FukushimaDie Krebsangst nach dem GAU ist verfrüht

Die Gesundheitsfolgen von Fukushima sind dramatisch. Doch Berichte über Krebs unter Kindern schüren falsche Ängste. Die Erkrankungen stammen nicht von der Strahlung. von 

16. März 2011, fünf Tage nach Beginn der Atomkatastrophe, misst ein Mann der Gesundheitsbehörde die Strahlenbelastung von Menschen in der Präfektur Fukushima.

16. März 2011, fünf Tage nach Beginn der Atomkatastrophe, misst ein Mann der Gesundheitsbehörde die Strahlenbelastung von Menschen in der Präfektur Fukushima.  |  © Ken Shimzu/AFP/Getty Images

Ein kurzer, nüchterner Bericht des japanischen Fernsehsenders NHK scheint die größte Angst nach dem GAU von Fukushima im März 2011 real werden zu lassen: "18 Minderjährigen wurde Schilddrüsenkrebs diagnostiziert, für 25 andere wird die Erkrankung befürchtet." Mehr als 210.000 Menschen, die zum Zeitpunkt des Atomunfalls 18 oder jünger waren, haben Ärzte der Medizinischen Universität von Fukushima untersucht. Dies sind die ersten Ergebnisse. Sind es auch Beweise für die verheerende Wirkung der unsichtbaren Strahlung?

Schilddrüsenkrebs ist die einzige Tumorerkrankung, die Mediziner nach Reaktorunfällen beobachten und direkt mit radioaktiver Strahlung in Verbindung setzen können. Diese Krebsart häuft sich, wenn Menschen nach einem GAU radioaktives Jod einatmen oder über die Nahrung aufnehmen. Aus diesem Grund fahnden Mediziner seit Ende 2011 in Fukushima per Ultraschall in den Schilddrüsen von 360.000 Kindern und Jugendlichen nach Veränderungen. Nun sind sie fündig geworden. Und überall heißt es: Das sind die ersten Folgen des GAUs. Mitnichten.

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Spätestens seit dem folgenschwersten Reaktorunfall der Geschichte in Tschernobyl 1986 wissen Strahlenmediziner: Es dauert mindestens etwa fünf Jahre, ehe sich durch radioaktiven Fallout ausgelöster Schilddrüsenkrebs zeigt. Auch deshalb warnen selbst die Ärzte in Fukushima davor, ihre Ergebnisse falsch zu deuten. Ob die 18 Krebsdiagnosen und 25 Verdachtsfälle überhaupt in Zusammenhang mit dem Unglück an der Atomanlage Fukushima-Daiichi stünden, sei fraglich.

Wer sucht, der findet

Woher aber sollten sie sonst stammen? Die intensive Beobachtung Hunderttausender Kinder und ihrer Schilddrüsen in einer bestimmten Region innerhalb von zwei Jahren ist weltweit ohne Beispiel. Mediziner sprechen von einem Screening-Bias. Platt gesagt bedeutet dies: Wo intensiv gesucht wird, findet man meist auch etwas. Unter normalen Umständen wären die Erkrankungen der Kinder womöglich nie aufgefallen. Ob die Veränderungen in ihren Schilddrüsen bösartig sind, lässt sich derzeit nicht sagen.

Sven Stockrahm
Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die Verdachtsfälle könnten auch harmlose Knoten in der Schilddrüse sein, die sich im hochauflösenden Ultraschall zeigen. Es gibt schlicht keine Erfahrung mit modernen Geräten, die bereits stecknadelkopfgroße Auffälligkeiten in der Schilddrüse sichtbar machen. Sind dies schon Gewebsveränderungen oder normale Gewebsformen? Bislang wurden die meisten Kinder noch kein zweites Mal untersucht. Ein Verlauf der Veränderungen ist also nicht zu sehen.

Die Ultraschallvorsorge ist auf Jahrzehnte angelegt. Sie soll die nächsten Jahre auch das leisten, was derzeit noch infrage steht: Häufen sich Schilddrüsenkrebserkrankungen unter den Kindern von Fukushima? Dies kann dauern. Nachdem in Tschernobyl vor 27 Jahren ein Reaktor in vollem Betrieb in die Luft flog, zählen Mediziner bis heute zusätzlich rund 6.000 Menschen mit Schilddrüsenkrebs. Weitere können auch noch 30 oder 40 Jahre nach dem GAU hinzukommen. 

Leserkommentare
  1. es handelt sich bei dem Unglück von Fukushima um einen Super-GAU, nicht nur um einen GAU.

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    Redaktion

    Liebe(r) CHT Sigur,

    wenn Fukushima ein Super-GAU ist, was ist dann Tschernobyl? Ein Super-super-GAU? Ich weiß, worauf sie hinauswollen. Fukushima und Tschernobyl waren beide weder größte anzunehmende Unfälle (GAU), da niemand davon ausgegangen ist, dass solche Katastrophen möglich sind. Allerdings hilft dies wenig, um die wahre Tragweite der Atomunglücke zu verdeutlichen.

    Schon die internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse ist ungeeignet, beide Unfälle voneinander zu trennen. Sowohl Tschernobyl als auch Fukushima gelten hier als Katastrophaler Unfall (Stufe 7).

    Das sind beide zweifelsfrei, doch kann man die Unfälle kaum vergleichen, was ihr Ausmaß und die Schwere der Folgen angeht.

    • Gehawi
    • 23. August 2013 22:37 Uhr

    Was ist größer als "Größter anzunehmender Unfall"?

    • tufelix
    • 22. August 2013 21:16 Uhr
    3. [...]

    [...]

    Es steht schon seit Hiroshima, seit Tchernobyl fest, dass Strahlung Krebserkrankungen hervorruft, und dass Kinder besonders betroffen sind. Es ist eine Unverschämtheit, über diese Dinge hinweg zu gehen - und man kann das nur der Unerfahrenheit des Autors ankreiden, will man nicht annehmen, dass er industrieseitig - gerade auch bezüglich der "Energiewende" - gekauft ist.

    Schilddrüsenkrebs und Leukämie sind nicht nur verstärkt in Tchernobyl aufgetreten, sondern auch mitten in Deutschland (Krümmel). Davon zeugen genügend Berichte von Ärzten. (In den USA gab es einen Arzt, der klarer Befürworter von Atomenergie war - leider habe ich den Namen gerade nicht im Kopf. Als er dann in der Tchernobyl-Gegend Untersuchungen anstellte, wandelte er sich vom "Saulus" zum "Paulus" ... so schrecklich war das, was er an Strahlenerkrankungen zu Gesicht bekam, besonders bei Kindern.)

    Die Gefahren von Atomstrahlung zu verharmlosen, zeugt von einer besonderen Oberflächlichkeit des Autors [...].

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
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    Der Kommentarabschnitt, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jk

  2. 4. [...]

    Der Kommentarabschnitt, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jk

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "[...]"
  3. die Strahlung in Fukushima ist harmlos, die Erkrankungen sind nicht auf den Supergau zurückzuführen und die Gefahr ist gebannt - nur schade, daß gleichzeitig davon berichtet wird, daß immer noch radioaktives Wasser ins Meer läuft und daß Tepco das nicht unter Kontrolle bekommt. Atomkraft ist ja so einfach zu handeln - das sagt uns die Atomindustrie schon seit Jahren; leider ist im konkreten Falle eines Gaus oder Supergaus zu sehen, wie schwierig das Ganze in Wirklichkeit ist. Das macht aber laut Atomindustrie nix, da wird alles schöngeredet und die Aktionäre der Atomkraftwerke sind ja leider nur sehr selten selber betroffen - Hauptsache, das Geld fließt; das heilt dann alle Wunden.
    Die Grippe ist übrigens auch harmlos - und wenn man sich infiziert, wird man auch nie nachweisen können, bei wem und welches mikroskopisch kleine Virus einen nun erwischt hat - im besten Fall könnte ein Eremit nachweisen, daß er nur einen einzigen Besucher hatte und dieser ihn infiziert haben muß. Ähnlich ist es bei radioaktiver Strahlung, da wird man auch nie nachweisen können, welches radioaktive Teilchen einen nun erwischt hat oder nicht - trotzdem werden die Menschen krank.

    An der Grippe sterben jedes Jahr Menschen - und im Fall einer Epidemie, wie bei der spanischen Grippe nach dem ersten Weltkrieg, können es auch schonmal Millionen Menschen sein. Gegen die Natur können wir kaum ankämpfen - aber warum man sich hausgemachte Katastrophen noch zusätzlich antun soll, ist mir ein Rätsel.

    4 Leserempfehlungen
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    der Atomkraftwerke bewohnen also einen anderen Planeten? Den, auf dem die Kraftwerke nicht stehen? "Leider nur sehr selten selber betroffen"? Wann? Wer? Wann und wer nicht?
    Nur neugierig =)

    • BinJip
    • 23. August 2013 1:05 Uhr

    Herr Stockrahm hat nie behauptet, dass Strahlung harmlos sei, das legen Sie ihm in den Mund.

    Er weist in seinem Artikel lediglich darauf hin, dass die Interpretation "die vermehrten Auffälligkeiten in Schilddrüsen (um diese handelt es sich nämlich, für Krebs fehlt hier noch jeder Beweis)" zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf das Unglück in Fukushima zurückgeführt werden können, einfach weil noch zu wenig Zeit vergangen ist, dass dessen Auswirkungen sichtbar werden können.

    Um die Frage tatsächlich zu beantworten, welche Folgen es geben wird und welches Ausmaß sie annehmen, müssen noch einige Jahre ins Land gehen.

  4. der Atomkraftwerke bewohnen also einen anderen Planeten? Den, auf dem die Kraftwerke nicht stehen? "Leider nur sehr selten selber betroffen"? Wann? Wer? Wann und wer nicht?
    Nur neugierig =)

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Jaja, sicher"
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    Eigentlich ist niemand betroffen
    Es gibt keine Beweise dass auch nur ein einziger Mensch durch Fukushima erkrankt ist. Natürlich wird es unter den Technikern dort Betroffene geben, aber es ist sehr wahrscheinlich dass nicht ein Zivilist negativ betroffen ist

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  • Schlagworte AKW | Japan | Psyche | Reaktor | Arzt | Fukushima
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