Oliver Meckel ist seit fast 20 Jahren Arzt, aber einen Patienten hatte er nie. Der 45-Jährige Mediziner konnte nie anfangen zu arbeiten – weder in einer großen Klinik, noch einer kleinen Praxis. Denn dort hätte er jeden Tag freien Zugriff auf Medikamente gehabt, die ihn hätten töten können. Meckel war schwer medikamentenabhängig. Polytoxikomanen nennen Fachleute Menschen, die gleich von mehreren Arzneimitteln nicht mehr loskommen. 13 Jahre lang nahm Meckel täglich irgendetwas – darunter die ganze Bandbreite an Aufputsch- und Beruhigungsmitteln.

In seiner Familie ist er nicht der einzige mit einer Sucht. Es beginnt mit der Großmutter. "Sie war schon abhängig von Beruhigungsmitteln" sagt Meckel. "Auch meine Mutter ist alkoholabhängig, seit ich denken kann." Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland sind süchtig. Die meisten greifen zu Alkohol, fast die Hälfte zu Medikamenten. Wer das tut, schluckt meist Beruhigungsmittel. Neben der Depression ist die Sucht eine der häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland.

"Die Sucht ist immer ein Versuch, Defizite im Leben auszugleichen", sagt Heino Hübner. Der Psychologe leitet die psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme in Aschaffenburg. "Wer bewusstseinsverändernde Mittel einnimmt, möchte meist das eigene Leben manipulieren, sich selbst steuerbar machen."

Suchterfahrungen in der eigenen Familie sind ein großer Risikofaktor, selbst abhängig zu werden. Es klingt zwar paradox, dass die Kinder, die selbst schlechte Erfahrungen in der Familie gemacht haben, den gleichen Fehler machen. "Doch die Vertrautheit mit dieser Problembewältigungsstrategie wirkt oft lange nach", sagt Hübner.

Süchtig aus Veranlagung?

Hinzu kommt, dass auch bestimmte genetische Anlagen Menschen anfälliger für eine Abhängigkeit machen. Suchtforscher schätzen die Vererbbarkeit von Drogen-, Alkohol- und Nikotinsucht auf 50 bis 60 Prozent. Bestimmte Gene steuern mit, wie und wie stark der eigene Körper auf Substanzen reagiert. Bei manchen Menschen löst Alkohol zum Beispiel nur schwache Nebenwirkungen aus, weil sie eine bestimmte Variante des Gens ALDH-2 geerbt haben. ALDH-2-Gene bestimmen den Bauplan des Eiweißes Alkoholdehydrogenase, das für den Abbau von Alkohol im Körper zuständig ist. Einige Genvarianten liefern zudem Eiweiße, die die giftigen Stoffwechselprodukte des Alkohols schneller verarbeiten. Wer diese in sich trägt, "verträgt" zwar mehr Alkohol, wird aber auch eher süchtig danach. In Asien gibt es auch deshalb so wenige Alkoholiker, weil viele Asiaten keine ALDH-2 Gene haben. Sie haben schon nach geringen Alkoholmengen mit heftigen Nebenwirkungen zu kämpfen, weil ihr Körper das Gift nicht abbauen kann.

Auch für die Abhängigkeit von anderen Substanzen gibt es biologische Erklärungen. Studien deuten daraufhin, dass bestimmte Besonderheiten im Gehirn das Risiko für eine Kokainsucht erhöhen. Kokain führt zu einer Freisetzung des Botenstoffes Dopamin, der dafür bekannt ist, das Wohlbefinden zu steigern. Forscher der Universität Cambridge konnten zeigen, dass Ratten, deren Gehirn mit besonders wenigen Dopamin-Rezeptoren ausgestattet ist, anfälliger für eine Kokainsucht sind als ihre Artgenossen. Bei ihnen ist die Wirkung des ausgeschütteten Dopamins schwächer. Deshalb haben sie eher ein Verlangen nach der nächsten Dosis, vermuten die Forscher.

Für Meckel waren es nicht nur die Gene, die ihn zu Tabletten und Medikamenten greifen ließ. "Mein zu Hause war nie der Ort, an dem ich mich wohl gefühlt habe. Auch sexueller Missbrauch und Gewalt gehörten zum Alltag", sagt er. "Ich hatte das Gefühl, nicht zu genügen, etwas Schlechteres zu sein als andere Menschen." Auch Freunde fehlten in seinem Leben.

Das Gefühl der Beruhigung soll fehlende Wärme ersetzen

"Wenn Kinder Sucht und Gewalt in der eigenen Familie erleben, sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft. Immer darauf gefasst, dass es zu einer Eskalation kommen könnte", sagt der Psychologe Hübner. Wenn sie Alkohol trinken oder andere Drogen nehmen, erleben sie das erste Mal eine innere Ruhe, ein Gefühl, das sie vorher nicht kannten. Die Verlockung, mehr davon zu erleben, ist groß.

Meckel war 13, als er mit einem starken Husten zum Arzt ging. Von den Codeintropfen, die er verschrieben bekam, nahm er bald mehr als verordnet. "Ich war danach ganz euphorisch", sagt Meckel. Codein zählt zu Gruppe der Opiate. So begann Meckels Suchtlaufbahn. Er las das Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, das von den Erfahrungen drogenabhängiger Jugendlicher in Berlin erzählt.  "Es faszinierte mich mehr, als dass es mich abgeschreckt hätte. Mir war sofort klar: Das möchte ich auch ausprobieren." Meckel experimentierte mit mehr als 20 verschiedene Betäubungsmitteln.