LabortestsViele Krebspatienten macht erst die Diagnose krank

Hochsensible Testverfahren machen heute schon früheste Stadien möglicher Krebserkrankungen sichtbar. Ist es immer gut, davon zu wissen? Onkologen sind sich nicht einig. von 

Die Chronische Lymphatische Leukämie, kurz CLL, ist die häufigste Form von Blutkrebs in Mitteleuropa. Jedes Jahr erkranken in Deutschland ungefähr 3.500 Menschen neu. Das Leiden, das vor allem Menschen über 70 Jahren befällt, kann mit verschiedenen Medikamenten aus den Familien der Chemo- oder der Antikörper-Therapien in Schach gehalten werden. Heilen kann es nur eine Transplantation von Stammzellen, die von einem Spender kommen. Eine bösartige Erkrankung, die Angst macht.

Am Anfang steht eine veränderte Zusammensetzung des Bluts: Eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen wird übermächtig. Dass diese monoklonalen B-Lymphozyten sich vermehrt haben, wird oft zufällig herausgefunden, bei einem Menschen, der sich eigentlich gesund und fit fühlt. Aber ist er oder sie das auch? Immerhin geht so gut wie jeder CLL diese Auffälligkeit voraus. Von Medizinern wird sie "Monoklonale B-Lymphozytose" (MBL) genannt.

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Sozusagen aus heiterem Himmel könnte bei der Blutuntersuchung auch eine "Monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz" (MGUS) gefunden werden – in einigen Fällen eine Vorstufe von Knochenmarkkrebs oder einem Lymphom. Wie bei der MBL liegt das Risiko, dass wirklich Krebs daraus entsteht, allerdings bei unter einem Prozent pro Jahr.

"Für sich genommen sind beide Blutwerte keine Krankheit, sondern eine Labordiagnose", betont der Charité-Krebsmediziner Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). "Dass sie heute so häufig gestellt wird, ist Folge der komplexen Diagnostik, die heute möglich ist." Das Wissen gibt einerseits mehr Sicherheit, trägt aber auch erheblich zur Verunsicherung der Menschen bei, bei denen Ärzte eine solche Auffälligkeit gefunden haben.

Viele Auffälligkeiten im Blut sind noch kein Krebs

Für Krebsmediziner, die sich an den Ergebnissen großer wissenschaftlicher Studien orientieren, ist klar: In vielen Fällen ist Abwarten und aufmerksam Beobachten, was daraus wird, die beste Strategie. Die MBL, für die eine Leitlinie der DGHO das Vorgehen beschreibt, ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Auf der Homepage der Fachgesellschaft wird das zudem für Patienten "übersetzt" und erläutert.

Laborauffälligkeiten wie eine MBL sind nicht Krebs. In anderen Fällen, etwa bei einem Tumor in der Brust, der die Grenzen der Milchgänge nicht überschreitet (Duktales Karzinom in situ), streiten die Gelehrten derzeit darüber, ob man schon von Krebs sprechen sollte. Solche Vorstufen müsse man anders benennen, forderten kürzlich die Onkologin Laura Esserman und ihre Mitstreiter aus einer Arbeitsgruppe des Nationalen Krebsinstituts der USA in der Fachzeitschrift Jama (der Tagesspiegel berichtete).

Wörmann sieht das etwas anders: "Mein Verständnis ist eher, dass wir keine neue Beschriftung von Schubladen brauchen. Stattdessen sollten wir die Ordnung in den Schubladen besser vermitteln." Wichtig sei dabei vor allem das Gespräch mit dem Patienten. "Wir sollten mit ihm über seine Situation sprechen und ihn zu einer individuelleren Betrachtungsweise führen", sagt er.

Dass jeder Fall grundsätzlich anders liegt, wie es die Rede von der "personalisierten" Therapie nahelegt, ist damit nicht gemeint: Sogenannte Risiko-Scores – wie beim Prostata-Karzinom der relativ einfache Gleason-Score, dem Merkmale des Tumorgewebes zugrunde liegen – führen durchaus zu einer Einschätzung des Krankheitsgeschehens, die für größere Gruppen gilt. Sie dienen damit als ordnende Hand innerhalb der Schublade.

Leserkommentare
  1. Neudiagnostizierten eine gewichtige Rolle spielen kann, ist das Thema Früherkennung ein sensibler Bereich.

    Übrigens ein Grund darüber nachzudenken der Suche nach den URSPRÜNGEN des Symptoms Krebs die neurologischen und psychologischen Disziplinen mehr zu gewichten

  2. In der Psychologie reden wir von Labelling. In deren Folge passen sich Patienten unbewusst an die ermittelte Diagnose(n) (übersetzt: "Etikettierung"), auch wenn diese unter Umständen falsch sein kann/können. Durch die dann eingenommene Attitüde im sozialen Kontext (I am fragile, I need some help, I will die soon) hervorgerufen durch eben diese (manchmal auch unrichtige Diagnose) erhält der Erkrankte ein entsprechendes Feedback, was ihn darin bestätigt diese Rolle weiter einzunehmen (positive Verstärkung). Meine Freunde, es heißt nicht umsonst, dass Glaube Berge versetzen kann! Für Interessierte empfehle ich die Lektüre des Stanford-Prison-Experiments.

    via ZEIT ONLINE plus App

    • AntonSe
    • 12. September 2013 14:18 Uhr

    Ich kann aus eigenem Erleben berichten, dass eine Augenärztin bei mir bei einer Untersuchung auf der Netzhaut rund um den Sehnerv etwas gefunden hatte, das er nicht identifizieren konnte. Sie meinte, es könnte Krebs sein. Leider konnte ich einen Termin bei einem Professor zur Abklärung erst einige Monate später bekommen, so dass ich mit dieser Befürchtung einige Monate leben musste. Der Professor identifizierte die Verfärbung als eine harmlose Anomalie.
    Die Ärztin hat mir dadurch einige Monate meines Lebens kaputt gemacht, als Ärztlin hat sie auch die Verantwortung etwas nicht zu sagen, wenn sie weiss, dass die Konsequenzen schrecklich sein könnten. Sie hätte einfach sagen sollen, sie wisse nicht, was es ist, das wäre Motivation für mich mich genug gewesen der Sache weiter nachzugehen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Dem Patienten erst was einzureden und ihn dann gleich zu heilen."

    Zitat aus einer Talkshow gestern Abend.

  4. Diagnose heißt Durchblick. Als Ich-kann-Schule-Lehrer akzeptiere ich Diagnosen nur, wenn man damit Durchblick beweist, indem man mir berichtet, wie man das Problem schon mal gelöst hat. Wer keine Lösung kennt, spare sich die Diagnose, denn sonst ist sie nichts als eine SUGGESTION.
    Suggestion wirkt immer sofort.
    E.COUÉ hat das jährlich zehntausenden Hilfesuchenden aus aller Welt so erfolgreich demonstriert, dass damit die AUTOSUGGESTION zur weltberühmten Selbsthilfe-Methode wurde.
    In meinen Vorträgen zeige ich an einfachen Experimenten, dass und wie DENKEN immer sofort wirkt. So zeigte ich schon vielen ihre Beinlängendifferenz von z.B. 3 cm und ließ sie diese einfach weg- und wieder her und wieder wegsuggerieren.
    DENKEN wirkt immer sofort.
    Wenn wir das einmal konkret erlebt haben, fangen wir an, achtsdamer zu werden.
    Selbstverständlich kommt auch in der Therapie von vom Krebs betroffenen Menschen der AUTOSUGGESTION in der hohen Qualität von COUÉ eine wichtige, oft entscheidende Rolle zu. Wenn die Wissenschaften diesem Bereich nicht mehr mit ihren Forschungen ausweichen würden, wäre dies längst allgemein bekannt.
    Es geht gar nicht um "Etwas einreden", es geht darum, DENKEN und auf seine Wirkung achten zu lernen. Wir denken und reden zu uns meist wie zu FEINDEN, und tun alles in dieser Einstellung, ohne die Folgen zu beachten.
    Hier haben wir alle viel und Entscheidendes zu lernen.
    Guten Erfolg!
    Franz Josef Neffe

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