"Stammzellen retten Herzinfarkt-Patienten das Leben" – mit solchen Schlagzeilen würdigten Medien im Jahr 2001, was dem Herzspezialisten Bodo-Eckehard Strauer nach eigenem Bekunden gelungen war. Viele Herzkranke hegten unerwartet Hoffnung auf neue Heilungschancen. Mit einer bis dahin einzigartigen Methode ließ der Düsseldorfer Arzt im Herzmuskel eines Infarkt-Patienten abgestorbene Zellen nachwachsen. Zumindest behauptete Strauer das.

Jahrelang behandelte der Mediziner daraufhin Patienten für klinische Studien mit diesen Stammzell-Spritzen und verfasste Dutzende Veröffentlichungen über seine Forschung. Jetzt steht der Professor, der 2009 in den Ruhestand ging, zum wiederholten Male unter dem Verdacht, dabei wissenschaftlich nicht sauber gearbeitet zu haben, wie das Magazin Forbes online berichtet.

Ein Forscherteam um den auf einem anderen Feld tätigen Kardiologen Darrel Francis vom Imperial College in London hat 48 Veröffentlichungen von Strauers Arbeitsgruppe auseinander genommen und dabei größere und kleine Mängel festgestellt.

So bezögen sich die Publikationen allesamt auf Datensätze aus nur fünf tatsächlich durchgeführten klinischen Studien, schreiben die Kritiker im International Journal of Cardiology. Von Ungereimtheiten, Ungenauigkeiten und Beschönigungen ist die Rede, aber auch von Manipulationen, die nach Vorsatz aussähen.

Dopplungen und Rechenfehler

Die lange Liste der Anschuldigungen lässt sich grob so zusammenfassen: Die Forscher unter Leitung des Herzspezialisten Strauer hätten Daten doppelt verwendet, Abweichungen vom gewünschten Ergebnis unter den Tisch fallen lassen, eigene Erfolge aufgehübscht. Oft bleibe unklar, unter welchen Bedingungen Versuchspersonen überhaupt in Studien aufgenommen worden sind. 

In den Forschungsarbeiten gäbe es immer wieder Rechenfehler, falsch ausgewertete Statistiken, inkorrekte oder fehlende Angaben zum Aufbau der Versuche und viele weitere Mängel. Zum Teil sei nicht einmal die Anzahl der behandelten Personen eindeutig, berichtet das Team um den Londoner Forscher. So seien identische Ergebnisse mit widersprüchlichen Fallzahlen oder aber widersprüchliche Ergebnisse mit identischen Fallzahlen entstanden. 

Das Magazin Forbes zitiert zudem ein besonders eklatantes Beispiel, wonach eine Grafik, die zeigen soll, wie viel Blut das Herz nach der Behandlung mit den Stammzellen transportieren konnte, in zwei voneinander unabhängigen Studien verwendet wurde. Obwohl an jeder der beiden Studien unterschiedlich viele Probanden teilnahmen, zeigt die Grafik in beiden Fällen identische Zahlen.*

Nicht das erste Mal unter Verdacht

Über die Dopplungen in zwei Studien hatte die Süddeutsche Zeitung bereits Ende 2012 berichtet. Damals ging es um unerklärliche Ähnlichkeiten zwischen der BEST Heart Study, erschienen in dem Buch Adulte Stammzellen aus dem Düsseldorfer Universitätsverlag, und der STAR Heart Study, die Strauer im Juli 2010 im European Journal of Heart Failure veröffentlicht hatte.

Die Universitätsklinik Düsseldorf leitete damals ein internes Untersuchungsverfahren gegen den Mediziner wegen möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ein und hat zusätzlich eine externe Kommission mit der Prüfung beauftragt. "Abschließende Ergebnisse liegen aus beiden Kommissionen noch nicht vor", teilte die Universität ZEIT ONLINE mit.

Wie die Süddeutsche Zeitung außerdem berichtete, vermutete Strauer, Konkurrenten wollten ihn verleumden. "Meine Suche nach einer ungefährlichen und ethisch einwandfreien Behandlungsmethode droht der embryonalen Stammzellenforschung ein Milliardengeschäft zu verderben", sagte er der Zeitung damals.

Pannen oder Täuschung? Zu einem abschließenden Urteil, wie die Fehler und Mängel in den Forschungsarbeiten zu bewerten sind, ringen sich die Autoren um Darrel Francis nicht durch. Stattdessen kritisieren sie den aus ihrer Sicht leichtsinnigen Umgang der Herausgeber mehrerer Kardiologie-Fachmagazine mit offensichtlich mangelhaften Studien Strauers.

Strauer lebt mit der Kritik

Schon nachdem der Düsseldorfer Professor 2001 den möglichen Erfolg seiner Methode präsentiert hatte, zweifelten Fachkollegen an deren Wirksamkeit und ruckelten öffentlich an der Glaubwürdigkeit des Mediziners. Einige Fachleute kritisierten, die Tierversuche, die Strauer im Vorfeld gemacht hat, seien nicht ausreichend, um einen solchen Eingriff an Menschen zu probieren.*

Strauer ist nicht irgendjemand. Mit nur 23 Jahren promovierte er in Göttingen, im Alter von 30 war er bereits Professor. Er gilt weltweit als renommierter Wissenschaftler, hat Hunderte Forschungsarbeiten in anerkannten Journalen publiziert und Vorträge auf internationalen Kongressen gehalten.

Mehr als 20 Jahre lang führte er die Abteilung für Kardiologie an der Uniklinik Düsseldorf. Er gewann seit den siebziger Jahren bis ins Jahr 2011 Forschungspreise und wurde mit einem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Bis heute konnte ihm kein Fehlverhalten nachgewiesen werden.

Sind es also Neider und Konkurrenten, wie Strauer selbst mutmaßte, die ihm seinen Erfolg nicht gönnen und ihn deshalb der Manipulation beschuldigen? Oder bestätigt sich jetzt, was viele schon seit Jahren glauben: Dass Strauer seiner Forschungskarriere mit ein paar Tricks auf die Sprünge geholfen hat?  Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

*Korrekturhinweis: Diese Textstellen wurden im Nachhinein gekürzt und präzisiert.