Iss nicht so viel! Mach doch mal mehr Sport! Diese gut gemeinten Ratschläge bekommen übergewichtige Menschen wohl ständig zu hören. Grundsätzlich sind sie nicht verkehrt. Wenn der Körper mehr Energie braucht, als er mit der Nahrung zu sich genommen hat, verbrennt er seine Fettreserven. Doch wenn unser Gewicht wirklich nur von Essen und Sport bestimmt würde, wie kommt es, dass manche Menschen trotz strenger Diät dicker werden? Und andere trotz scheinbar maßlosem Genuss kein Gramm Fett ansetzen?

Faulheit und Fast Food sind nicht die einzigen Ursachen für Übergewicht, da sind sich Mediziner heute sicher. So simpel ist unser Stoffwechsel nicht gestrickt. Wie viel Fett wir ansetzen, entscheiden unzählige Faktoren, die zum Teil noch gar nicht genau erforscht sind. Die Verdauung zum Beispiel. Eine Studie des Biomediziners Oluf Pedersen von der Universität Kopenhagen zeigt nun, dass Übergewicht eng mit der Darmflora verknüpft ist: Menschen, deren Darm von zahlreichen unterschiedlichen Bakterienstämmen besiedelt ist, haben ein geringeres Risiko, dick zu werden, schreiben Pedersen und sein Team im Magazin Nature.  

An der Studie nahmen 123 schlanke und 169 übergewichtige Dänen teil. Aus ihren Stuhlproben isolierten Pedersen und sein Team Erbgut-Fragmente der enthaltenen Darmbakterien. Die Menge an Genmaterial variierte von Studienteilnehmer zu Studienteilnehmer: In einigen Stuhlproben ermittelten die Forscher im Schnitt 640.000 Bakteriengene, was für eine reiche, vielfältige Darmflora spricht. In fast einem Viertel der Proben fanden sich hingegen gerade mal durchschnittlich 380.000 Gene.

Unter den Menschen mit dünn besiedeltem Darm waren deutlich mehr Übergewichtige. Warum, wissen die Forscher nicht genau. "Wir vermuten, dass Darmbakterien einen Einfluss auf den Stoffwechsel haben", sagt Pedersen. Im Blut der bakterienarmen Probanden stellten sie etwa eine erhöhte Konzentration des Eiweißes ANGPLT4 fest, das für eine vermehrte Ausschüttung von freien Fettsäuren sorgt. "Es könnte sein, dass eine geringe Bakterienvielfalt den Anstieg von ANGPLT4 im Blut verursacht", heißt es in der Studie.   

Unterschiedliche Bakterienstämme

Auch zeigte sich, dass in den getesteten Menschen zum Teil völlig unterschiedliche Mikrobenmischungen nisteten. Bakterienärmere Probanden hatten etwa vermehrt die Spezies Bacteroides im Verdauungstrakt. Diese Mikroben sind bekannt dafür, selbst schwer verdauliche Nahrung zerlegen zu können. Sie können gar Pflanzenfasern, die der Körper normalerweise als Ballaststoffe wieder ausscheidet, in energiereichen Zucker umwandeln. Wer also Bacteroides im Darm hat, für den könnte schon ein Salat zur Kalorienbombe werden. Die Mikroben verwerten Nahrung so effizient, das man selbst von energiearmen Lebensmitteln dicker wird. 

Viele der Probanden mit geringer Mikrobenvielfalt litten zudem unter einem gestörten Fettstoffwechsel und zeigten eines der ersten Anzeichen von Typ-2-Diabetes. Dafür könnten nach Ansicht der Forscher ebenfalls Bacteroides sowie Bakterien der Gattung Ruminococcus verantwortlich sein. Beide verursachen leichte Entzündungen in der Darmschleimhaut, die auf Dauer dem Fettstoffwechsel schaden und Zellen unempfindlich gegenüber Insulin machen. Wenn Zellen nicht mehr auf das Hormon reagieren, bleibt mehr Zucker im Blut. Insulinresistenz ist einer der ersten Vorboten für Diabetes. Ob wir dick und krank werden, entscheidet auch unser Darm.

Schon vor einigen Jahren fanden Forscher vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIFE) in Potsdam heraus, dass es drei Darmtypen gibt, die durch unterschiedliche Bakterienstämme gekennzeichnet sind: Bacteroides-Darmtyp 1, Prevotella-Darmtyp 2 und der am häufigsten vertretene Ruminococcus-Darmtyp 3. Auch ihre Studien belegten, dass Bacteroides- und Ruminococcus-Bakterien besonders viel Energie aus der Nahrung gewinnen können.