ZEIT ONLINE: Warum können manche synthetisch hergestellten Stoffe in Kosmetika wie Hormone wirken?

Gilbert Schönfelder: Das ist ein Nebeneffekt. Synthetisch hergestellte Stoffe haben eine bestimmte chemische Grundstruktur und die ist nicht absichtlich so gestaltet, dass ihre Wirkung der von Hormonen ähnelt. Steht ein Stoff im Verdacht, hormonaktive Wirkung zu haben, so sollte geklärt werden, ob es sich um einen Endokrinen Disruptor handelt, der abhängig von der Menge die Gesundheit schädigen könnte.

ZEIT ONLINE: Wofür sind Hormonsysteme im Körper zuständig?

Schönfelder: Die weiblichen und männlichen Sexualhormone Östrogen und Testosteron sind nur zwei von vielen Beispielen. Das Hormon Insulin aus der Bauchspeicheldrüse steuert etwa den Zuckerhaushalt im Körper. Wenn Sie sich erschrecken, weil ich vor Ihnen in die Hand klatsche, dann schüttet der Körper Kortisol aus, weil Sie unter Stress stehen. Und wenn Sie im Sommer zu früh aufwachen und die Sonne Ihnen in die Augen scheint, dann wird ein Hormon ausgeschüttet, das Sie aufstehen lässt, auch wenn Sie gerne noch etwas länger schlafen würden. Das sind empfindliche Systeme aus Botenstoffen – und überall da können hormonartige Substanzen Einfluss nehmen.

ZEIT ONLINE: Wie kann dieser Einfluss aussehen?

Schönfelder: Endokrine Disruptoren können die Wirkung von Hormonen beeinflussen, ob das gerade erwünscht ist oder nicht. Außerdem können sie Hormone blockieren oder deren Abbau, Aufbau und Transport stören. Zum Beispiel könnten hormonartige Substanzen, die wie Östrogen wirken, in das Sexualsystem eingreifen. Es besteht der Verdacht, dass solche Stoffe die Entwicklungsphasen von Kindern oder Pubertierenden beeinträchtigen, bestimmte Tumore fördern oder, wenn sie männliche Sexualhormone hemmen, die Spermienzahl sinken lassen. Aber das heißt nicht, dass man diese Auswirkungen zu erwarten hat, sobald ein bestimmter Stoff in einem Shampoo oder einer Creme enthalten ist. Um Schaden anrichten zu können, müsste er in der entsprechenden Dosierung vorkommen.

ZEIT ONLINE: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bietet nun die App Tox Fox an, mit der sich Verbraucher über Kosmetik-Inhaltsstoffe informieren können. Sagt die App denn überhaupt etwas darüber aus, ob ein Produkt schädlich ist?

Schönfelder: Die Veröffentlichung des BUND ist erst einmal keine wissenschaftliche Studie, sondern basiert auf einer Produktdatenbank, in der Laien Informationen für Laien zusammentragen. Es ist natürlich nicht verkehrt, die Leute über die Inhaltsstoffe aufzuklären, aber der Name eines Stoffes ist noch keine Risikobewertung. Dazu bräuchten Sie Angaben zur Menge, die in dem Produkt enthalten ist, und müssten wissen, ob diese Menge des jeweiligen Stoffs schon gesundheitsschädlich ist. Man muss ebenfalls bedenken, dass wir alle aus Chemikalien bestehen und dass sie überall um uns herum sind. Auch die Salatgurke hat Inhaltsstoffe, in denen pflanzliche Hormone enthalten sind. Aber die sind nicht gleich schädlich, wenn Sie sich Gurkenscheiben auf die Augen legen.

ZEIT ONLINE: Woher weiß ich denn, welche Chemikalien mir schaden können?

Schönfelder: Es bestehen dazu noch viele Wissenslücken. Aber es gibt schon zahlreiche Daten aus Hunderten Studien, bisher aber nur aus Tierversuchen. Sie sind die Grundlage schon bestehender Gesetze zu den verschiedenen Stoffen und Stoffklassen. Viele sind mittlerweile verboten oder auf geringe Mengen beschränkt, viele andere werden ständig geprüft. Der Wissenschaftliche Ausschuss Verbrauchersicherheit (SCCS) der EU gibt zum Beispiel Bewertungen einzelner Stoffe und Produkte heraus. Hier kann man sich jederzeit informieren, was in welcher Menge enthalten und womöglich schädlich ist.