Eine neue Protestaktion geht durchs Netz. Unter dem Hashtag "isjairre" teilen Menschen seit Mittwoch auf Twitter schlechte Erfahrungen im Umgang mit seelischen Leiden. Ziel ist eine Debatte über mangelnde Akzeptanz und die Diskriminierung von Menschen, die psychisch erkrankt sind, an Traumata leiden oder Autisten sind. Einigen Tweets gelingt das, andere jedoch zeigen, wie schwierig es ist, eine ausgeruhte Diskussion über seelische Leiden in der Gesellschaft zu führen.          

#isjairre ist dabei eine spannende und wichtige Aktion. Zwar thematisieren Medien und Betroffene seelische Leiden heute viel breiter als noch vor wenigen Jahren. Doch noch immer wissen viele nicht, was es bedeutet, psychisch krank zu sein. Das macht nicht nur Patienten zu schaffen, sondern auch ihren Angehörigen. Sie müssen sich oft gegen Stigmatisierung wehren.

Dabei sind seelische Erkrankungen keine Randerscheinung. Jede achte Krankschreibung beruhe auf psychischen Störungen, meldet die Krankenkasse DAK – ein Anstieg um 74 Prozent seit 2006. Mehr als vier von zehn Menschen, die in Frührente gehen, geben psychischen Leiden als Gründe an. Das belegen Berichte der Deutschen Rentenversicherung. Auch die Behandlungskosten für psychische Krankheiten und Verhaltensstörungen steigen stetig. Mehr als 28 Milliarden Euro pro Jahr machen sie in Deutschland aus. Das sind gut zehn Prozent der jährlichen Gesundheitskosten.

"Es darf nicht sein, dass Menschen aufgrund ihrer Störung stigmatisiert, als aufmerksamkeitshungrig oder egoistisch bezeichnet und nicht ernst genommen werden", sagt Hengameh Yaghoobifarah. Die Studentin und freie Autorin hat als @Sassyheng auf Twitter #isjairre in die Welt gesetzt hat. Sie selbst ist betroffen und beschäftigt sich seit längerer Zeit mit dem Thema. Es sei nicht hinzunehmen, sagt sie, dass selbst Angehörige die Probleme von Erkrankten relativieren oder mit Unverständnis reagieren. "Der tägliche Kampf, aber auch der tägliche Gegenwind durch andere Menschen raubt unglaublich viel Kraft. Es tut dabei sehr gut, sich auszutauschen und zu sehen, dass andere Menschen auch diese Realität zu spüren bekommen", sagt sie. #isjairre soll eine Plattform dafür sein.

Erschütterndes Bild der Inakzeptanz

Yaghoobifarah möchte mehr Sensibilität für das Thema schaffen, etwa beim Sprachgebrauch. "Vielen ist gar nicht bewusst, dass ihre Sprache abwertend ist, wenn sie sagen "Das ist ja voll irre!" oder "Das ist ja total krank!". Ihre Aktion kommt an. Innerhalb der ersten acht Stunden kamen mehr als 3.000 Tweets zusammen. Viele Nutzer haben gleich mehrere Beiträge, die sie loswerden wollen. Sie handeln von Inakzeptanz und Diskriminierung. Von Sprüchen, die sich Betroffene anhören müssen.  

Andere Beiträge berichten gar von unangenehmen Szenen beim Medikamentenkauf oder handeln von den Problemen in der Versorgung psychisch Kranker. Tatsächlich ist es für ernsthaft Kranke oft schwer, richtige Hilfe zu finden. Therapieplätze sind knapp. Auch darauf aufmerksam zu machen, darum geht es bei #isjairre.

Andererseits haben bereits nach kurzer Zeit manche auf Twitter den Hashtag missbraucht. Nutzer machten sich über psychische Störungen lustig. Einige scheinen mit der rohen Offenheit überfordert, können den Frust über das Unverständnis gegenüber psychischen Leiden nicht einordnen. Das führt dazu, dass manch einer der Diskussion nicht so recht folgen kann – oder mag. Ob er die Tweets verstehen müsse oder gar lustig finden solle , fragt etwa @willimeck.