Selbstdiagnose : Meine Nacht als Hypochonder

Es begann mit einer Beule am Fuß, ging weiter auf "netdoktor.de" und Google – und endete in Panik beim Arzt. Nicole Sagener über den Versuch einer Selbstdiagnose im Netz

Ich weiß, dass ich leichte Spreizfüße habe. Auch ist mein rechtes Bein satte 1,5 Zentimeter länger ist als das linke. Beides wurde mir irgendwann von Ärzten diagnostiziert und als harmlos eingestuft. Tatsächlich hat auch beides – zumindest bislang – nicht den normalen Gang meines Lebens gebremst.

Doch dann, neulich Nacht: Ein Schrittchen im Bad, plötzlich ist da dieses Gefühl unterm rechten Fuß, als wäre ich auf einen Igel getreten. Ich inspiziere den Boden: nichts – kein Tier. Ich beschaue meine Fußsohle: kein Splitter, keine Wunde, nur eine Beule.   

Nach fünf Minuten fühlt sich mein Fuß an, als hätte mir jemand einen Tennisball unter die Sohle getackert. 

Angst.

Aber in die Notaufnahme fahren und vier Stunden warten? Ich schüttle den Kopf und tue das, was einer Studie der Marktforschungsagentur Ogilvy Healthworld zufolge heute 95 Prozent aller Deutschen zwischen 19 und 25 Jahren in solchen Fällen tun: Ich frage Doktor Google

Wenn man Schmerzen hat, geschieht etwas Großartiges: Opioide, betäubende, berauschende Botenstoffe, werden im Gehirn ausgeschüttet. Dank dieser Drogen könnte ich jetzt – mit dem schmerzenden Ballon am Fuß – selbst vor einem aufgebrachten Wildschwein flüchten. So gedopt schaffe ich es zum Computer.

23.45 Uhr: netdoktor.de

Wikipedia zufolge ist netdoktor.de mit mehr als zwei Millionen Unique-Usern eines der führenden Online-Gesundheitsportale Deutschlands. Außerdem gehört die Seite einer bekannten Verlagsgruppe und verknüpft, genau wie apotheken-umschau.de, redaktionelle Gesundheitsinformationen mit usergenerierten Inhalten. Darum rangiert es in meinem Kopf unter "vertrauenswürdiges Forum".  

Häufig gesucht: Anämie, Blähungen, Haarausfall

Im netdoktor-Ranking der am häufigsten gesuchten Symptome findet sich mein Leiden nicht. Stattdessen: Anämie, Blähungen, Haarausfall. Also tippe ich "Schwellung Fußsohle" in die Suche und stoße auf einen Beitrag von Nutzer Frankie, der als mögliche Ursachen nennt: Entzündungen der Achilles-Sehne oder der Schleimbeutel, ein Ermüdungsbruch des Fersenbeins, Degeneration des Fettpolsters an der Ferse, Dornwarzen, Fußfehlstellungen und Knochenzysten oder Tumor.

Eine Schleimbeutelentzündung schließe ich sofort aus, weil der Begriff mir zu unästhetisch erscheint. Die Degeneration eines Fettpolsters kann ich mir schwer verbildlichen. Beim Wort Tumoren aber fängt meine Beule an zu pochen, Panik breitet sich warm in mir aus.  

23.58 Uhr: apotheken-umschau.de

Unter "Ursachen Fersenschmerz: Weitere Fußprobleme" klärt mich die Plattform darüber auf, was unter Knochenzysten verstanden wird, und dass sie zwar tumorähnlich, aber gutartig sind. Das Fußpochen lässt nach. Es gebe aber auch bösartige, echte Tumoren. Meine Beule schwillt auf Tennisball-Größe an.

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Wirklich Medienkompetenz?

Wir sind ja mittlerweile über das Stadium hinaus, in dem die baldige Verzichtbarkeit von Ärzten prognostiziert wurde, das Netz werde es schon übernehmen. Ich glaube das Gegenteil ist der Fall.
Ich denke nicht, dass irgendwo falsche Informationen drohen, dass ist zwar möglich aber das Hauptproblem ist doch die schiere Menge an Informationen. Wenn Sie für ihr geschildertes Problem 200 mögliche Differenzialdiagnosen erhalten sind Sie halt keinen Schritt weiter, irgend jemand muss die Infos werten

Wirklich Medienkompetenz?

"Wir sind ja mittlerweile über das Stadium hinaus, in dem die baldige Verzichtbarkeit von Ärzten prognostiziert wurde, das Netz werde es schon übernehmen. Ich glaube das Gegenteil ist der Fall."

Ich stimme Ihnen zu, denke aber, dass das Netz trotzdem, auch für medizinische Fragestellungen, immer häufiger in Anspruch genommen wird. Es ist kein neues Problem, aber es verstärkt die Probleme der Ärzte, die sie heute schon mit aus Illustrierten angelesenen, eingebildeten Krankheiten haben. Auf Patientenseite wird es nur Wenigen besser gehen, aber vielen Menschen bis zum Arztbesuch deutlich schlechter.

"Ich habs schon gegoogelt"

Ist tatsächlich ein Problem mit Patienten.

"Im Internet hab ich gelesen, dass es auch Borreliose sein kann." (Borreliose ist sehr beliebt bei hypochondrischen Patienten.)

"Von dem, was ich im Internet gelesen habe, kanns auch eine MS sein. Die Symptome sind total typisch!" (Haha, nennen Sie mal ein "typisches" MS-Symptom. JEDES neurologische Symptom kann von einer MS oder von was vollkommen anderem kommen.)

Ein Problem

Und ein problem mit Ärtzen ist, dass sie ihre Fehler weder eingestehen noch Verantwortung zu übernemen. Um schön zu pauschalsieren.

Das Internet verleitet zu Hypochonder, aber wäre es nicht gewesen wäre nie rausgekommen das ich unter Schlafapnoe leide. Nein man wollte mich lieber unnöig zum Psychologen schicken. Obwohl mir klar war, dass ich geistig volkommen in Ordnung bin.

Solange Menschen Diagnosen stellen und zwar egal ob Arzt oder Patient werden immer grausame Fehler gemacht. Beim Arzt wird der Zufallsfaktor lediglich vermindert, aber er ist immer noch vorhanden.

Medienkompetenz und hochwertige Informationen

"Wir haben in der Schule mal gelernt, dass hochwertige Informationen in überregionalen Tageszeitungen, sowie in wissenschaftlichen Artikeln zu finden ist."

Medizinische Diagnostik lernt man sicher nicht in einer Tageszeitung. Und vor wissenschaftlichen Artikeln dürften mittlerweile auch die meisten Ärzte kapitulieren (angeblich werden jedes Jahr mehr als eine Million biomedizinische Artikel veröffentlicht).

Umso wichtiger werden gut organisierte Faktensammlungen, die mit guten Suchfunktionen "Datenbanken" genannt werden. Letzteres ist auch der Unterschied zu Wikipedia, die zwar eine gute Faktensammlung hat aber eben keine wirklich brauchbare Suchfunktion.

Allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, bis es brauchbare Diagnostikportale geben wird, an die man ggf. auch Bilder seiner Symptome schicken kann. Was freilich die Ärzte nicht überflüssig machen wird, denn Abtasten und Röntgen muss auch in Zukunft ein kompetenter Arzt.