Hochansteckende Viren: Der eingefärbte Masern-Erreger unter dem Elektronenmikroskop © H. Gelderblom, F. Kaulbars, A. Schnartendorff/RKI

Es braucht nicht viel, um sich die Masern einzufangen: Ein Niesen im Wartezimmer, ein hustendes Kind in der Kita, ein verschnupfter Bettnachbar in der Klinik, ein bloßes Gespräch. Masernkeime sind so robust, dass nur einige wenige Viren ausreichen, um ungeimpfte Menschen zu infizieren. Wer nicht immun ist, erkrankt zu mehr als 90 Prozent.

Das müsste nicht so sein. Seit genau 50 Jahren gibt es einen lebenslangen Schutz vor dem gefährlichen Erreger. Er ließe sich ausrotten, dafür wären nur zwei Spritzen nötig. Die Dosis kostet im Schnitt weniger als 20 Eurocent. Während die Erkrankung in Nord- und Südamerika schon vor Jahren praktisch eliminiert worden ist, hinkt Deutschland hinterher.

Es sind weniger die Kinder, die den Medizinern Kopfzerbrechen bereiten. Derzeit melden die Gesundheitsämter in Berlin und Bayern einen starken Ausbruch der Krankheit. Mehr als 900 Menschen leiden dort an den Folgen einer Maserninfektion. Fast die Hälfte der Erkrankten ist 20 Jahre alt oder älter. 70 Prozent von ihnen waren nachweislich nicht geimpft. Die anderen wussten es nicht oder hatten sich nur eine der zwei Spritzen zur Immunisierung verabreichen lassen. Die Infizierten haben ihre Symptome offenbar impfmüden Eltern, den Ratschlägen unwissender Gegner der Vakzine oder der eigenen Nachlässigkeit zu verdanken. 

Masern können besonders Erwachsenen schaden, auch langfristig. Die Infektion verursacht nicht etwa einen harmlosen Ausschlag mit roten Pünktchen auf der Haut und etwas erhöhte Temperatur – wie viele glauben. Wer erkrankt, leidet nicht selten unter anhaltenden und sich wiederholenden Fieberschüben bis zu 40 Grad Celsius. Einige bekommen schwere Hustenanfälle bis hin zu einer echten Bronchitis. Die schwersten Symptome: Dämmerzustände an der Grenze zur Bewusstlosigkeit, Mittelohr- und Lungenentzündungen, schwere Gliederschmerzen, Erbrechen und schlimmstenfalls eine Hirnhautentzündung. Die kann zu chronischen Lähmungen führen und Regionen im Gehirn schädigen. Infizierte verlieren mitunter geistige Fähigkeiten.

Jede Stunde 18 Tote weltweit

Bei Kindern verläuft die Erkrankung zwar häufiger glimpflich, doch können infizierte Säuglinge über Jahre hinweg unter den Folgen leiden, sobald sich die Viren im Hirn einnisten. Zwar ist das selten – doch es bedeutet meist nach wenigen Lebensjahren den Tod. Ärzte sprechen von der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis. Wer eine Hirnhautentzündung im Kleinkindalter überlebt, trägt vereinzelt sogar geistige Behinderungen davon.

Ehe es zu weltweiten Impfungen gegen das hochansteckende Virus kam, starben allein im Jahr 1980 weltweit 2,6 Millionen Menschen an den Folgen der Masern. In den vergangenen Jahrzehnten sank diese Zahl enorm. Allerdings tötete der Erreger etwa im Jahr 2011 noch jede Stunde 18 Menschen auf dem Erdball. 

Umso unverständlicher ist es, wie nachlässig noch immer viele Deutsche mit dem Impfschutz sind. In den vergangenen zwölf Jahren seit Einführung der Meldepflicht hat es immer wieder größere Masernepidemien gegeben, in deren Folge auch hin und wieder Menschen starben. Die Infektionszahlen schwanken dramatisch. 2001 wurden den Behörden 6.036 Fälle gemeldet, drei Jahre später waren es nur 123. Vor sieben Jahren kletterte die Anzahl der Erkrankungen auf 2.308, zwei Kinder starben nach einer Epidemie in Nordrhein-Westfalen. 2012 zählten die Ämter erneut "nur" 165 Infektionen.

Um die Masern auszurotten, müssen mindestens 95 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein. Selbst dann erwarten die Gesundheitswächter am Robert Koch-Institut noch 80 Infektionen pro Jahr. Dies wäre aber weniger als eine Erkrankung unter einer Million Menschen. Dies wurde in Deutschland nie erreicht. Das Virus sucht sich die Lücken der Ungeimpften – und das mit Erfolg.

Bis 2010 wollte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Europa die Masern eliminieren. Dieses Ziel blieb unerreicht. Auch die nächste Frist bis 2015 könnte verstreichen. Schuld daran ist auch ein Mythos, der sich hartnäckig hält: Viele Eltern und Impfgegner halten die Vakzine für gefährlicher als die Erkrankung selbst. Nicht wenige schicken ihren Nachwuchs weiterhin auf Masernpartys, damit sie sich dort anstecken. Für einige gehört die Erkrankung sogar zwingend zur normalen kindlichen Entwicklung.