Mit meinen schlechten Augen befinde ich mich in bester Gesellschaft. Laut dem Berufsverband der Augenärzte sind fast zwei Drittel der Deutschen fehlsichtig, gut 40 Millionen Bundesbürger tragen Brille oder Kontaktlinsen. Das lasse sich mit gezieltem Training korrigieren, behaupten Anbieter von Sehschulungen. Regelmäßige Augenübungen könnten Sehschwächen um ein bis zwei Dioptrien verbessern, heißt es. Der Erfolg ist wissenschaftlich nicht erwiesen – Befürworter schwören aber auf die Methode. Ich will es ausprobieren.

Seit meinem 18. Lebensjahr bin ich weitsichtig. Damit sich das ändert, melde ich mich für ein zweitägiges Seminar bei dem Sehtrainer Heimo Grimm an.

Der 73-Jährige arbeitet als Ernährungsberater und Gesundheitstrainer. Im ersten Berufsleben war er Koch. Dann, so sagt er, sei er schwer erkrankt. Als die Ärzte ihm keine Besserung in Aussicht stellen konnten, habe er begonnen, sich mit alternativen Heilmethoden zu beschäftigen. Traditionelle Chinesische Medizin zählt er ebenso zu seiner Expertise wie Atemtraining, Shiatsu und Qi Gong. Grimm ist davon überzeugt, dass alternative Methoden die konventionelle Medizin sinnvoll ergänzen können. Heute sei er kerngesund. Und eine Brille trägt er auch nicht.  

Grimm hält das Seminar an einem Wochenende in Wien ab, im Weiterbildungszentrum eines Spitals. 180 Euro kosten die zwei Tage. Acht Teilnehmer sind gekommen, darunter eine Schauspielerin, die zusätzlich zur Kurzsichtigkeit mit beginnender Weitsichtigkeit kämpft. Ihr Mann, ein Softwareentwickler, wurde schon als Kind am Auge operiert. Auch bei ihm haben sich die Augen verschlechtert. Ein Kardiologe macht ebenfalls mit. Der Mediziner ist dem alternativen Ansatz gegenüber offen eingestellt.

Zunächst machen wir einen gewöhnlichen Sehtest. Grimm hat zuvor den Abstand ausgemessen und auf dem Boden eine Linie markiert. Von hier aus sollen wir auf Sehtafeln an der Wand die Zahlenreihen vorlesen – mit und ohne Brille. Mit sehr viel Mühe kann ich immerhin noch die zweitletzte Reihe entziffern. Dann dürfen wir ohne Sehhilfe so nah an die Tafeln herantreten, bis wir alles problemlos lesen können. Die Frau neben mir, extrem kurzsichtig, muss sich ganz nah an die Tafel stellen.    

Wirksamkeit nicht wissenschaftlich erwiesen

Sein Training sei natürlich ganzheitlich, erklärt der Trainer. Ausreichend Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und genügend Entspannung seien auch für die Augen wichtig. Viele Augenerkrankungen würden durch Stress verschlimmert. Grimm regt an, darüber nachzudenken, wann sich unser Sehvermögen verschlechtert hat. Könnten auch belastende Lebensumstände einen Einfluss darauf gehabt haben?  

Damit unsere Augen wieder lernen, zu entspannen, zeigt der Trainer jetzt eine Schwingübung nach William Bates. Der amerikanische Augenarzt entwickelte in den 1920er Jahren ein Sehtraining, das die Augenmuskeln stärken und Entspannung fördern soll. Bates nahm an, dass die Augenmuskulatur eine Fehlsichtigkeit beeinflusse und sich diese mit entsprechenden Übungen quasi wegtrainieren lasse. Die Wirksamkeit von Bates' Sehübungen konnten Forscher nie belegen. Trotzdem wurde seine Lehre zur Grundlage für viele Sehschulen.

Der Oberkörper wird leicht von einer zu anderen Seite gedreht, auch Kopf und Augen wandern mit. Das leichte Wiegen entspannt, zugleich wird die Durchblutung angeregt. Besser gucken kann man damit aber nicht. 

Klassische Schulmediziner wie Dieter Friedburg, Professor der Augenheilkunde und Leiter des Ressorts Ophthalmologische Optik beim Berufsverband der Augenärzte, erstaunt das nicht. "Die Vorstellung, dass Fehlsichtigkeit durch Muskeltraining zu behandeln sein könnte, ist absurd. Die Muskeln bewegen das Auge nur. Bei Fehlsichtigkeit spielen aber die Länge des Auges sowie Krümmungen der Linse und Hornhaut eine Rolle", sagt er.

Eine andere Übung nach Bates ist das sogenannte Palmieren. Erst werden die Hände gegeneinander gerieben und so erwärmt. Dann verschließt man mit dem Handteller die Augen. Wenn alles ganz schwarz ist, soll man sich für ein paar Minuten nur darauf konzentrieren.