Organspendeskandal : Als Arzt zum Richter über Leben und Tod

Transplantationschirurgie ist die Königsklasse der Medizin. Aiman O. steht vor Gericht, weil er ihre Grenzen überschritten haben könnte. Was trieb den Angeklagten an?

Das Vertrauen hat es schwer. Ein heftiger Regenschauer stellt es auf die Probe. Und der Mann vom Bundesverband der Organtransplantierten flieht vor dem Guss unter das Vordach des Göttinger Gerichtsgebäudes. Mit Broschüren, Handzetteln und persönlichen Worten wirbt er dort für das Gute der Organspende.

Das Nichtsogute findet drinnen statt, im Saal B 25 des Landgerichts, wo seit Montag ein Mann auf der Anklagebank sitzt, der in der Öffentlichkeit mit dafür verantwortlich gemacht wird, dass dieses Vertrauen zuletzt stark gelitten hat und die Zahl der Organspenden dramatisch gesunken ist: Aiman O., 46, Transplantationspezialist mit Professorentitel, im Besitz der deutschen wie der israelischen Staatsbürgerschaft, verheiratet, vier Kinder. Er ist wegen versuchten Totschlags in elf sowie wegen Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen angeklagt. Mit ihm begann im Juli 2012 der Organspendeskandal, denn es hieß, er habe bei der Zuteilung der überaus begehrten Spenderorgane getrickst.

Der Mediziner soll bei der Meldung von Daten seiner Patienten an die zentrale Vergabestelle Eurotransplant absichtlich falsche Angaben gemacht haben, so dass diese, "seine" Kranken auf der Warteliste weit nach oben rückten. In fünf dieser Fälle hat sich O. der Staatsanwaltschaft zufolge über eine Richtlinie der Bundesärztekammer hinweggesetzt, nach der Alkoholiker vor Ablauf einer sechsmonatigen Abstinenzzeit nicht transplantiert werden dürfen. Drei Patienten, so die Anklage, habe er Lebern eingepflanzt, obwohl dies gar nicht nötig oder gar lebensgefährlich gewesen sei – die Operierten seien infolge der Eingriffe gestorben.

Der Angeklagte trägt graue Hose, rote Krawatte und einen blauen Blazer, als er um neun Uhr morgens in den Verhandlungssaal geführt wird. Sein erster Blick sucht das dicht gedrängt hinter einer Glaswand sitzende Publikum ab. Als er Angehörige entdeckt, lächelt O., er winkt und reckt einen Daumen in die Höhe – die Geste soll wohl Zuversicht demonstrieren. Seit dem 11. Januar sitzt O. in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf bei Göttingen in Untersuchungshaft. Die Polizei hatte zuvor bei einer Telefonüberwachung des Familienvaters offenbar von Fluchtplänen Wind bekommen. Er selbst stellt es so dar, dass er sich nach seiner Suspendierung im Ausland habe bewerben wollen.

Geboren ist Aiman O. am 4. Juni 1967 als Sohn palästinensischer Eltern in der israelischen, aber fast ausschließlich von Arabern bewohnten Kleinstadt Tayyibe. Sein Vater war dort Oberbürgermeister, seine Mutter arbeitete als Lehrerin an einer örtlichen Grundschule. O. besucht das Gymnasium in Tayyibe, macht 1985 das Abitur.

Auftakt einer Musterkarriere

Er will Arzt werden und kommt fürs Studium nach Deutschland. Von 1987 bis 1993 ist er für Medizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster eingeschrieben, wo er auch seine Examen ablegt. An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), in den Bereichen Abdominal- und Transplantationschirurgie, arbeitet er als Arzt im Praktikum. Die MHH übernimmt ihn anschließend als Assistenzarzt in der Unfallchirurgie. Sein Chef dort ist Rudolf Pichlmayr, einer der berühmtesten Transplantationsmediziner Deutschlands.

Der Job bei Pichlmayr ist der Auftakt zu einer Musterkarriere: Als Facharzt für Chirurgie wechselt O. 2001 zunächst an die Göttinger Universitätsklinik. 2003 wirbt ihn von dort das Regensburger Uniklinikum ab, wo er eine Stelle als Oberarzt in der Transplantationschirurgie antritt. Gemeinsam mit einem Kollegen schreibt er Medizingeschichte, als er die bundesweit erste so genannte Split-Leber-Transplantation durchführt. Dabei wurde die Leber eines lebendigen Spenders geteilt und die eine Hälfte einem Patienten eingesetzt.

Die Zahl der Lebertransplantationen in der Regensburger Klinik schießt steil nach oben. 2003 waren dort nur elf Lebertransplantationen vorgenommen worden. 2004 sind es schon 38, ein Jahr später 50.

Als mittlerweile leitendem Oberarzt kommen O. jetzt auch seine guten Verbindungen in die arabische Welt zu Gute. Er engagiert sich in einer Kooperation mit dem Jordan-Hospital in Amman. Patienten aus Saudi-Arabien werden in Regensburg operiert, und O. reist auch für Operationen nach Jordanien.

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

(Un)menschlich

Sie schreiben: "Von einem Arzt grundsätzlich zu verlangen, er habe bei seinem Einsatz für "seine" Patienten immer auch das Wohl anderer Patienten in gleicher Weise zu berücksichtigen, ist nicht nur weltfremd sondern auch unmenschlich."

Ein Arzt hat studiert und hohes Abstraktionsvermögen und kann, was Sie unmenschlich nennen "grundsätzlich". Ein Chirurg, der die Königsdisziplin als Organverpflanzer erreicht, kann daher nicht nur grundsätzlich sondern genau kalkuliert, was Sie "unmenschlich" nennen.

Ein solcher Arzt, der das globale System Eurotransplant genau kennt und die Resourcen nutzt, um "seinen" Patienten Lebern von Eurotransplant zu geben, die anderen zustehen, handelt daher in größtem Maße unmenschlich. Ihre Argumentation ist dann nachvollziehbar, wenn sich der Arzt auf die in seiner Klinik gespendeten Lebern beschränkt.

Loyalitätskonflikt

"Ein solcher Arzt, der das globale System Eurotransplant genau kennt und die Resourcen nutzt, um "seinen" Patienten Lebern von Eurotransplant zu geben, die anderen zustehen, handelt daher in größtem Maße unmenschlich."

Sie erkennen offensichtlich nicht, den sich für den Arzt ergebenden Loyalitätskonflikt zwischen seinen Patienten und einem abstrakten Verteilungssystem, dessen Gerechtigkeit für den Einzelfall immer bezweifelt werden kann, weil es individuelle Situationen nicht berücksichtigen kann. Darüber hinaus kann man durchaus infrage stellen, ob in allen europäischen Ländern die gleichen Standards in gleicher Weise bei der Priorisierung tatsächlich eingehalten werden. Bei der Hirntodfestellung der Spender hat der Gesetzgeber Loyalitätskonflikte vorhergesehen und verlangt unabhängige Gutachter. Ähnliches könnte man sich für die Anmeldung zur Transplantation vorstellen.

Zweifel

"Ich hatte früher einen Organspendeausweis. Aber bei der Vorstellung, dass meine Organe einem reichen Ölscheich zugute kommen könnten, der sie weniger dringend braucht als eine junge Mutter hier oder ein Arbeitsloser, aber besser bezahlen kann, habe ich ihn nicht mehr behalten wollen."

Da werden sich die junge Mutter und der Arbeitslose aber sicher freuen!

Ob Ihre Verdächtigungen zutreffen, wird hoffentlich der Prozess klären! Über die wahren Motive des Arztes mag man ja spekulieren, ich habe da auch meine Zweifel. Die Übertretung von eindeutigen Vorschriften erfordert schon ein erhebliches Selbstbewusstsein bzw. ein starkes Sicherheitsgefühl, nicht erwischt zu werden. Eigenschaften, die bei sehr erfolgreichen Chirurgen möglicherweise überproportional vertreten sind.

Organe verschachern

wer sagt mir denn, dass ich nicht "vorschnell" für Tod erklärt werde, weil für einen reichen Menschen eines meiner Organe lebenswichtig ist und er genügend Geld dafür bietet?
Seit bei uns alles ein Preisschild bekommen hat, werden eben auch Organe verkauft. Und wenn es in unserem Land schon Menschen gibt, die Hartz IV-Empfängern empfehlen eben eine Niere zu verkaufen, um damit Geld zu "verdienen", dann sind Zweifel an den Organspendepraktiken durchaus angezeigt.
Mit den Krankheiten von Menschen dürfen keinerlei Geschäfte gemacht werden!