Der Embryo einer Maus, gezüchtet aus jungen Stammzellen, die mit einer neuen Methode gewonnen wurden: Forscher drehten die Lebensuhr fast ausgewachsener Zellen zurück, indem sie Säure nutzten. © Haruko Obokata

Sind Zellen einmal erwachsen, ist es gelaufen. Dann fristen sie ihr Dasein als einer von Millionen Bausteinen in einem Stück Haut, Haar oder Hirn, ohne große Chancen, es noch zu etwas anderem zu bringen. Umschulungen sind im Reich der Zellen selten. Nur wer frisch auf der Welt ist, dem stehen alle Wege offen.

Stammzelle müsste man sein, formbar und flexibel. Nur, wer als Zelle noch "pluripotent" ist – so nennen es Forscher – hat das Zeug, alle möglichen Jobs in einem Lebewesen zu übernehmen und dabei Großes zu leisten. Sich zu Hirnzellen entwickeln zum Beispiel und so abgestorbenes Gewebe im Kopf von Alzheimer-Patienten ersetzen.

Alles Jobs, die Forscher nur zu gern dem Zellnachwuchs überlassen würden. Deshalb fummeln sie seit Jahrzehnten an erwachsenen Zellen herum, um sie zu verjüngen. Die Alternative sind "embryonale Stammzellen", aber um die zu bekommen, müssen befruchtete Eizellen sterben – ein umstrittenes Verfahren.

Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht

Was ein Team aus Japan jetzt geschafft hat, dürfte die Gemeinde der Zellverjünger verblüffen. Sie ließen Mäusezellen in einer sauren Kulturflüssigkeit* baden – und nach nur einer halben Stunde waren die wie neugeboren. Wie unbeschriebene Blätter, einfach zurück auf Start versetzt, bereit, um als Nerven-, Haut- oder Darmzelle ein neues Leben anzufangen.

Im Magazin Nature beschreiben die Forscherin Haruko Obokata und ihre Arbeitsgruppe vom Riken-Center für Entwicklungsbiologie im japanischen Kobe, wie der Badezusatz zur Zellverjüngung genau funktioniert.

Die neue Methode besticht durch ihre Einfachheit: ein wenig chemischer Stress für die Zellen, indem sie vorübergehend in einer sauren Lösung schwimmen. Die Flüssigkeit hatte mit 5.4 bis 5.8 einen ähnlichen pH-Wert wie verdünnte Zitronensäure*. Durch das Bad darin gaben die Zellen ihre Spezialisierung auf, berichten die Forscher. Die veränderten Zellen nennen sie STAP-Zellen, kurz für stimulus-triggered acquisition of pluripotency, oder auf Deutsch das Entstehen von Pluripotenz durch einen Reiz.

Der Haken: Bisher funktioniert das Verjüngungsbad nur mit Mäusezellen, die ohnehin noch recht jung sind – also noch nicht ganz ausgereift. "Das sind sehr faszinierende Ergebnisse, die zeigen, dass man auch mal mit einem völlig anderen Ansatz an die Dinge herangehen muss", sagt James Adjaye, der das Institut für Stammzellforschung und Regenerative Medizin an der Uniklinik Düsseldorf leitet. Der Molekularbiologe warnt jedoch vor zu großer Euphorie. Ob das Ganze auch bei Menschen klappen würde, steht in den Sternen. Ihre Badeprozedur probierte die Obokata-Gruppe zwar an verschiedenen Geweben wie Hirn, Lunge, Milz, Haut oder Knochenmark aus. Das jedoch ausschließlich an Mäusen.  

Mäuse sind eben keine Menschen

"Erst wenn das alles mit menschlichen Zellen jeden Alters aus unterschiedlichen Geweben funktioniert, kann man von einem Durchbruch sprechen", sagt Adjaye. Weiterverfolgen müsse man diesen neuen Ansatz aber auf jeden Fall.

Adjaye ist durch die Arbeit der Japaner aber noch auf einen ganz anderen Gedanken gekommen: "Wenn die Zellen im Experiment auf Säure reagieren, was macht es dann aus, wenn sie in einem sauren Milieu leben – in unserem Körper? Wie verändert sich der Zellkern, wenn wir dort den ph-Wert durch was auch immer verändern? Wie steht das vielleicht im Zusammenhang mit der Entwicklung von Tumoren und Krebs?"