In einem Analyse-Labor in Berlin vervielfältigen Forscher die Erbsubstanz DNA mit der Methode der Polymerase-Kettenreaktion (Englisch: PCR), um daran weiter zu forschen. © Andreas Rentz/Getty Images

Worum wurde vor Gericht gestritten?

Im Kern ging es darum, dass das Wissen um bestimmte Gene viel Geld wert ist. Vor allem das Wissen um Erbanlagen, die das Erkrankungsrisiko für Volksleiden wie Krebs, Diabetes oder Alzheimer erhöhen. Jüngstes prominentes Beispiel: Der Fall der Schauspielerin Angelina Jolie. Sie ließ sich nach einem Test auf seltene vererbbare Genmutationen, welche das Brustkrebsrisiko dramatisch erhöhen, die Brüste abnehmen.

An dem Gentest, den daraufhin viele Frauen weltweit in Erwägung zogen, verdient die Firma Myriad Genetics: Sie hält die Patente an den Brustkrebs-Genen BRCA1 und BRCA2. Etwa 20 Prozent aller für die Medizin relevanten Genvarianten sind heute schon mit einem Patent belegt.  

Heißt das, jedes fünfte Gen gehört einer Firma?

Nein, es geht hierbei nicht um Besitzrechte. Die Firmen sichern sich nur das Recht, an Diagnose- und Therapieverfahren zu verdienen, die auf Grundlage dieser Genvarianten entwickelt wurden. Bisher haben Biotechnologie-Unternehmen, wie der US-Konzern Myriad Genetics, ein Monopol auf die Vermarktung entsprechender Gentests und Gentherapien

Was haben die Richter jetzt entschieden?

Das höchste US-Gericht – der Supreme Court in Washington – urteilte, dass die Gene eines Lebewesens grundsätzlich nicht patentierbar sind. "Ein natürlich auftretendes DNA-Segment ist ein Produkt der Natur und somit nicht etwa patentierbar, nur weil es isoliert wurde...", schreiben die Richter in ihrer Urteilsbegründung

Bürgerrechtler hatten seit Jahren gegen die Firma Myriad und die University of Utah geklagt, die gemeinsam diverse Genpatente halten. Der Richterspruch ist eine weitreichende Entscheidung: Sie gilt für sämtliche DNA-Abschnitte, egal ob von Menschen, Tieren oder Pflanzen. Schon im März hatte ein Gericht in New York diese Patente für nichtig erklärt. Die Richter in Washington bestätigten das Urteil nun in letzter Instanz.

Schränkt das Urteil die Genforschung ein?

Das kommt darauf an, ob die Firmen ihre Erkenntnisse auch weiterhin öffentlich machen – auf die Gefahr hin, dass dann andere vor ihnen daran verdienen. Die Forschung an Genen wurde durch die bisher zulässigen Patente nicht behindert. Das Wissen um medizinisch bedeutende Mutationen wurde in Fachpublikationen veröffentlicht. Die DNA-Sequenzen durften auch bisher stets zu wissenschaftlichen Zwecken von jedem frei genutzt werden.  

Nur, wenn es darum ging, Teile der DNA zu isolieren und daraus entwickelte medizinische Verfahren auf den Markt zu bringen, waren Gebühren fällig. Die medizinischen Verfahren selbst – also Tests, Biotechnik-Methoden und Medikamente – bleiben patentierbar. Das genetische Material selbst aber nicht.

Dass die Patente jetzt fallen, dürfte die Konkurrenz unter den Biotechnologie-Firmen beleben und den Markt ankurbeln. Direkt nach dem Urteil gewannen die Aktien von Myriad und anderen Gentechnik-Firmen an Wert. Kurze Zeit später fielen die Kurse von Myriad wieder, weil Konkurrenten ähnliche Brustkrebs-Vorsorgetests jetzt günstiger anbieten – auch der Monopolist muss jetzt nachziehen. 

Lohnt es sich noch, nach krankmachenden Genen zu suchen?

Die Pionier-Arbeit ist gemacht – die menschlichen Gene sind vermutlich bereits alle gefunden. Große Neuentdeckungen sind kaum zu erwarten. Doch viele Genmutationen, die eindeutig mit bestimmten erblichen Erkrankungen in Verbindung stehen, sind noch nicht entdeckt worden. Denkbar ist, dass genetische Neuentdeckungen künftig Betriebsgeheimnisse bleiben, weil Firmen versuchen, rasch ein patentierbares Verfahren zu entwickeln, bevor ein Konkurrent von der Genvariante erfährt.

Was bedeutet das Gen-Patente-Verbot für Patienten?

Eventuell werden Krankenversicherte davon profitieren, dass mit dem Patenten auch Monopole fallen. In Europa bleiben Gene bis auf Weiteres jedoch patentierbar, es sei denn Gerichte folgen künftig der Auffassung der US-Richter.