Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ist besorgt: Seit Monaten sinkt die Bereitschaft der Deutschen, ihre Organe zu spenden. Im Jahr 2013 spendeten bisher 754 Menschen Organe, die nach ihrem Tod entnommen werden. Das sind 15,5 Prozent weniger als im Vorjahr und so wenig wie seit Jahren nicht mehr. Auch die Anzahl der gespendeten Organe insgesamt sei rückläufig: 2012 waren es 3.001, in diesem Jahr nur 2.647, meldet die Organisation.

Bereits im Februar beklagten Herzchirurgen in Deutschland einen Mangel an Spenderorganen. Im vergangenen Jahr seien in Deutschland nur 327 Herzen transplantiert worden – der geringste Wert seit Beginn der Zählungen 1994.  

Skandal als Auslöser

Bei der DSO geht man davon aus, dass der massive Einbruch der Spenderzahlen vor allem mit dem Transplantationsskandal zu tun hat: Vergangenes Jahr war bekannt geworden, dass Ärzte an verschiedenen Kliniken Patientenakten verändert haben sollen mit dem Ziel, für ihre Patienten schneller ein Spenderorgan zu erhalten. Eine Prüf- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer (BÄK) kontrollierte daraufhin monatelang alle 24 Lebertransplantationsprogramme in Deutschland und suchte nach Auffälligkeiten in den Jahren 2010 und 2011. 

Das Ergebnis: In insgesamt vier deutschen Transplantationszentren in Göttingen, Leipzig, München und Münster, wurden "schwerwiegende Richtlinienverstöße" bei der Organvergabe festgestellt. Auch in Regensburg soll es Fehler gegeben haben, diese wurden jedoch nicht im Bericht der BÄK erwähnt, weil die Fälle vor dem Prüfzeitraum passiert waren. "Dieser Skandal habe das gesamte System der Organspende und Transplantation beschädigt und zu einem erheblichen Vertrauensverlust geführt", heißt es nun bei der DSO.

Schon 1997 wurde Organspendemangel beklagt

Dabei schwanken die Zahlen der Organspender von Jahr zu Jahr, bereits seit 2010 sind sie rückläufig: Die Rate sogenannter postmortaler Organspender hatte 2012 mit 12,8 Spendern pro Million Einwohner etwa den Stand von 1997 erreicht. Damals trat das erste deutsche Transplantationsgesetz in Kraft. Und schon vor 16 Jahren beklagten Transplantationszentren einen noch nie dagewesenen Mangel an Spendern. Mit dem neuen Transplantationsgesetz sollte Sicherheit in medizinethischen Kernfragen geschaffen und das Vertrauen in die Transplantationsmedizin verbessert werden. Doch nur langsam stieg die Zahl der Organspender. Deutschland liegt bis heute mit maximal 16 Spendern pro Million Einwohnern im Vergleich zu anderen europäischen Ländern immer im unteren Mittelfeld.  

Statistisch gesehen stirbt alle acht Stunden in Deutschland ein Mensch, weil er nicht rechtzeitig ein Organ bekommt. Etwa 12.000 Kranke in Deutschland warten derzeit auf ein geeignetes Organ. Sie müssen nun wegen der sinkenden Bereitschaft Organe zu spenden mit längeren Wartezeiten rechnen.  

Neues Gesetz soll Organspenden fördern 

Dabei sollte die Gesetzesänderung im vergangenen Jahr genau diesem Problem entgegenwirken: Die Entscheidungslösung, bei der die Bevölkerung regelmäßig schriftlich über Organtransplantation informiert und gebeten wird, sich zur Frage der Organspende zu erklären, sollte die Bereitschaft zur Organspende fördern. Daneben setzt man seit Jahren auf verstärkte Aufklärung und Information: Für eine Organspendekampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) beispielsweise warben vergangenes Jahr etwa Prominente wie der Fernsehmoderator Markus Lanz oder Tatort-Kommissar Klaus J. Behrendt.  

Auch in der Ärzteschaft geben die rückläufigen Zahlen bei Organspendern und die Auswirkungen des Transplantationsskandals Anlass für Diskussionen: Der Titel der ersten Tagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) seit Bekanntwerden des Skandals lautete: Qualität und Transparenz. "Der Transplantationsskandal hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie dramatisch die Organspendebereitschaft durch Missstände und Fehlverhalten an einzelnen Zentren beeinflusst werden kann", schreiben die Tagungsvorsitzenden in einer Aussendung. Allerdings waren die Manipulationen bei Lebertransplantationen auf der Tagung selbst dann nur ein Randthema, obwohl jüngere Transplantationsmediziner sich offen für eine kritische Auseinandersetzung mit den Verfehlungen der letzten Jahre gezeigt hatten. Immerhin stimmten fast alle DTG-Mitglieder für einen neuen Ethikkodex. Dessen Kernpunkte sind die Notwendigkeit, sich strikt an die Regeln zu halten, aber auch Transparenz und die sachgerechte Information der Öffentlichkeit.    

Immer mehr Deutsche besitzen Spenderausweis

Die tatsächlichen Organspenden sinken, obwohl Umfragen über die Spendebereitschaft etwas anderes nahe legen. Demnach befürworten immer mehr Deutsche die Abgabe eines Organs. Laut DSO besaß im ersten Halbjahr 2013 außerdem jeder siebte Deutsche, der als hirntot galt und als Organspender infrage kam, einen Spenderausweis. Damit liege die Quote bei 14,2 Prozent gegenüber 7,3 Prozent 2010.  

Bei der DSO gibt man sich trotz der aktuellen Zahlen zuversichtlich. Auch wenn die Organspendezahlen im zweiten Halbjahr 2012 massiv eingebrochen seien, zeichne sich in den vergangenen Monaten wieder eine stabilere Entwicklung ab: "Hochgerechnet müsste sich der bundesweite Rückgang Organspenden bei rund 13,5 Prozent einpendeln." Ob und zu welchem Zeitpunkt sich wieder mehr Menschen bereit erklären, ihre Organe zu spenden, ist aber laut DSO in nächster Zeit aber nicht abzusehen.