PflegeversicherungExperten fordern mehr Geld für Demenzkranke

Menschen mit geistigem Defizit sollen finanziell besser gestellt werden, sagt eine Kommission zur Reform der Pflegeversicherung. Die Kosten dafür gehen in die Milliarden.

Menschen mit Demenz und psychischen Erkrankungen sollen nach Ansicht eines Expertenbeirats der Bundesregierung künftig mehr Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten. Das Gremium legte einen entsprechenden Bericht vor, der ein neues Begutachtungsverfahren vorsieht. Geistige Defizite sollen dabei genauso berücksichtigt werden wie körperliche Einschränkungen. Zudem soll künftig nicht mehr ausschlaggebend sein, wie viel Zeit für eine Versorgungsleistung benötigt wird.

Im Kern geht es um die Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs. Bislang ist die Pflegeversicherung einseitig auf körperliche Gebrechen ausgerichtet, weshalb Demenzkranke, aber auch behinderte Kinder oft außen vor bleiben, obwohl auch sie eine spezielle Betreuung benötigen. Sie sollen künftig in der Pflege besser gestellt werden. Zudem soll die viel kritisierte Minutenpflege der Vergangenheit angehören. Die Zeitmessung bei der Pflege soll "ersatzlos" entfallen.

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Der Expertenbeirat schlägt konkret vor, die bislang drei Pflegestufen durch fünf sogenannte Pflegegrade zu ersetzen, um dem Hilfsbedarf besser gerecht zu werden. Dabei soll vor allem der Grad der Selbstständigkeit maßgeblich sein. Ähnliches hatte bereits 2009 ein von der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eingesetzter Expertenbeirat vorgeschlagen. Die Vorschläge wurden damals aber nicht mehr umgesetzt. Der neue Expertenrat baute jetzt darauf auf.

Kosten bis zu fünf Milliarden Euro

Mit Bericht der Expertenkommission liege nun ein "stimmiges Konzept vor", das Grundlage für eine Gesetzesreform nach der Bundestagswahl sei, erklärten die beiden Beiratsvorsitzenden, Wolfgang Zöller und Klaus-Dieter Voß. Die Empfehlungen sollten laut Beirat binnen 18 Monaten umgesetzt werden.

Die Kosten für die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs sind noch unklar. Der Expertenbeirat nannte in seinem Bericht keine konkrete Summe. Zöller bezifferte in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung die Gesamtkosten auf mehr als zwei Milliarden Euro. Die SPD geht von fünf Milliarden Euro aus.

"Grundlage für den Systemwechsel"

Der Expertenrat, dem unter anderem Wissenschaftler sowie Vertreter von Kassen, Sozialverbänden und Pflegeorganisationen angehören, war vor 15 Monaten von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr berufen worden. Der FDP-Politiker verteidigte die lange Beratungszeit. Es habe viele "noch offene Fragen" gegeben, sagte er heute während einer Bundestagsdebatte über die Zukunft der Pflege. So sei es darum gegangen, heutige Pflegebedürftige "nicht schlechter zu stellen".

Mit dem Bericht liege nun eine "fachlich fundierte Grundlage für den Systemwechsel" vor, sagte Bahr. Im nächsten Schritt gehe es um die gesetzliche Umsetzung nach der Bundestagswahl. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff ist Teil der Pflegereform, die Bahr im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht hatte.

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Leserkommentare
  1. Menschen mit den erwähnten Problemen sind doch gar nicht mehr in der Lage, die geforderten finanziellen Wohltaten wahrzunehmen. Hier will sich wieder einmal die Pflegelobby das Geld in die Taschen schaufeln.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn die finanziellen Wohltaten in die Pflege der Demenzkranken investiert werden, sind diese Menschen durchaus in der Lage ,diese finanziellen Wohltaten wahrzunehmen. Ich persönlich hätte mehr Verständnis dafür, als Verständnis für die mehrfache Kostenübernahme von Alkohol/Drogenentzügen in Suchtkliniken.
    Hr. Mißfelder forderte ja auch schon mal "Keine Hüftgelenke für die ganz Alten".

  2. Der westliche, erfolgsorientierte Lebensstil und eine stetig steigende Zahl von an Demenz erkrankten Menschen passen eben nicht zusammen. Es hätte alles so cool sein können, aber die Zunahme von Erkrankten stellt dieses auf Effizienz und Gewinnmaximierung gepolte Gesellschaftsmodell zukünftig in Frage. Auf Dauer pflegebedürftige Menschen passen da nicht rein und von den Kosten gar nicht zu reden. So war das nicht vorgesehen, denn die Kurve unserer Leistungsgesellschaft zeigt immer nach oben.

    Wenn kranke und pflegebedürftige Menschen auch so wichtig wie Banken wären, stünden die Gelder und die nötigen Pflegekräfte längst zur Verfügung.

    Andere Kulturen pflegen da einen besseren, weitaus menschlicheren Umgang mit von Demenz Betroffenen, auch wenn das BIP dieser Länder unsere Wirtschaftselite gerade mal zu einem ironischem Lächeln veranlasst. Herzenswärme lässt sich halt nicht in Kilojoule messen und verkaufen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir zukünftig wirklich bereit sind z.B. von asiatischen und afrikanischen Menschen einen menschlicheren Umgang mit Menschen zu lernen?

    Der Import von Herzenswärme aus diesen Völkern wäre vielleicht wichtiger als mancher Rohstoff, der eh nur in die Produktion von neuem Müll geht. Wir sind hierzulande leider sehr kalte Menschen geworden.

  3. Wenn die finanziellen Wohltaten in die Pflege der Demenzkranken investiert werden, sind diese Menschen durchaus in der Lage ,diese finanziellen Wohltaten wahrzunehmen. Ich persönlich hätte mehr Verständnis dafür, als Verständnis für die mehrfache Kostenübernahme von Alkohol/Drogenentzügen in Suchtkliniken.
    Hr. Mißfelder forderte ja auch schon mal "Keine Hüftgelenke für die ganz Alten".

    Antwort auf "Reine Verschwendung"
    • UP
    • 27. Juni 2013 19:59 Uhr

    Herzlichen Dank. Sie sprechen mir aus dem Herzen :-).

    via ZEIT ONLINE plus App

  4. Ich finde das vollkommen richtig! Aus meinem eigenen Familienkreis weiß ich, dass es oft schwierig ist, eine vernünftige Pflegestufe zu bekommen. Ich finde eine detaillierte Einteilung für die richtige Einordnung in die Pflegestufe den richtigen ersten Schritt, gerade, weil es oft so schwierig zu diagnostizieren ist bzw. Erkrankte im Frühstadium oftmals die Symptome verschleiern, was eine EInordnung in die richtige Pflegestufe deutlich erschwert.
    Gute Infos zum Thema gibt es hier:
    http://www.wegweiser-deme...
    http://www.souvenaid.de/a...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, Reuters, kg
  • Schlagworte Daniel Bahr | Demenz | Pflegeversicherung
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