Einen halben Teelöffel Speichel ins zugeschickte Testtübchen stecken und ab damit ins Labor nach Übersee. Mehr muss niemand tun, um sein Erbgut von der Firma 23andMe durchforsten zu lassen. Sechs bis acht Wochen später ist das Ergebnis online abrufbar: Welche Krankheiten vererbe ich meinen Kindern, wie hoch ist mein Krebsrisiko, wie reagiere ich auf bestimmte Medikamente? Alles für 99 US-Dollar plus Versand, auf ein zweites Gentestkit gibt es 20 Prozent Rabatt.

"Je mehr Sie über Ihre DNA wissen, desto mehr wissen Sie über sich selbst", heißt es im TV-Spot, der im Sommer in den USA lief. Ein Versprechen, das nicht zu halten ist. Denn die rund 500.000 Kunden werden mit ihren genetischen Daten alleingelassen, die 23andMe freundlicherweise im Personal Genome Service, der privaten Datenbank des Kunden, auf dem Server der Firma speichert. Ein Arzt steht ihnen nicht zur Seite. Sie müssen zunächst selbst mit dem Wissen zurechtkommen, Anlagen für mitunter unheilbare Erkrankungen in sich zu tragen.

Das stört nun auch die US-Arzneimittelbehörde FDA. Man sei besorgt um die öffentliche Gesundheit. Mehr noch: Fehlerhafte Gentests könnten schlimmstenfalls tödlich enden, wenn Menschen falsche Informationen über tatsächliche oder vermeintliche Krankheitsrisiken von 23andMe erhalten würden. Die Behörde hat deshalb der Unternehmensleiterin Ann Wojcicki, eine offene Abmahnung zugestellt. 23andMe bewerbe sein Testkit und den zugehörigen Online-Analysedienst ohne nötige Genehmigung und verletze damit das Bundesgesetz Food, Drug and Cosmetic Act. Sollte die Firma nicht innerhalb von 15 Tagen nach Erhalt der Warnung bereits seit Langem eingeforderte Unterlagen und Studienergebnisse zu seinen Methoden vorlegen, behalte die Behörde sich Beschlagnahmungen, einstweilige Verfügungen und Geldstrafen vor. 

Die FDA hält einige Möglichkeiten, die der Personal Genome Service bieten soll, für "besonders beunruhigend". So erhalten Kunden von 23andMe etwa Informationen darüber, ob ihr Erbgut Mutationen in den BRCA-Genen enthält. Diese können Brust- und Eierstockkrebs begünstigen.

Was ein Gentest auslösen kann, der genau dieses Risiko angibt, erfuhr die Welt Mitte Mai von der Schauspielerin Angelina Jolie in der New York Times. Dort schrieb sie, dass sie eine Mutation im Brustkrebsgen BRCA1 geerbt habe. Sie ließ sich die Brüste amputieren, um nicht krank zu werden. Unter ihre Brustwarzen implantierten Ärzte Silikon. Sie kündigte auch an, sich ebenfalls die Eierstöcke entfernen zu lassen. Jolie schrieb, sie wolle sich den Herausforderungen im Leben stellen, "die wir annehmen und kontrollieren können".

Fehlerhafte Testergebnisse

Das Problem im Fall Jolie: Sie hat nichts kontrolliert. Jolie stellte sich nicht einer Erkrankung, die sie hatte, sondern die sie eines Tages hätte bekommen können. Sie reagierte auf eine Risikowarnung. Hunderte Mutationen haben Forscher bislang in den Brustkrebsgenen BRCA1 und BRCA2 entdeckt. Sie erhöhen das Risiko, dass Zellen zu wuchern beginnen und sich Tumoren bilden, auf bis zu 90 Prozent. Auf die gesamte Lebenszeit gerechnet. Wie groß die Gefahr einer Erkrankung tatsächlich ist, kann ein Gentest aber gar nicht ermitteln. Auch weil zahlreiche andere Gene das beeinflussen können. Jolies Fall ist zudem die Ausnahme: Höchstens fünf bis zehn Prozent aller Menschen mit Brustkrebs tragen überhaupt Anlagen für ihre Krankheit im Erbgut.   

Für die Analysen von 23andMe warnt die FDA nun vor falsch positiven oder falsch negativen Testergebnissen. Sie könnten unzumutbare Folgen für die Kunden haben, Erkrankungen und Verletzungen etwa erst auslösen oder gar zum Tod führen. Was ist, wenn der Gentest eine Mutation ausweist, die gar nicht da ist? Ein fehlerhaftes Ergebnis könnte gesunde Frauen so sehr ängstigen, dass sie sich für vorbeugende Amputationen, medikamentöse Behandlungen oder vermehrt für belastende Früherkennungsuntersuchungen (Screenings) entscheiden. Letztere sind gerade in der Brustkrebsvorsorge umstritten. Sie schlagen vor allem unter jungen Frauen zu häufig falschen Alarm. Umgekehrt wiegt sich zu Unrecht in Sicherheit, wer ein falsches Gentestergebnis erhält, laut dem kein riskante Brustkrebsvariante vorliegt.

Beunruhigt sind die US-Arzneiprüfer auch von 23andMe-Daten, die Kunden zeigen sollen, wie ihr Körper auf bestimmte Medikamente reagieren könnte. Das sei gefährlich für Menschen, die etwa gerinnungshemmende Arzneistoffe wie Wafarin oder Clopidogrel einnehmen. "Patienten, die sich auf solche Tests verlassen, könnten anfangen, ihre Behandlung selbst zu regeln, eigenmächtig Dosierungen verändern oder bestimmte Therapien ganz beenden." 

Werbung untersagt, Verkauf läuft weiter

Mehrfach hätten die Arzneiprüfer ihre Bedenken 23andMe mitgeteilt, im Brief ist von mehr als einem Dutzend Treffen die Rede, Hunderten E-Mails und zahlreichen Briefen. Die FDA sei bis heute nicht überzeugt davon, dass der Gentest der Firma einwandfrei funktioniere, stattdessen habe das Unternehmen sie wiederholt vertröstet. Anstatt die geforderten Informationen zu liefern, startete die Firma sogar noch eine TV-Kampagne im August, um seine Gentests zu verkaufen. Damit ist nun Schluss. Bis auf Weiteres darf 23andMe nicht mehr für seine Testkits werben. Erhältlich sind sie derzeit noch.

Die amerikanische Arzneiaufsicht hat sich selbst viel Zeit gelassen, um zu reagieren. Seit fünf Jahren bewirbt 23andMe seine Tests. In der Vergangenheit gab es bereits Berichte über vertauschte Proben. Auf die Abmahnung der FDA reagierte die Gentest-Firma mit einer kurzen Mitteilung: Man habe den Erwartungen der FDA nicht entsprochen, sei aber entschlossen, nun alle Bedenken auszuräumen.

Sichere Ergebnisse für unheilbare Erkrankungen

23andMe ist längst nicht die einzige Firma, die weltweit komplette DNA-Analysen für Laien verkauft. Auch die isländische Firma DeCODE Genetics oder das amerikanische Unternehmen Life Technologies bieten die privaten Gentests an. Generell sind sie in Deutschland nicht zugelassen, allein Ärzte dürfen in intensiver Absprache mit ihren Patienten Gentests für diese veranlassen. Allerdings kann sie online jeder kaufen. Labore überall auf dem Globus arbeiten heute mit mehr als tausend solcher einzelnen Tests, die etwa Erbkrankheiten aufspüren können.

Nur im Falle bestimmter Gendefekte können die Untersuchungen sichere Ergebnisse liefern. Darunter zählen etwa unheilbare Erkrankungen wie Morbus Huntington oder die erblich bedingten Formen von Alzheimer und Parkinson. Wer hier positiv getestet wird, kann nichts tun, um die Leiden zu verhindern oder hinauszuzögern. Alle treten meist ab einem Alter von 50 Jahren auf. Schlimmstenfalls kann ein Gentest also nur die Möglichkeit sein, um für eine künftige Krankheit vorzusorgen. Er liefert die Gewissheit, eines Tages zu erkranken. Ein großer psychischer Druck.

Es gibt sicherlich Gründ,e sich für einen Gentest zu entscheiden, aber ebenso viele, die dagegen sprechen. Deshalb forderte der Ethikrat in Deutschland zuletzt auch EU-weite Regelungen, um Menschen vor dem Gebrauch privater Gentests, wie sie 23andMe verkauft, zu schützen.