Multiple SkleroseGlaxoSmithKline zieht manipulierte MS-Studie zurück

Die Studie zu Multipler Sklerose von GlaxoSmithKline beruht auf falschen Daten. Die klinische Forschung dazu wird unterbrochen. von 

GlaxoSmithKline

Der Hauptsitz des Pharmaunternehmens GlaxoSmithKline in London  |  © Toby Melville/Reuters

Missinterpretation oder plumpe Fälschung? Fest steht: Für die Theorie, die Jingwu Z. Zhang im Jahr 2010 zur Entstehung von Multipler Sklerose (MS) im Forschungsmagazin Nature Medicine veröffentlichte, gibt es keine Beweise. Die Daten stimmen nicht. 

Zhang arbeitete in Schanghai für das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline (GSK), das auf Grundlage der – nun hinfälligen – Erkenntnisse Medikamente gegen die nervenzerstörende Autoimmunerkrankung hatte entwickeln wollen. Die Studie wurde zurückgezogen, die Forschung daran unterbrochen.

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Vielleicht hätte die Fachwelt sogar damals schon stutzig werden können – zu schön war der Ansatz des chinesischen Forschers, zu brauchbar der experimentelle Beweis, den er angeblich erbracht hatte. 

MS gehört nach derzeitigem Wissensstand zu den Autoimmunerkrankungen. Kleine Entzündungen im Nervensystem führen dazu, dass das menschliche Abwehrsystem die schützenden Hüllen der Nervenzellleitungen, die Myelinscheiden, angreift. Je nach Schweregrad leiden die Betroffenen an Sehstörungen oder leichtem Kribbeln bis zu massiven körperlichen und geistigen Behinderungen. 

Ursachen von MS bleiben weitgehend unbekannt

Doch die Ursachen sind auch nach jahrzehntelanger Forschung ungeklärt. Sicher ist nur: MS ist eine vielschichtige Krankheit. Weltweit leiden etwa 2,5 Millionen Menschen an ihr. Frauen trifft MS doppelt so häufig wie Männer; europäischstämmige Menschen öfter als Latein- oder Afroamerikaner. Ähnlich weitläufig wie diese Angaben sind die molekularbiologischen Erkenntnisse. "Man muss davon ausgehen, dass viele verschiedene Faktoren zum Ausbruch führen", erklärt Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie an der Uniklinik Münster.

Um so erstrebenswerter ist es für Wissenschaftler, einen Zusammenhang zwischen solch verschiedenen Faktoren zu finden. Genau dies schien Jingwu Zhang vom GSK-Research Center in Schanghai im Januar 2010 gelungen zu sein. Denn: Viele Studien zeigen, dass Menschen mit bestimmten genetischen Veränderungen an einer Schaltstelle des Abwehrsystems, dem Interleukin-7 Rezeptor, häufiger an MS leiden als solche, die über eine andere genetische Grundausstattung an dieser Bindungsstelle verfügen. Andere Forscher hingegen konnten zeigen, dass besonders eine bestimmte Art von Abwehrzellen, die TH-17-Helferzellen, für die Zerstörung der Nervenzellen sorgt. 

Und was machte Zhang? Mit offenbar nicht unbedingt wissenschaftlichem Verve führte er beide Theorien zusammen. "Er postulierte, dass durch die genetische Veränderung der Schaltstelle mehr dieser angreifenden Abwehrzellen gebildet werden", erklärt Wiendl. Das klang für MS-Experten erhellend. Und schuf die theoretische Möglichkeit, mit einem einzigen Ansatz zwei Wege, die mit dem Auftreten von MS in Verbindung stehen, zu bekämpfen. 

Gut möglich, dass manches frei erfunden war

Nun aber kommt heraus, dass getrickst wurde, um zu diesen Ergebnissen zu kommen. Nach Angaben der Biotech-Informationsplattform Biocentury wurden Proben von gesunden Menschen oder Mäusen als MS-Proben ausgegeben."Für weitere Daten fehlt jede Dokumentation", erklärte Melinda Stubbee, Sprecherin bei GSK in den USA  in einem Nature Blog. Ein Indiz dafür, das sie frei erfunden sind.

Für die MS-Forschung selbst hat der Fall zwar "keine große Bedeutung", wie Hans-Peter Hartung, Direktor der Klinischen Neurologie der Uniklinik Düsseldorf erklärt. Erstens handele es sich um Daten, die an Tieren und menschlichen Zellpopulationen gewonnen wurden, sich also noch nicht in klinischen Versuchen befanden. Zudem kreisen viele mehr oder weniger bestätigten Vermutungen um die Entstehung von MS. Auch Nature Medicine-Chefredakteur Juan Carlos Lopez mahnt bei der Beurteilung zur Vorsicht. "Noch", so sagt er, "spricht GSK lediglich von falsch ausgelegten Daten."

Doch für Experten ist jetzt schon klar, dass diese "Missinterpretation" für GSK einem Desaster gleicht. Ein Pharmaunternehmen richtet seine weiteren klinischen Entwicklungsprogramme nach den Grundlagenergebnissen aus. Jeder Fehler kostet. Je später er entdeckt wird, um so teurer wird er. Und die Veröffentlichung ist inzwischen zwei Jahre alt. Tatsächlich stoppte der britische Pharmakonzern inzwischen eine klinische Studie, mit der ein neues Mittel gegen MS erprobt werden sollte.

"Da muss schon einiges passiert sein", schätzt auch Heinz Wiendl. Denn gewöhnlich verlaufe die Aufklärung bei Veröffentlichungsfehlern in Stufen. Werden etwa Abbildungen falsch beschriftet, wie unlängst bei einer Forschungsarbeit über das Klonen geschehen, versuchen Wissenschaftler, ihren Fehler richtig zustellen. Auch wenn trotz Unstimmigkeiten die grundsätzliche Aussage eines Ergebnisses richtig bleibt, zögern sie die Arbeit zurückzuziehen. "Da GSK jedoch die Veröffentlichung rückwirkend zurückziehen möchte, ist davon auszugehen, dass vieles im Argen liegt", sagt Wiendl. 

Leserkommentare
  1. so langsam alle Zellkerne, die Ausgangspunkt des Aufbaues eines Individuallebens ist, zerteilt werden, um schon dort zu manipulieren, müssen uns so manche Krankheitsformen im Nervensystem nicht wundern. Hier zu forschen, muß frei an Universitäten erfolgen; das Ergebnis könnte ja auch heißen, daß die Industrie auf Hybridformen, Klonen etc. verzichten sollte, wenn uns das natürlich aufgebaute Leben noch lieb ist. Das jedoch würde keiner Firma zu exorbitanten Gewinnsteigerungen bei der Behandlung immer schwererer Krankheitsformen über Medikamente, Organtransplantationen und aufwendige Behandlung mit Maschinen helfen. - Pharmafirmen sollten den staatlichen Universitäten ohne Hätte, Wenn und Aber ihre Forschungsgelder zur Verfügung stellen für eine echte Grundlagenforschung. -

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    • ManRai
    • 19. Juni 2013 13:20 Uhr

    was soll uns das sagen?????

    • ManRai
    • 19. Juni 2013 13:20 Uhr
    2. ?????

    was soll uns das sagen?????

    3 Leserempfehlungen
  2. Die Firma heißt Bristol Myers Squibb. Mir L bitte.

    Solche Schummeleien sind leider überhaupt nichts Besonderes. Impfstoffe beispielsweise, übrigens auch solche, die Säuglingen unter einem Jahr verabreicht werden, purzeln schneller auf den Markt, als ein Lämmchen mit dem Schwanz wackeln kann. Oft fehlen Langzeitstudien zu den Medikamenten...

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    Redaktion

    Vielen Dank für Ihre Anmerkung. Wir haben den Fehler nun korrigiert.

  3. Redaktion

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