Es sind Zahlen, die niemand sehen will. Ohne eine Behandlung mit Antibiotika würden sich bis zu 40 Prozent aller Patienten, die eine neue Hüfte bekommen, im Krankenhaus eine schwere Infektion einfangen. Etwa ein Drittel von ihnen würde daran sterben. Viele Erfolge der modernen Medizin – seien es Transplantationen, Chemotherapien oder die Versorgung zu früh geborener Babys – wären ohne Antibiotika undenkbar.

Doch nach einem Dreivierteljahrhundert, in dem Antibiotika weltweit Millionen Menschenleben gerettet haben, wirken viele der Mittel nicht mehr. Es haben sich Bakterien entwickelt, die den Angriff der einzigen Keimtöter überleben. Forscher sagen: Die Keime wurden resistent. Wenn jetzt nicht weltweit gehandelt wird, könnte in wenigen Jahren eine post-antibiotische Ära anbrechen, warnen internationale Forscher um Otto Cars von der Universität Uppsala in Schweden im Fachblatt Lancet. Nachdem jahrzehntelang in der Human- und Tiermedizin allzu sorglos mit Antibiotika umgegangen wurde, müssen nun internationale Abkommen zum Schutz dieses wertvollen öffentlichen Guts geschlossen werden, fordern sie. Die Situation sei ähnlich dramatisch und komplex wie die globale Erwärmung.

Wie Resistenzen entstehen

Dass Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, kann niemand verhindern. Wenn eine Infektion behandelt wird, gibt es mitunter einige wenige Keime, denen das Mittel nichts anhaben kann – zum Beispiel weil in ihrem Erbgut eine zufällige Mutation auftrat oder weil sie Resistenzgene von anderen Erregern übernommen haben. Bleiben sie übrig, flammt die Infektion erneut auf. Das erste Mittel hilft nun nicht mehr, ein zweites muss her. Alexander Fleming, der Entdecker des Penicillins, warnte schon 1945 davor, dass Antibiotika nicht zu gering dosiert werden dürfen.

Zunächst schien das kein Problem zu sein, es gab scheinbar unendlich Nachschub. Bis 1970 kamen mehr als 20 neue Antibiotikaklassen auf den Markt. Dieses "Goldene Zeitalter" ist längst vorbei. Seit 1970 wurden gerade mal zwei Antibiotikaklassen entwickelt. Gegen gramnegative Bakterien – also jene Untergruppe, die Forschern besondere Sorgen bereitet – sind kaum neue Mittel in Sicht.

Die Situation in Europa

Bereits heute sterben Jahr für Jahr 25.000 Europäer an einer Infektion mit multiresistenten Bakterien, verkündet die europäische Seuchenbehörde ECDC anlässlich des Antibiotikatags am 18. November. Zwar konnten in den letzten vier Jahren Infektionen mit dem Krankenhauskeim MRSA zurückgedrängt werden. Aus Südeuropa kommen dafür gramnegative Erreger wie KPC und Acinetobacter-Arten nach, die gegen Reserve-Antibiotika resistent sind.

Auch fünf bis zehn Prozent der 2012 in Deutschland untersuchten Acinetobacter-Proben waren laut ECDC gegen Reservemittel resistent. Kommt ein Patient mit einem solchen multiresistenten Keim ins Krankenhaus, können die Ärzte ihn nur konsequent isolieren – zum Schutz der anderen. Ärzte aus Südkorea, Italien, Griechenland und Saudi-Arabien berichten, dass in einigen Fällen selbst Colistin, das allerletzte Mittel, nicht mehr hilft, heißt es im Lancet.

Unwissen schadet allen

Fast 90 Prozent der Deutschen wissen, dass Antibiotika unwirksam werden, wenn man sie ohne Sinn und Verstand schluckt. Trotzdem glauben 48 Prozent, dass Antibiotika etwas gegen Viren ausrichten können. 49 Prozent geben an, sie würden gegen Grippe und Erkältungen helfen. Beides ist falsch. Nur ein Fünftel konnte vier Fragen zu Antibiotika richtig beantworten. Das ergab der Eurobarometer der Europäischen Kommission, für den allein hierzulande mehr als 1.500 Interviews geführt wurden.

In Ost- und Südeuropa, Afrika, Südamerika und Asien sei die Lage noch ernster, schreiben Cars und seine Kollegen im Lancet. Die Menschen erwarten viel von Antibiotika, wissen aber wenig über sie. Zum Teil sind die Mittel nicht einmal verschreibungspflichtig. Was nicht aufgebraucht wurde, wird bei der nächsten Krankheit verwendet oder weitergegeben. So kommt es oft zu sinnlosen Therapien. Armut und Arzneimittelfälschungen tun ihr übriges, dass viele Menschen bei einer bakteriellen Infektion keine ausreichende Antibiotika-Dosis bekommen. Das Fatale: Resistenzen, die dort entstehen, finden ihren Weg rund um die Welt.