Anfangs frühstückte sie noch jeden Morgen eine große Schale Müsli mit Banane. Die Portionen wurden kleiner. Nach einiger Zeit gab es statt der Banane einen Apfel, denn der hatte weniger Kalorien. Bald war nicht mehr jeder Apfel gut genug. Nur noch die sauren. Die haben weniger Zucker. Irgendwann bestand das Frühstück nur noch aus einem Apfel. Bis dieser Apfel zu dem Einzigen wurde, was Franka Berger* an einem ganzen Tag zu sich nehmen sollte.

"Mit 18 hätte ich noch gesagt, dass mir so etwas nie passieren kann, Gewicht war für mich nie ein Thema, ich war immer diejenige, die fünf Nutellabrote zum Frühstück essen konnte", sagt sie heute. "Und Joggen habe ich gehasst." Damals wog sie 67 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,80 Metern. Mit ihrem Aussehen war sie sehr zufrieden und bekam von allen Seiten zu hören: "Du kannst ja sowieso essen, was du möchtest."

Nur eineinhalb Jahre später, aber um 20 Kilogramm herunter gehungert, muss sie sich eingestehen, dass sie an einer schweren Essstörung leidet. Am Ende kam Franka Berger nur noch auf einen Body Mass Index (BMI) von unter 17,5. Das, in Kombination mit dem starken Gewichtsverlust in so kurzer Zeit, führte zu einer eindeutigen Diagnose: Magersucht.

"Mich hat es total schockiert, dass ich da reingerutscht bin, obwohl ich so zufrieden war", sagt sie heute. Um eine Magersucht zu entwickeln, braucht es als Auslöser weder schlechte Familienverhältnisse noch nach außen sichtbare Probleme. Gerade zielstrebige, ehrgeizige und erfolgreiche Mädchen oder junge Frauen gehören zur Magersucht-Risikogruppe. Mehr als ein Prozent aller 14- bis 25-jährigen Frauen erkranken daran, besagen Studien.

Bei Männern äußern sich Essstörungen anders

Männer können ebenfalls betroffen sein. Unter ihnen kommen Essstörungen aber zehnmal seltener vor. Diejenigen, die es trifft, treiben häufig auch übermäßig Sport, bauen viel Muskelmasse auf. Warum das so ist, daran forschen Wissenschaftler weltweit.

Offenbar spielen das Umfeld, gesellschaftliche Faktoren und die Gene eine Rolle. Ist ein Zwilling magersüchtig, beträgt das Risiko des anderen, ebenfalls zu erkranken, immerhin 50 Prozent. Kinder von Betroffenen erwischt es zehnmal so oft, wie solche, bei denen kein Elternteil je eine Essstörung hatte.

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Viele junge Frauen, die in die Magersucht hineinschlittern, haben schon als Mädchen gelernt, Probleme im Leben einfach wegzuschuften. Angepasst, diszipliniert, fleißig und unkompliziert beeindrucken diese jungen Frauen Außenstehende. Meist sind sie beliebt, bekommen viel Lob, sind in der Schule, im Studium oder im Job erfolgreich. Doch mit der Zeit kann so ein Perfektionismus ein regelrechtes Eigenleben entwickeln. Plötzlich wird alles im Alltag kontrolliert, gesteuert, geplant. Auch das, was die Betroffenen essen, wie viel Kalorien sie verbrennen, wie viel Sport sie treiben.

Kontrolle als Kick

Wer sich ständig anpasst, sich keine Fehler erlaubt und so auch der echten Konfliktbewältigung ausweicht, gerät auf Dauer unter gewaltigen Druck. Und je größer der wird, desto stärker reagieren Magersüchtige damit, ihre bewährte Strategie auszuleben: Noch disziplinierter sein, noch fleißiger, noch kontrollierter – das erscheint ihnen als die schlauste Lösung. Innere Unsicherheit kompensieren sie durch Ehrgeiz und Leistungsorientierung. So lange, bis der Körper nicht mehr mitmacht.

Bedürfnisse wie Hunger unterdrücken zu können, verschafft Magersüchtigen sogar einen Adrenalinkick, vergleichbar mit dem Gefühl, das Botenstoffe im Gehirn nach tollen Erfolgserlebnissen im Job oder im Sport auslösen.

Körpergewicht und Selbstwertgefühl verknüpfen sich im Kopf essgestörter Menschen mit der Zeit immer stärker. Über das Ventil der Selbstkontrolle und der Herrschaft über das eigene Gewicht, versuchen sie, auch ihr Umfeld zu kontrollieren. Unvorhergesehenes und Unbeherrschbares, wie etwa ein Jobwechsel, die Trennung der Eltern, ein Umzug oder Stress im Job, verstärkt die Symptome der Magersucht.