Umstrittene ExperimenteForscher wollen gefährliche Vogelgrippe-Viren züchten

Wie könnte H7N9 für uns hochansteckend werden? Forscher um Ron Fouchier wollen das wissen – und planen deshalb erneut gewagte und umstrittene Experimente. von 

Veterinärexperten testen in Hongkong Hühner auf das Influenzavirus A/H7N9.

Veterinärexperten testen in Hongkong Hühner auf das Influenzavirus A/H7N9.  |  © Philippe Lopez/AFP/Getty Images

Die unter Menschen neue Vogelgrippe hat der Welt einen gehörigen Schrecken eingejagt. In China befiel der einst als harmlos eingestufte Erreger des Typs A/H7N9 seit vergangenem Winter mehr als 130 Menschen. Für 43 von ihnen endete die Infektion mit dem Tod. Mittlerweile ist die erste Welle zwar verebbt, doch die Angst bleibt: Was, wenn das Virus im Winter zurückkommt? Und was, wenn es dann noch ansteckender wird? 

Das ist die wohl größte Befürchtung der Mediziner und Virologen. Bisher haben sich die Grippeerreger zwar vornehmlich unter Vögeln ausgebreitet. Doch in einigen Fällen ist es dem Erreger bereits gelungen, von Mensch zu Mensch zu springen.  

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Zudem besteht die Gefahr, dass das Virus weiter mutiert und sich so immer besser an den menschlichen Körper anpasst. In dieser Einschätzung ist sich die Fachwelt einig. "Die aktuellen Varianten von H7N9 sind schon recht gut erforscht, aber wenn das Virus seine Gestalt verändert, bringen uns diese Erkenntnisse nichts", sagt der niederländische Grippeforscher Ron Fouchier. Im Fachmagazin Nature kündigen er und andere Virologen an, sogenannte "Gain of function"-Experimente, also Versuche mit genetisch veränderten Varianten des Erregers durchzuführen.

Flexible Grippeviren

Grippeviren kommen in der Natur in unterschiedlichsten Varianten vor und sind auf verschiedene Wirte spezialisiert. Unter Menschen umgehende Influenza-Viren lösen jedes Jahr eine Grippewelle aus, die um den Erdball geht. Allein in Deutschland erkranken jährlich Hunderttausende bis über eine Million Menschen an einer echten Grippe.

Welcher Virus-Subtyp die Grippewelle dominiert, ist von Jahr zu Jahr verschieden. In der Saison 2009/2010 war es zum Beispiel A/H1N1, der unter dem irreführenden Namen Schweinegrippe bekannt wurde, weil er einst in Schweinen mutierte und sich zu einer von Mensch zu Mensch ansteckenden Form entwickelte. In der aktuellen Saison gehen nach Informationen des Robert Koch-Instituts weiterhin A/H1N1 und H3N2 zu etwa gleichen Teilen um, ein weiteres Drittel der Infizierten bekommen eine Grippe vom Typ B.

Mit H und N werden die Eiweiße der Virushülle Hämagglutinin und Neuraminidase abgekürzt, von denen es jeweils verschiedene Strukturen gibt.

Vogelgrippe-Varianten

In Einzelfällen können auf Vögel spezialisierte Influenza-Viren auch Menschen befallen. Die bekannteste für Menschen relevante Form ist A/H5N1.Sie ist seit 2003 immer wieder vereinzelt unter Menschen aufgetreten, vor allem in Ägypten, Indonesien und Vietnam – und zwar fast immer in Regionen, in denen Menschen in engem Kontakt mit infiziertem Geflügel leben, Tiere schlachten und das Fleisch selbst verarbeiten. Bis heute haben sich damit 648 Menschen infiziert, 384 starben daran (Stand Dezember 2013).

Der Erreger ist aber nach wie vor hauptsächlich ein Problem für Geflügelbauern und er löst keine großen Epidemien unter Menschen aus. Er bleibt eine Tierseuche, die nur in Ausnahmefällen Menschen betrifft. 

Erkenntnisse über das noch recht unerforschte Virus A/H7N9 schließen die Wissenschaftler weitgehend aus dem, was sie über A/H5N1 wissen. Bislang starben an dem neuen A/H7N9-Virus nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO über 40 Menschen, mehr als 140 haben sich infiziert.

Die Vogelgrippe A/H10N8 hat im Dezember 2013 erstmals nachweislich einen Menschen infiziert – und getötet.

Ziel solcher Studien ist es, Mutanten des H7N9-Erregers im Labor zu erschaffen. Nicht irgendwelche Mutanten, sondern welche, die für uns Menschen gefährlich werden könnten. "Wir wissen schon aus früheren Experimenten, welche genetischen Besonderheiten Grippeviren hochinfektiös oder pathogen machen", sagt Fouchier. Genau diese Eigenschaften wollen die Forscher mit gentechnischen Mitteln in das Erbgut der H7N9-Erreger einbauen.     

Welche der herbeigeführten Veränderungen im Erbgut die H7N9-Viren tatsächlich ansteckender oder gefährlicher machen, soll anschließend an Frettchen oder Meerschweinchen getestet werden. Beide Tierarten gelten als gute Modellorganismen, weil ihr Immunsystem dem menschlichen ähnelt. Wenn die Experimente gelingen, werden sich die Erreger rasant unter den Tieren ausbreiten und diese womöglich töten. Die Virologen inszenieren also gewissermaßen das Worst-Case, um – so schreiben sie – das "volle potenzielle Risiko" einschätzen zu können, das die Viren für den Menschen darstellen.  

Angst vor neuem Skandal

Geplante Experimente in Fachmagazinen anzukündigen, ist eigentlich nicht üblich. Normalerweise veröffentlichen Forscher darin Erkenntnisse aus bereits abgeschlossenen Studien. Doch Fouchier ist inzwischen vorsichtig geworden, wenn es um Versuche mit gefährlichen Virusmutanten geht. Im vergangenen Jahr war es ihm gelungen, Vogelgrippeviren des Typs A/H5N1 genetisch so zu manipulieren, dass es für den Menschen ansteckend wird.  

Was er als Erfolg verbuchte, versetzte die Öffentlichkeit in Panik: Medien bezeichneten die mutierten Erreger als "Superviren" und Fouchier als "Frankenstein". Die Fachmagazine Science und Nature zögerten sogar, Fouchiers Ergebnisse zu publizieren, weil sie befürchteten, dass sie Terroristen in die Hände fallen könnten.

Leserkommentare
    • tsnud
    • 07. August 2013 19:49 Uhr

    auch wenn durch fehlgeleitete Marketingstrategien der Pharmaindustrie (Tamiflu) und dem glücklicherweise ausbleiben einer Epidemie oder gar Pandemie nun fälschlicherweise ein harmloses Bild überwiegt.

    Durch den dauerhaften antigen drift und shift kommt es ständig zur Neukombination von Grippeviren. Die Vogelgrippeviren sind beispielsweise an ihren Wirt gut angepasst und kaum schädlich, dadurch ist aber weltweit die Vogelpopulation durchseucht. In Risikozentren bspw. auf Fleischmärkten in Asien kommt es zum direkten Kontakt von Menschen, Schweinen und Vögeln. Das interessante hieran ist das das Schwein "kompatibel" zu Influenzaviren aus Menschen und Vögeln ist. d.h. im Schwein kommt es zum "shift" - der Rekombination der Viren so das ein neuer Virus enstehen kann der eine extreme Pathogenität und Infektiösität (H7 und H5) tragen kann. Durch den weiteren "drift" (hohe Mutationsrate) im Menschen kann kann dieser weiter auf diese Eigenschaften selektioniert werden.

    Historisch findet soetwas alle paar Jahrzente statt, 1889 (Subtyp A/H2N2), 1918 (Spanische Grippe), 1957 (Asiatische Grippe), 1968 (Hongkong-Grippe) und 1977 (Russische Grippe). Im Prinzip also längst überfällig. Auch wenn ich mit dem Methoden der Pharmaindustrie genauso unzufrieden bin wie viele andere, so befürworte ich als Molekularbiologe doch nachdrücklich die Forschung an dieser Thematik, damit wir in diesem Spiel hoffentlich weiterhin der Igel sind der dem Hasen einen Schritt voraus ist.

  1. ...hoffentlich trägt niemand aus dem Labor sein "baby" an die frische Luft ;-)

    Eine Leserempfehlung
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    An diesen Film musste ich auch sofort denken, schon als ich die Überschrift des Artikels las.

    Ich bin selbst Naturwissenschaftler und ich würde solche Experimente nicht verantworten wollen.

    Wie bei den früheren im Labor erzeugten Grippeviren meine ich: Den vielfältigen großen Gefahren gegenüber steht nur der Erkenntnisgewinn über eine potentiell tödliche Erregermutante, die in exakt dieser genetischen Ausstattung höchstwahrscheinich nicht in der "freien" Natur entstehen wird.

    Währe doch ein Segen für diesen Planeten!

  2. 3. Genau!

    An diesen Film musste ich auch sofort denken, schon als ich die Überschrift des Artikels las.

    Ich bin selbst Naturwissenschaftler und ich würde solche Experimente nicht verantworten wollen.

    Wie bei den früheren im Labor erzeugten Grippeviren meine ich: Den vielfältigen großen Gefahren gegenüber steht nur der Erkenntnisgewinn über eine potentiell tödliche Erregermutante, die in exakt dieser genetischen Ausstattung höchstwahrscheinich nicht in der "freien" Natur entstehen wird.

    2 Leserempfehlungen
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    ...aber ich kann die Forscher schon verstehen.

    Ich bin mir sicher (wenn ich an Viren arbeiten würde)
    würde mich ein Verbot/Einschränkung/Öffentliche Meinung nicht davon abbringen weiter zu arbeiten.

  3. ...aber ich kann die Forscher schon verstehen.

    Ich bin mir sicher (wenn ich an Viren arbeiten würde)
    würde mich ein Verbot/Einschränkung/Öffentliche Meinung nicht davon abbringen weiter zu arbeiten.

    Antwort auf "Genau!"
  4. ...und werden ihr Labor entsprechend eingerichtet haben, inklusive Erdbebensicherung und allem drum und dran. Die werden ganz sicher gehen, nicht ausversehen als Massenmörder in der Weltgeschichte zu enden..
    Man muss den potentiellen nutzen solcher Experimente ins Auge fassen: Jeden Tag, den wir bei dem Ausbruch einer solchen Krankheit Vorsprung haben, wird TAUSENDE MENSCHENLEBEN retten. Paranoia vor Schreckensszenarien à la Hollywood sollten uns diese Möglichkeit nicht verbauen!

    3 Leserempfehlungen
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    ...die so sicher gebaut sind das sie statistisch nur alle 100.000 Jahre einen ernsthaften Störfall haben?
    Hmm...das hat ja prima funktioniert....

  5. 6. Warum?

    Währe doch ein Segen für diesen Planeten!

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    ...bitte beruhigen Sie meine Hollywood/Horrorszenario Paranoia und bestätigen meine Hoffnung für TOP Sicherheit im Labor (von Erbeben zum Persönlichkeitstest) und sagen mir, dass sie NICHT in einem Labor arbeiten ;-D
    (und es auch nicht vorhaben ;-)

  6. ...die so sicher gebaut sind das sie statistisch nur alle 100.000 Jahre einen ernsthaften Störfall haben?
    Hmm...das hat ja prima funktioniert....

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Weltgesundheitsorganisation | Grippevirus | Virus | Vogelgrippe | China
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