Wie sehr darf ein Staat seine Bürger bevormunden? Diese Frage wird in Deutschland wieder besonders heiß diskutiert, seitdem der Vorschlag der Grünen für einen Veggie-Day die Runde macht. Die Idee: Kantinen sollen einmal pro Woche nur fleischlose Kost anbieten. Obwohl viele den Trend zu mehr vegetarischem Essen gut finden und die Grünen keineswegs ein Verbot von Fleisch einmal pro Woche fordern, zeigt auch die Debatte auf ZEIT ONLINE: Kaum jemand möchte sich in seine Ernährungsweise hineinreden lassen.

Am anderen Ende des Globus – in Australien – ist der Nanny-Staat längst Alltag. Es wird von Staats wegen erzogen, reguliert, verboten und verordnet – auf das sich der Australier gesund ernähre, das Rauchen aufgebe, dem Alkohol abschwöre und natürlich auch nur noch mit Helm geschützt Fahrrad fahre.

Die kürzlich abberufene Premierministerin Julia Gillard und die Exgesundheitsministerin Nicola Roxon galten als besonders eifrige Befürworter strenger Verordnungen. Großes Aufsehen erregte ihre Regierung Ende 2012, als sie die bis dahin schärfsten Anti-Raucher-Gesetze der Welt durchsetzte. Die Politiker verdammten Tabakkonzerne dazu, Zigaretten nur noch einheitlich in Olivbraun zu verpacken – die Marke darf seither nur noch klein gedruckt auf der Packung stehen.

Übergroß hingegen prangen Bilder von verfaulten Füßen, Raucherlungen und sterbenskranken Menschen auf den Schachteln. Kaum ein Tabakladen mag solche Zigaretten-Packungen noch in seiner Auslage präsentieren. Egal – denn er dürfte es sowieso nicht. Laut Gesetz sind Tabakprodukte ohnehin nur noch in verschlossenen Schränken aufzubewahren.

Wer im Auto raucht, während Kinder dabei sind, zahlt Strafe

In einzelnen Bundesstaaten, wie etwa in Queensland, fallen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz noch drastischer aus. Dort ist Rauchen am Arbeitsplatz, in Restaurants, Bars, Klubs, auf Spielplätzen, Stränden und Sportplätzen generell verboten. Das Gesetz verlangt sogar Schilder, die auf die Schädlichkeit von Zigaretten hinweisen. Tabakhändler werden besonders geschult, Zigarettenautomaten finden sich nur noch in Bars und Spielhallen. Autofahrer, die im Beisein von Kindern rauchen, zahlen an Ort und Stelle umgerechnet 140 Euro Strafe.

Angeblich ausufernde private Partys – noch dazu mit Alkoholausschank oder dem Konsum noch härterer Drogen – will Queenslands konservative Regierung künftig verhindern. Jugendliche Gastgeber, ihre Eltern sowie alle Teilnehmer riskieren einjährige Gefängnisstrafen oder Bußgelder von umgerechnet rund 8.000 Euro. Zu viele Feiern gerieten "außer Kontrolle", beklagt die zuständige Behörde. Dieser Begriff sei ungenau, kritisieren Gegner des geplanten Gesetzes. Nachbarn könnten jede beliebige Zusammenkunft mit Polizeigewalt auflösen lassen. Die Polizei von Queensland ruft sogar dazu auf, jede Privatparty bei der örtlichen Wache anzumelden und stellt den Bürgern unter dem Motto "Party Safe" Checklisten zur Verfügung, wie Gastgeber ihre Gäste in Schach halten sollen. 

Auch Australiens Anti-Raucher-Gesetze lassen für viele das nötige Augenmaß vermissen. Mike Daube hat die Regierungskommission geleitet, die die abschreckenden Raucherbilder eingeführt hat. Doch ein Jahr später muss der Professor von der Curtin-Universität im westaustralischen Perth zugeben, dass es bis heute keine wissenschaftliche Studie gibt, die belegt, dass der zuvor bereits gesunkene Anteil der Raucher (derzeit in Australen bei 15 Prozent) dank der Schreckensbilder auf den Verpackungen weiter sinkt. Scott McIntyre, Sprecher des Tabakkonzerns British American Tobacco sagt, die Gesetzgebung habe "keinen wahrnehmbaren Einfluss" auf die Verkaufszahlen seines Unternehmens in der ersten Jahreshälfte 2013 gehabt. 

Ein akademischer Nachweis, ob abschreckende Fotos die Raucherquote tatsächlich senken, dürfte allemal schwer zu führen sein – in einem Land, in dem die Schachtel Zigaretten schon jetzt zwölf bis 40 Dollar (8,40 bis 28 Euro) kostet. Gerade erst hat Australiens Regierung erneut eine Tabaksteuer-Erhöhung angekündigt – und zwar um 60 Prozent innerhalb der kommenden vier Jahre.

Der Mediziner und Public-Health-Forscher Simon Chapman von der Universität Sydney sagt, es gebe "weder ernsthafte Studien noch Erwartungen", dass der Raucheranteil kurzfristig sinken könnte. Australiens Anti-Raucher-Gesetze seien "für kommende Generationen" entworfen, meint Chapman. "Erst in 25 Jahren, in der nächsten Generation also, wird man wissen, ob sie gewirkt haben." Befürworter strenger Gesundheitsverordnungen wie Chapman berufen sich auf "eine große Mehrheit der Bevölkerung" als Basis für weitere Maßnahmen.

600 Dollar Strafe für eine durchzechte Nacht

Und so machen staatliche Restriktionen keineswegs beim Tabak halt: Rund 90.000 Menschen werden in Australien jährlich selbst für den Besitz kleinster Mengen Marihuana vorübergehend festgenommen. Alkohol gibt nur in eigens eingerichteten Liquor Shops. Jugendliche dürfen diese Läden auch in Begleitung ihrer Eltern nicht betreten. Wer auf der Straße Alkohol trinkt, zahlt ein Bußgeld. Hinweisschilder in Kneipen untersagen die Ausgabe von Bier an Betrunkene. Wer sich weigert, Kneipen in der Sperrstunde zu verlassen, den holt die Polizei ab. Kostenpunkt für eine durchzechte Nacht: 600 Dollar, rund 420 Euro.