Mitglieder von Falun Gong protestieren mit einer Performance in Cottbus gegen die chinesische Unterdrückung. © Robert Michel/AFP/Getty Images

Dass in China Organe Hingerichteter entnommen und für Transplantationen verwendet werden, ist bekannt. Das Gesundheitsministerium des Landes hat das 2009 bestätigt. Zwei Drittel der Transplantate in China werden nach Exekutionen entnommen, hieß es ganz offiziell.    

Im November 2012 hatten die Machthaber in Peking allerdings verkündet, in Zukunft keine Organe von zum Tode Verurteilten mehr verwenden zu wollen. Will China die Menschenrechte künftig also stärker achten? Oder sind solche Versprechen unglaubwürdig?

Der Verdacht, den ein kanadischer Menschenrechtler jetzt in seinem auf Deutsch erscheinenden Buch Staats-Organe äußert, geht weit über die schon seit Jahren von Menschenrechtlern geäußerten Vorwürfe zum Missbrauch von Todeskandidaten als Organlieferanten hinaus.

Mord für Organe?

Der Menschenrechtsanwalt David Matas behauptet, in China würden politische Gefangene ohne Verfahren oder Urteil umgebracht, weil man ihnen die Organe entnehmen wolle.

Schon 2012 veröffentlichte Matas sein Buch dazu auf Englisch. Am 19. Juli erscheint es hierzulande im GoodSpiritVerlag. In Berlin wurde es der Presse vorgestellt.

Der Jurist aus Kanada und dessen Co-Autor Torsten Trey, Geschäftsführer der Organisation Doctors Against Forced Organ Harvesting (Dafoh), stützen ihre These hauptsächlich auf Zeugenaussagen von Mitgliedern der buddhistischen Religionsgemeinschaft Falun Gong, die von in Gefangenschaft verschwundenen Familienmitgliedern berichten.

Im Buch befinden sich außerdem Berichte von ehemaligen Insassen von Arbeitslagern über Mitgefangenen, die angeblich an plötzlichen Krankheiten gestorben seien und deren Organe dann entnommen sein worden.

Außerdem hätten Matas und Trey Hinweise darauf, dass in China weit mehr Lebern und Nieren transplantiert würden, als allein durch den Missbrauch von Hingerichteten als Organspender zusammen kämen. "In 2004 wurden 10.000 Nierentransplantationen in China durchgeführt. Man benötigt dazu mindestens 5.000 exekutierte Häftlinge. Da aber nicht jeder Häftling als Organspender in Frage kommt, und nicht immer beide Nieren transplantiert werden können, und der exekutierte Häftling nicht immer an dem Ort exekutiert wird, wo man eine Niere braucht, muss die Anzahl der Exekutionen weit über 5.000 liegen, um 10.000 Nierentransplantationen zu rechtfertigen", rechnet Trey vor.

Doch insgesamt bleibt die Beweislage dünn. Das Buch, für das Matas und Trey mit dem ehemaligen kanadischen Staatssekretär David Kilgour seit 2006 recherchiert haben, kann daran nichts ändern. Schon das Umfeld, in dem es in seinem deutschen Verlag erscheint, zwischen Esoterikbüchern und DVDs mit Titeln wie Allergien auflösen in wenigen Minuten oder Moneyflow – Freiheit von finanziellen Begrenzungen, macht stutzig, wie ernst man die darin gesammelten Indizien nehmen kann.

Auch die bekannte Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Zweifel. "Die Zeugenaussagen, die von uns ausgewertet wurden, lassen zu viele Fragen offen", sagt Dirk Pleiter von der VR China Koordinationsgruppe von Amnesty International. Die Vorwürfe von Matas, Trey und Kilgour hätten sie weder bestätigen noch widerlegen können. Die in ihren Berichten genannten Zahlen seien mit großen Unsicherheiten verbunden.

Menschenrechtler kritisieren den Umgang mit Todeskandidaten

Auch die Vorwürfe, die sich auf den Umgang mit offiziell zum Tode Verurteilten beziehen, verbleiben ohne harte Beweise. Der Mainzer Pharmakologie-Professor Huige Li hält es durchaus für denkbar, dass Todeskandidaten in chinesischen Gefängnissen unter qualvollen Umständen Organe entnommen werden. Er ist zugleich Dafoh-EU-Deligierter.

Außer der international heftig kritisierten Organentnahme an hingerichteten Gefangenen sind noch zwei Formen von Organentnahme an Lebenden bekannt, sagte Li ZEIT ONLINE. Er kenne gut dokumentierte Fälle, denen zufolge die zum Tode verurteilten Gefangenen bei der Hinrichtung absichtlich in die rechte Brustseite geschossen wurden, um nicht das Herz zu beschädigen und die Gefangenen nicht sofort zu töten. Man habe dabei die Absicht gehabt, die Organe (unter anderem Nieren und Leber) noch so lange durchbluten zu lassen, bis diese dem Körper entnommen wurden. Wie oft solche grausamen Taten während der Hinrichtungen passierten oder noch passieren, ist unklar.

Auch politischen Gefangenen ohne Todesurteil seien Organe entnommen worden. Li berichtet von einem Fall, in dem der ehemalige Polizeichef von Jinzhou City zwischen 2004 bis 2006 mehreren tausend Menschen nach einer Injektion die Organe für seine "Transplantationsforschung" entnehmen ließ.

China fehlt ein funktionierendes Organspendesystem

Li ist überzeugt, dass China versucht, einen großen Mangel an Spenderorganen unter Begehung schwerster Menschenrechtsverletzungen zu decken. Ein wirklich ausgereiftes Organspendesystem würde die Krankenhäuser und den Staat viel mehr Geld kosten, sagte Li ZEIT ONLINE. "Organhandel wird in China nicht von Kriminellen auf dem Schwarzmarkt betrieben, sondern von den Behörden selbst. Das gibt es sonst nirgendwo."

China führte erst 2010 ein System zur Organspende ein, das kaum funktioniert. Im bevölkerungsreichsten Land der Welt gaben in den Jahren vor 2009 nach offiziellen Angaben nur etwa 130 Menschen ihre Organe für die Medizin frei. Auch wenn keine genauen neuen Zahlen vorliegen, liegt auf der Hand, dass die Nachfrage deutlich größer sein dürfte.

Hinzu kommt eine traditionell geringe Bereitschaft der Chinesen, sich als Organspender zu melden. Denn nach der konfuzianischen Lehre soll der Körper auch nach dem Tod geschützt werden. 

Wenn China, wie angekündigt, künftig gar keine Organe von Todeskandidaten mehr verwenden will, braucht das Land Alternativen. Aber ob dafür wirklich Menschen ermordet werden, wie Matas es im Falle der vermissten Falun-Gong-Mitglieder behauptet?

Falun-Gong-Anhänger werden in China verfolgt

Laut Pleiter von Amnesty International sind all die zusammengetragenen Hinweise in Staats-Organe keine Beweise für einen systematischen Mord an Falun-Gong-Anhängern. Widerlegen könne man die Behauptungen aber auch nicht. Unstrittig ist, dass Mitglieder dieser religiösen Gruppe in China seit 1999 verfolgt werden. Ohne Gerichtsverfahren werden sie mit anderen Dissidenten in Gefängnissen, psychiatrischen Einrichtungen oder sogenannten "Lagern zur Umerziehung" weggesperrt, die laut chinesischen Behörden jetzt reformiert werden sollen.

Medizinprofessor Li jedenfalls traut Chinas Machthabern solche Grausamkeit zu. "Seit die Kommunistische Partei in der Kulturrevolution die chinesische Kultur zerstört hat, glaubt man in China an nichts mehr außer an Geld", sagte er ZEIT ONLINE.

Staats-Organe-Herausgeber Matas fordert unterdessen mehr internationales Engagement. Der Westen solle auf mehr Transparenz pochen, internationale Untersuchungen einleiten und bei Menschenrechtskongressen konkrete Probleme wie die Verfolgung von Falun Gong im Detail ansprechen.

Damit meint er wohl auch Schicksale, wie das des chinesischen Flüchtlings Lebin Ding, der auf der Buchvorstellung von Staats-Organe in Berlin sprach. Seinem Vater sei es gelungen, die inhaftierte Mutter in einem Arbeitslager in China zu besuchen und Ding davon zu berichten. Die Falun-Gong-Praktizierende wundere sich über aufwändige medizinische Untersuchungen trotz 16 Stunden täglicher Zwangsarbeit. Der junge Chinese nimmt Matas Recherchen ernst. Würden sie sich bewahrheiten, schwebe seine Mutter nun wegen ihrer Organe in Lebensgefahr.