PränataldiagnostikGentests für Föten werden selbstverständlich

Nur in Ausnahmen prüfen Ärzte Gene von Ungeborenen etwa aufs Downsyndrom. Nun gilt der Test als so zuverlässig, dass er wohl für alle Schwangeren kommt. von 

Aufnahme eines sieben Wochen alten Fötus in der Fruchtblase im Mutterleib

Werdendes Leben: Aufnahme eines sieben Wochen alten Fötus in der Fruchtblase  |  © Peter Endig/dpa

Dass es so kommen würde, war längst offenkundig. Aber nicht, dass es so schnell gehen würde. Seit dem vergangenen Wochenende steht praktisch außer Zweifel, dass in der Schwangerschaftsvorsorge ein Paradigmenwechsel unmittelbar bevorsteht. Gentests im Mutterblut zur Diagnose von Chromosomenstörungen wie dem Downsyndrom beim Fötus werden zum ersten Mittel des vorgeburtlichen Screenings. Demnächst werden sie jeder Schwangeren angeboten, egal ob für ihr Kind nun ein erhöhtes Risiko einer Anomalie im Erbgut besteht oder nicht.

Weltweit haben inzwischen mindestens ein halbes Dutzend Diagnostikfirmen solche nicht invasiven Tests der fötalen DNA im Blut der Mutter auf den Markt gebracht. Die Analysen, wie etwa der Praena-Test des deutschen Unternehmens LifeCodexx, erkennen Trisomien der Chromosomen 13, 18 und 21 mit hoher Zuverlässigkeit und können bereits ab der zehnten Schwangerschaftswoche durchgeführt werden. Sie sollten die risikobehafteten Fruchtwasseruntersuchungen weitestgehend ersetzen, die zur Überprüfung eines auffälligen Befundes bei der konventionellen Pränataldiagnostik mittels Ultraschall nötig sind. Allein beim deutschen Anbieter LifeCodexx haben binnen sechs Monaten nach Einführung des Praena-Tests rund 2.000 Schwangere ihr Kind untersuchen lasen. Zugleich senkte das Unternehmen den Preis für den Test von 1.250 auf 825 Euro.

Anzeige

Bislang untersuchen deutsche Ärzte die Erbmoleküle des Fötus im Mutterleib nur bei Risikoschwangerschaften. Ein Gentest wird etwa bei Frauen über 35 angewandt, die auffällige Ergebnisse nach biochemischen Tests und Ultraschalluntersuchungen zeigen. Doch nun avanciert die Prüfung der Embryogene zu einem universellen Test für alle Schwangeren – auch wenn deutsche Experten noch zögern.

Ausgerechnet der Mann, der weltweit als Koryphäe des konventionellen Ultraschall-Screenings gilt, spricht sich dafür aus. Der  Pränatalmediziner Kypros Nicolaides vom Londoner King’s College schwenkt um auf die Bluttests. Gerade präsentierte er im Fachmagazin Ultrasound in Obstetrics & Gynecology die Ergebnisse eines Vergleichs: die herkömmliche Untersuchung im ersten Schwangerschaftsdrittel per Ultraschall gegen die neuen Bluttests. Teilgenommen hatten mehr als 1.000 Frauen zwischen 20 und 48 Jahren. Insgesamt war unter den Probandinnen das Risiko für eine Chromosomenanomalie ihres Fötus nicht anders als unter allen Schwangeren. Die Studie bezog sich also nicht ausschließlich auf Risikoschwangerschaften.

Dem Ultraschall klar überlegen

Das Ergebnis des Leitungsvergleich sei eindeutig, verkündete Nicolaides britisches Medizinerteam: Mithilfe der neuen Bluttests könne nun ein allgemeines Screening aller Schwangeren durchgeführt werden. Beide Verfahren entdeckten zwar sämtliche Chromosomenstörungen der Föten, doch die konventionelle Untersuchung schlug bei 33 Frauen falschen Alarm, der Bluttest nur einmal.

Nicolaides zieht mit seinen Kollegen ein klares Fazit: Das Bluttest-Screening auf Downsyndrom und andere Chromosomenfehler in der frühen Schwangerschaft ist dem Ultraschall klar überlegen. Die Londoner Ärzte haben in ihrer Studie mit einem der Hersteller der Bluttests zusammengearbeitet. Die Firma Ariosa Diagnostics aus dem kalifornischen San Jose hatte mit seinem Harmony-Test die Analyse der fötalen Erbmoleküle für die Studie besorgt.

Kaum war die Studie veröffentlicht, hatte der wissenschaftliche Direktor des Unternehmens vergangenes Wochenende seinen großen Auftritt. Auf dem Kongress der European Society of Human Genetics in Paris ließ Ken Song seine Bombe platzen: Man habe bereits begonnen, die Qualität des Tests an 19.000 weiteren schwangeren Frauen in Europa und USA zu überprüfen.

Leserkommentare
    • _bla_
    • 13. Juni 2013 16:37 Uhr

    Wenn der Test anschlägt bleibt nur die Möglichkeit zur Abtreibung, eine Möglichkeit zur Heilung besteht nicht. Ob das wirklich ein Vorteil ist?

    Und wo hört das auf? Treiben wir demnächst auch Babies mit Klinefelter oder Triple-X-Syndrom ab?

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die gleiche Diskussion gab's schon bei der Amniozentese. Das hier ist jetzt lediglich eine nicht-invasive Testmethode.

    "Wenn der Test anschlägt bleibt nur die Möglichkeit zur Abtreibung, eine Möglichkeit zur Heilung besteht nicht."

    Was ist mit der Möglichkeit das Kind zu bekommen?
    Eine frühe Diagnose hilft, sich darauf einzustellen. Lieber so, als den Schock bei der Geburt. Kinder mit Down Syndrom haben meist einen Herzfehler. Es ist gut zu wissen, was auf einen zukommt.

    Dass Abtreibung die einzige Lösung ist, wird gerne als Horrorszenario beschrieben.
    Ich für meinen Teil möchte wissen, ob mein Kind krank ist. Ob ich mit der Krankheit umgehen kann, werde ich dann privat mit meinem Patner besprechen, denn der hat ja da auch ein Wörtchen mitzureden.

    wie Sie persönlich damit umgehen, bleibt Ihnen überlassen.

    Ich finde es slbstverständlich, daß Eltern über den Gesundheitszustand ihres Kindes informiert werden wollen und auch entscheiden können, ob sie der Belastung, ein behindertes Kind großzuziehen, gewachsen sind.
    Das kann auch nur jede/r für sich selbst.

    Eltern diese Möglichkeit vorzuenthalten, ist Bevormundung, wie sie im Umgang gerade mit Frauen und deren Fortpflanzungsfähigkeit traurige Tradition hat.

  1. Die gleiche Diskussion gab's schon bei der Amniozentese. Das hier ist jetzt lediglich eine nicht-invasive Testmethode.

    6 Leserempfehlungen
  2. jeder ,der schon einmal die modernen Bionademütter und LatteMachiattomütter auf dem Weg durch die Stadt beobachtet hat, weiß ,welche Bedeutung Kinder heute für die gehobene und obere Mittelschciht spielen.
    Es sind keine Kinder , sondern vielmehr Statussymbole oder Projekte, die es perfekt zu gestalten gilt.
    Der nächste Schritt ist Gendoping ,welches schon heuer durchgeführt zu werden scheint:
    Gesellschaftliche Wünsche, wie hohe Körpergröße bei Männern, wird einfach genetisch mit Spendergenene realisiert, sodass die durchschnittliche Körpergröße in den nächsten 30 Jahren um ca. 20 cm ansteigen wird.
    Mussten die Eltern heute noch zu Wachstumshormonen von befreundeten Ärzten greifen, geht das heute alles schneller und einfacher..
    Schon schlimm die Entwicklung

    5 Leserempfehlungen
  3. 4. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und die Verbreitung von nicht nachvollziehbaren Spekulationen und Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

    • paul12
    • 13. Juni 2013 16:51 Uhr

    Jetzt werden eindeutig Grenzen überschritten.

    MFG

    3 Leserempfehlungen
  4. 7. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Leider ist Dein Kommentar zu "Behinderte abtreiben" verschwunden worden, bevor ich ihn lesen konnte.

    Könntest Du ihn nochmal zusammenfassen? Zur Erinnerung: ich hatte über die zukünftigen Abtreibungsverhaltensweisen von Frauen und Männern spekuliert, und als Endlösung vorgeschlagen, Abtreibung rechtlich über Sterbehilfegesetze zu regeln. Mich interessierte, aus intellektuellen Gründen, sowohl Deine konstruktive als auch Deine nichtkonstruktive/emotionale Kritik. Danke.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Erbgut | Pränataldiagnostik | Studie | Test | China | USA
Service