Björn Hofmann* hatte gerade sein Mathematikstudium begonnen, als seine Gedanken außer Kontrolle gerieten. War er es noch, der sein Leben lenkte oder jemand anderes? Hofmann wurde zum Hauptdarsteller seiner persönlichen Truman Show, einer Realityshow, die es gar nicht gab. "Es kam so weit, dass ich nicht einmal mehr sagen konnte, ob ich selbst real bin oder nicht."

Die Psyche lässt sich nur schwer verbildlichen. Am ehesten kann man sie sich wie ein Meer aus Gedanken vorstellen. Wie ein Fischer, der sein Netz auswirft, schöpfen wir jene Gedanken ab, die uns wichtig sind. So sortieren wir Wichtiges heraus und werfen Unwichtiges zurück in den Strom.    

Wenn die Maschen des Netzes zu groß werden, fällt alles einfach durch. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Der Filter im Kopf versagt, alles dringt einfach ein, es herrscht Chaos. Unzusammenhängendes gerät zusammen. Orientierung geht verloren. Eine Psychose entsteht. In Deutschland leiden nahezu eine Million Menschen unter diesem Durcheinander der Geisteswelt, schätzen Fachleute: einer Schizophrenie.

Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen. Meist sind die Betroffenen zwischen 15 und 30 Jahren alt, wenn sie zum ersten Mal bemerken, dass ihre Wahrnehmung gestört ist. Die Ursachen  für die Schizophrenie sind nicht eindeutig geklärt. Eine erbliche Veranlagung – wobei bei Weitem nicht jeder, der vorbelastet ist erkrankt – , traumatische Situationen im Leben oder ein schwieriges familiäres Umfeld spielen offenbar eine Rolle. Messbar sind bei Schizophrenie-Patienten veränderte Botenstoffe und Strukturen im Gehirn – ob sie eine Folge oder eine der Ursachen der Erkrankung sind, wird diskutiert.

Björn Hofmann ist heute 26 Jahre alt, er promoviert in Mathematik. Die Ziele können für ihn kaum zu hoch gesteckt sein, seine Ansprüche erreicht er immer, zumindest wenn es um die in seinem realen Leben geht. Daneben gibt es für ihn aber auch noch die andere Welt seiner Gedanken. An manchen Tagen kann er sie nicht von der Realität unterscheiden. Auch ein seinen Erinnerungen mischt sich, was in seinem Kopf passiert, mit dem, was sich draußen abspielt.

Eine verzerrte Wahrnehmung, die Angst macht

Dazu kommen Wahnvorstellungen, die die Wirklichkeit zusätzlich verzerren: Hofmann dachte, dass andere Menschen sich über ihn lustig machten, bezog alles auf sich selbst, fühlte sich durch Gesten und Worte Fremder angegriffen. "Wenn mich jemand angelächelt hat, hat sich das in meinem Kopf zu einem höhnischen Lachen verzogen", sagt er. 

Beziehungswahn nennen Experten diesen krankhaften Ich-Bezug. Im Kleinen kennt jeder solche Gedanken, vor allem in Situationen der Unsicherheit. Zum Beispiel mit der neuen Frisur, dem ersten Mal auf hochhackigen Schuhen, dem schlecht sitzenden Anzug beim Bewerbungsgespräch, dem auffälligen Muttermal am Hals, dem geröteten Gesicht in stressigen Situationen. Es drängt sich das oft unbegründete Gefühl auf, jeder der diesen Makel sähe, würde darüber reden oder lachen. 

Für Schizophrene geht diese Unsicherheit viel weiter und löst sich sogar davon: Unbedeutende Zufälligkeiten wie das Krähen eines Raben, die rote Farbe des vorbeifahrenden Autos oder der verspätete Sommeranfang richten sich vermeintlich gegen die eigene Person.

Viele Betroffene hören zusätzlich Stimmen, fühlen sich gezwungen, sich von diesen unsichtbaren Begleitern lenken zu lassen und handeln deshalb für Außenstehende "verrückt". Optische Halluzinationen können hinzukommen und Schizophreniekranke in Todesangst versetzen, weil sie nicht erkennen können, wie real eine Gefahr ist, die sie wahrnehmen.