Plötzlich sind da nur noch hämmernde, furchtbar laute Schläge, die mit ihrer vollen Wucht das Blut in den Kopf schießen lassen. Herzrasen, Hitze, Schwitzen, Eiseskälte, Zittern, keine Luft mehr, alles dreht sich, alles tut weh, im Kopf, in der Lunge, es wird schwarz vor den Augen. Es ist aus.

Es ist die nackte Angst und sie ergreift wie ein Wahn alle Sinne. Ein Wahnsinn. Trügerisch, aber folgenschwer. Menschen, die an Panikattacken und Angststörungen leiden, erleben das volle Spektrum körperlicher Angstsymptome, die wir eigentlich aus Zeiten mitschleppen, in denen der Mensch öfter als heute in Lebensgefahr fliehen oder kämpfen musste. 

Der Moment vorm Ertrinken, wenn das verlorene Schiff am Horizont verschwindet, der Blick in die Scheinwerfer des ungebremsten LKW, der aus der Gegenrichtung auf uns zu rast – so, wie Menschen sich in solch realen Augenblicken der Todesangst fühlen, so geht es den Angstpatienten. Nur ist da kein Meer, keine Autobahn. Sondern nur ein Wohnzimmer. Und ein Mensch auf dem Sofa – in Panik.

Genau so, auf dem Sofa, erwischte es Edith Stein*. Gerade 20 Jahre war sie alt, als ein Angstanfall aus dem Nichts alles veränderte. "Plötzlich bekam ich keine Luft mehr, mir wurde übel und schwindelig, mein Herz tat weh, es hämmerte unglaublich – ich war sicher, jetzt sterben zu müssen, dachte an Schlaganfall, Herzstillstand, irgendetwas, das mich in der nächsten Sekunde ums Leben bringt." So beschreibt sie ihren Anfall. Hilfe war nicht in Sicht. Sie war allein zu Hause. "Wenn ich mir den Tod vorstellen könnte, dann wäre er genau so, wie ich es während der Attacken erlebt habe," sagt sie.  

Dieser Anfall ist 26 Jahre her. Heute weiß Edith Stein, dass sie krank ist: Eine Panikstörung hat sie, mit Platzangst. An so etwas leiden fast eine Million Menschen in Deutschland, sieben Millionen weitere an anderen Formen von Angststörungen. Mindestens jeder achte Deutsche ist einmal im Leben betroffen.

Angst vor der Angst

Anders als bei Phobikern, deren Furcht sich auf ganz bestimmte Orte, Dinge und Situationen richtet, ist Edith Steins Angst unspezifisch. Ohne Vorwarnung baut sich eine Kaskade an Symptomen auf: Herzklopfen, Atemnot, Schwindel. Diese unkontrollierbaren Körperreaktionen machen ihrerseits noch mehr Angst. Ein Teufelskreis. "Die Betroffenen hören dann umso mehr in sich hinein und wenn sie ihr Herz intensiv spüren, glauben sie an einer Herzkrankheit zu leiden", erklärt Sophie Bischoff, Diplompsychologin an der Spezialambulanz für Angststörungen der Charité Berlin.

Das Paradoxe: Körperlich sind die meisten kerngesund. Nicht selten bekommen Angstgeplagte vom Hausarzt gesagt, sie hätten nichts, wenn der keine organischen Ursachen finden kann. Schnell stehen sie unter Hypochonder-Verdacht. Doch in Wahrheit ist es die Angst selbst, die sich auf den Körper überträgt. Was der zurückmeldet, ist real, keine Einbildung. Das Gehirn registriert eine Alarmsituation, schüttet Adrenalin und andere Stress-Hormone aus, das Herz pocht stärker. Während eines Anfalls atmen die Betroffenen schneller, sie hyperventilieren. Der Gasstoffwechsel gerät derart durcheinander, dass Hände und Lippen taub werden.

Ärzte müssen deshalb andere Erkrankungen sicher ausschließen. Auch bei Edith Stein lief es so ab: "Damals habe ich direkt den Notarzt gerufen – und weil der so lange brauchte, bin ich direkt in die nächste Klinikambulanz gelaufen. Immer mit dem Gedanken im Kopf, in Todesgefahr zu sein." Dort wurde sie durchgecheckt. Sie sei vollkommen gesund, hieß es.

Warum ein Mensch wie Edith Stein solche Attacken bekommt, während andere verschont bleiben, ist schwer zu sagen. Die Ursachen sind vielfältig, auslösende Faktoren greifen ineinander. Aufwühlende Lebensereignisse und eine genetische Vorbelastung spielen nach heutigem Wissen eine Rolle. Was überrascht: Gerade Menschen aus einem besonders beschützenden Elternhaus sind überdurchschnittlich oft betroffen. "Lernen Menschen schon in der Kindheit, dass sie sich immer eine dickere Jacke anziehen müssen als die anderen Kinder, prägt sich ein, sie seien empfindlicher," erklärt die Psychologin Sophie Bischoff. Daraus kann eine gesteigerte Sorge erwachsen, die sich durchs ganze Leben zieht. Im Extremfall mündet das in eine Angsterkrankung.