern weltweit zu diskutieren, gibt es PubPeer – das ist der Punkt.

ZEIT ONLINE: Wer steckt hinter der Plattform?

PubPeer: PubPeer wurde von jungen Wissenschaftlern gegründet, die frustriert waren, wie schwierig und riskant es ist, wissenschaftliche Veröffentlichungen ehrlich zu bewerten. Mehr möchte ich nicht verraten. Wir bevorzugen es, anonym zu bleiben. 

ZEIT ONLINE: Warum?

PubPeer: Weil es negative Konsequenzen für junge Forscher haben kann, wenn sie sich negativ über die Arbeit anderer äußern. Wer andere Forscher offen kritisiert, riskiert seine Karriere. Das Problem: Die Wissenschaftler, deren Arbeit man heute bewertet, entscheiden morgen vielleicht über den eigenen Antrag auf Forschungsförderung, eine Job-Bewerbung oder sind Gutachter der eigenen Veröffentlichung. Darum versuchen auch Fachzeitschriften, das Peer-Review-Verfahren möglichst anonym zu gestalten.

ZEIT ONLINE: Wozu braucht es dann noch eine anonyme Plattform wie Ihre?

PubPeer: Weil hier jeder weltweit kommentieren und Fragen zu Publikationen stellen kann – und zwar ganz in Ruhe, nachdem eine Arbeit erschienen ist.

ZEIT ONLINE: Ist es sinnvoll, wenn jeder seinen Senf dazu gibt? Sollten Gutachter von komplexen Forschungsarbeiten nicht besser Experten auf dem selben Gebiet sein?

PubPeer: Wer bei uns einen Account anlegen möchte, muss zumindest einen akademischen Background haben – derjenige muss nachweisen, dass er Autor mindestens einer wissenschaftlichen Publikation ist und über eine E-Mail-Adresse verfügt, die an einer Universität oder wissenschaftlichen Einrichtung angesiedelt ist. In Fällen, in denen jemand diese Kriterien nicht erfüllt oder ein noch größeres Maß an Anonymität wünscht, ist ein Posting über einen Moderator möglich. 

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie prüfen gar nicht immer, wer bei Ihnen Kommentare abgibt? Ist das nicht ein wunderbarer Nährboden für Trolle und konkurrierende Forschungsgruppen, die sich gegenseitig schaden wollen, indem sie sich auf PubPeer anschwärzen?

PubPeer: Das kann gut sein. Konkurrierende Forscher hätten zumindest das Fachwissen und die Motivation, um ein Paper gezielt negativ zu beurteilen. Aber ihre Argumente müssen auch die Community überzeugen. Die Autoren einer Studie und alle PubPeer-Mitglieder können auf jeden Kommentar eingehen, die Arbeit verteidigen und auch Kritik widerlegen. Unser Ziel ist, solche Debatten zu bündeln und für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Am Ende muss sich jeder Nutzer von PubPeer ein eigenes Bild von der Qualität der Postings machen. Wissenschaftler können das in aller Regel sehr gut.

ZEIT ONLINE: Wissen Sie denn, wer die Person ist, die Mitalipovs Schnitzer entdeckte?

Ein Screenshot zeigt die Kritik-Plattform für Forschungspublikationen "PubPeer". © ZEIT ONLINE

PubPeer: Die Account-Daten liegen uns vor. Wir könnten da hineinschauen – haben es aber bisher nicht gemacht. Denkbar wäre, dass ein Gerichtsbeschluss oder ein Hackerangriff uns zwingen würde, die Informationen herauszugeben. Wir versuchen aber, die Identität unser Nutzer so gut es geht zu schützen.

ZEIT ONLINE: Verständlich, dass die Kommentatoren unerkannt bleiben möchten. Aber warum gilt das auch für Sie als Betreiber der Plattform?

PubPeer: Aus denselben Gründen, aus denen unsere Nutzer anonym bleiben. Allein die Tatsache, dass man die öffentliche Kritik an der Forschung erleichtert, kann Kollegen wütend machen. 

ZEIT ONLINE: Für die Glaubwürdigkeit der Plattform ist Ihre Anonymität problematisch...

PubPeer: Die Glaubwürdigkeit der Seite ergibt sich doch aus der Qualität der Debatte unter den Publikationen. Es liegt in der Hand der Community, die fast nur aus Forschern besteht, das Beste aus dieser Ressource im Netz herauszuholen. Kritische Fragen und Kommentare helfen den Autoren sogar, ihre Arbeit zu präzisieren.

Fachmagazine scheuen die öffentliche Kritik

ZEIT ONLINE: Sagen Sie Autoren von Studien Bescheid, wenn ihre Arbeiten kommentiert wurden?

PubPeer: Das nicht, aber ich möchte jeden Autor, der davon erfährt – auch Shoukhrat Mitalipov und sein Team – ermutigen, sich an der Debatte zu beteiligen. In diesem Fall sieht es so aus, als wenn auch Redakteure des Magazins Cell etwas gepostet haben.

ZEIT ONLINE: Eigentlich wäre es doch Aufgabe der Fachmagazine, eine faire Debatte anzubieten und zweifelhafte Arbeiten herauszufiltern, bevor sie publiziert werden. Trotzdem haben sich neben PubPeer auch andere Plattformen, wie Retraction Watch, etabliert. Warum?  

PubPeer: Nur wenige Fachmagazine bieten überhaupt Kanäle für Kommentare an. Und wenn, dann findet das hinter Paywalls, unter strengen redaktionellen Auflagen, nicht anonym und auf einer sehr formalen Ebene statt. Die meisten Wissenschaftler haben für so etwas gar keine Zeit. Außerdem haben die Fachmagazine selbst kaum Interesse daran, sich mit den von ihnen ausgewählten Veröffentlichungen – und damit mit ihrer eigenen redaktionellen Arbeitsweise – der öffentlichen Kritik zu stellen.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Grund, für Open Access in der Wissenschaft einzutreten? Immerhin könnten dann alle jede Forschungsarbeit begutachten, bevor sie in einem renommierten Magazin landet.

PubPeer: Als Betreiber einer solchen Seite sind wir für Open Access – denn man kann ja nichts beurteilen, was man nicht gelesen hat. Bisher können bei uns deshalb nur schon erschienene Arbeiten bewertet werden. Das Peer-Review-Verfahren der Magazine, das nie jeden Fehler aufdecken wird, kann PubPeer sicherlich nicht ersetzen, aber hoffentlich sinnvoll ergänzen. Vor allem trägt es dazu bei, die Qualität einer Arbeit mehr nach deren Inhalt zu beurteilen als nach dem Namen des Fachmagazins, in dem sie erschienen ist.

Das Interview entstand als E-Mail-Korrespondenz zwischen den Betreibern der PubPeer-Plattform und ZEIT-ONLINE-Redakteurin Dagny Lüdemann. Die Betreiber wollen ihre Identität auch Journalisten gegenüber nicht preisgeben. Die Redaktion hat überprüft, dass der Absender der E-Mails über Administratorrechte auf  PubPeer.com verfügt.