Mekka im Oktober 2012: Den noch größeren Ansturm an Pilgern erwartet Saudi Arabien auch in diesem Jahr zum Hadsch, der großen Pilgerfahrt im Herbst. © Fayez Nureldine/AFP/Getty Images

Nicht auszudenken, was ein tödlicher Krankheitserreger in Mekka und Medina anrichten könnte, sollte er sehr ansteckend sein. In den Zeltstädten um die heiligen Stätten drängen sich jedes Jahr Pilger, dicht an dicht, darunter viele Alte und Kranke. Die Flugzeuge, die sie später besteigen, sind die perfekte Mitreisegelegenheit für Keime.

Ein Virus könnte es nicht perfider anstellen, als sich genau dort – und genau jetzt – unters Volk zu mischen.

In knapp zwei Wochen beginnt mit dem Fastenmonat Ramadan die Hochsaison für die kleine Pilgerfahrt der Muslime, die Umrah. Im Juli und August werden Millionen Menschen nach Mekka und Medina strömen.

Das Mers-Virus sitzt in den Startlöchern

Gleichzeitig versucht dort ein Virus aus dem Tierreich den Sprung auf den Menschen: das mit Sars verwandte Middle Eastern Respiratory Syndrome Coronavirus, kurz "Mers". Lungenentzündung, Atemnot, Organversagen – das sind die schwersten bekannten Symptome.

70 Menschen hat das Virus bisher erwischt, 63 davon in Saudi Arabien. Einige der Erkrankten kamen aus dem Westen des Landes, unweit von Mekka. 39 Menschen sind gestorben.

Im Vergleich zu anderen Seuchen sind diese Fallzahlen verschwindend klein. Zu klein, um deshalb Pilger von der Reise ihres Lebens abzuraten? Internationale Organisationen zögern noch. Ziad Memish, der saudische Vize-Gesundheitsminister, sagte dagegen auf einer von der Weltgesundheitsorganisation WHO einberufenen Krisensitzung in Kairo, Schwangere, Kinder und Kranke sollten die Pilgerfahrt auf das nächste Jahr verschieben. Und das, obwohl Memish mit Warnungen sonst zurückhaltend ist. Vor ihm hatten einige internationale Forscher schon gefordert, dieses Virus nicht zu unterschätzen.    

Erinnerungen an den Sars-Ausbruch

Warum sind Gesundheitsexperten so besorgt? Ein Grund ist die Zunahme an Neuinfektionen in saudischen Kliniken. Ein anderer die Ähnlichkeit der Ereignisse zum Sars-Ausbruch vor zehn Jahren.

"Die Krankenhausausbrüche erinnern an die Anfangszeit von Sars", sagt Christian Drosten von der Uni Bonn, der Coronaviren erforscht und für Sars und Mers diagnostische Tests entwickelt hat. Im Jahr 2003 raste Sars in wenigen Monaten um die Welt und infizierte mehr als 8.000 Menschen in 30 Ländern. Etwa jeder zehnte Patient starb an der Lungenkrankheit. Auch damals fielen die Infektionen zuerst in Krankenhäusern auf.

Drei Szenarien

Doch bisher wissen die Forscher fast nichts über das neue Virus. Ein Team um Simon Cauchemez vom Imperial College in London hat im Magazin Eurosurveillance immerhin drei mögliche Szenarien skizziert, wie sich der Ausbruch entwickeln könnte:

  • Szenario 1: Der Mers-Erreger stammt wie die Vogelgrippe von wilden Tieren – etwa Fledermäusen – und hat es über den Umweg infizierter Haus- oder Nutztiere in die Nähe des Menschen geschafft. Das hieße: Die meisten Infizierten hätten sich bei einem Tier angesteckt. Wäre die natürliche Keinquelle gefunden, ließe sich der Ausbruch kontrollieren.
  • Szenario 2: Mers springt ab und an von Tier zu Mensch über und bildet dabei Übertragungsketten. Doch diese enden immer wieder zufällig. Das würde bedeuten: Wer sich einmal angesteckt hat, erkrankt schwer. Unter Menschen würde sich das Virus aber kaum verbreiten. Die Dunkelziffer an Infizierten wäre gering.
  • Szenario 3: Die Mers-Epidemie ist bereits unbemerkt im Nahen Osten im Gange. Viele Menschen erkranken nur leicht und tauchen daher nicht in der Statistik auf. Wäre das der Fall, könnten sich tatsächlich Tausende Pilger anstecken.

Jetzt ist Open Access gefragt

Je näher der Massenansturm auf die Pilgerstätten rückt, desto dringlicher wird der Ruf nach detaillierten Daten und mehr internationaler Kooperation. Nicht zuletzt wegen der großen Wissenslücken bezeichnete die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, Mers als "Gefahr für die ganze Welt", die kein Staat allein bewältigen könne.

Ein Anfang sind vier neue Viruserbgut-Sequenzen, die Saudi Arabien kürzlich frei zugänglich gemacht hat. Der Bonner Virologe Christian Drosten hat daraus einen Stammbaum rekonstruiert, der zwei Zweige zeigt. Die Virus-Variante, die im Osten Saudi-Arabiens Menschen infiziert, hält er für immerhin so ansteckend, das Szenario 3 für ihn am realistischsten erscheint: Eine Epidemie also, die längst viele angesteckt hat, aber längst nicht für jeden tödlich ist.

 Andrew Rambaut von der Universität von Edinburgh widerspricht der Interpretation: Er hält es für wahrscheinlicher, dass das Virus immer wieder vom Tier auf den Menschen überspringt. Eine wirkliche Epidemie wäre nicht auf die Arabische Halbinsel beschränkt geblieben, glaubt er.

Von mindestens 1.000 bisher Infizierten geht der WHO-Experte Tony Mounts aus. Spätestens seitdem in Großbritannien eine junge Frau nachweislich Mers hatte, aber nur etwas Husten bekam, weiß man zumindest: Die Infektion kann schwer verlaufen, muss aber nicht.  

Doch ohne gesicherte Erkenntnisse kann auch die WHO keine Kette an Notfallmaßnahmen einleiten. Auf dem Krisentreffen in Kairo wurden die teilnehmenden Staaten nun an ihre Verpflichtung erinnert, Fälle innerhalb von 24 Stunden so genau wie möglich der WHO zu melden und bei verdächtigen Atemwegserkrankungen gezielt auf Mers zu testen.

Die US-Seuchenbehörde CDC hat derweil Flugbegleiter angewiesen, bei Reisenden aus dem Nahen Osten auf Fieber und Atemprobleme zu achten und diese Passagiere schon vor der Landung in den USA zu melden – eine Maßnahme, die angesichts der dünnen Sachlage übertrieben erscheint.

Saudi-Arabien hat die Quoten für ausländische Pilger unterdessen um 20 Prozent gesenkt und für inländische Pilger halbiert. Die offizielle Begründung: "Die Bauarbeiten in Mekka."