Ein autistischer Junge nähert sich einem Pferd. Das ist Teil einer Therapie, in der er lernen soll, mit äußeren Enflüssen umzugehen. © Enrique De La Osa/Reuters

Manche Autisten meiden den Kontakt zu anderen, sprechen kaum oder gar nicht. Andere haben außergewöhnliche Fähigkeiten, sind fokussiert, mathematisch hochbegabt. Ihnen allen ist gemein, dass sie sich schwer in andere hineinversetzen können. Sie kommunizieren auf ungewohnte Weise mit ihrem Gegenüber. Unter Autisten und Menschen mit Entwicklungsstörungen sind Ausnahmetalente und welche, deren geistige Fähigkeiten stark eingeschränkt sind. So unterschiedlich sie auch sein mögen, eines ist konstant auffällig: Es gibt mehr Männer unter ihnen als Frauen.

So treten autistische Störungen viermal häufiger unter Jungen und Männern auf als unter Mädchen und Frauen. Besonders stark autistische Menschen sind sogar bis zu siebenmal häufiger männlich (Fombonne, 2009). Zudem werden zwischen 30 und 50 Prozent mehr Männer als Frauen wegen geistiger Behinderungen behandelt (Stevenson & Schwartz & Schroer, 2000). 

Seit Jahren diskutieren Experten die weibliche Schutzwirkung, wie sie es nennen. Erst kürzlich entdeckten Forscher sie wieder unter zweieiigen Zwillingskindern. Offenbar liegt die Schwelle im Körper von Mädchen und Frauen höher, ab der sich autistische Züge überhaupt erst zeigen, als beim anderen Geschlecht (Robinson et al., 2013).

Trotz mehr Mutationen weniger Symptome

"Diese Tatsache ist verblüffend", sagt der Mediziner und Genetiker Sébastien Jacquemont von der Uniklinik Lausanne in der Schweiz. Zufällig entdeckte er erstmals im Erbgut Hinweise auf die Schutzwirkung und hat seine Ergebnisse nun im American Journal of Human Genetics (Jaquemont & Eichler, 2014) veröffentlicht. Eigentlich wollte Jaquemont ergründen, welche Mutationen im Erbgut zusammenspielen müssen, damit sich geistige Schwächen und Autismus zeigen. Dann sei er über eine besondere Beobachtung gestolpert. "Einfach ausgedrückt, funktionieren Frauen insgesamt viel besser als Männer in ihrer Hirnentwicklung, wenn sie von einer ähnlichen Mutation betroffen sind."

Zusammen mit seinen Kollegen analysierte der Mediziner DNA-Proben von 15.585 Menschen, denen Ärzte eine Entwicklungsstörung diagnostizierten. Weiteres Erbgut stammte von 762 Familien, in denen Autisten leben. Derart große Gruppen wurden bislang nie untersucht, weshalb sich der Geschlechterunterschied in vorherigen Studien nicht immer gezeigt hatte (Goin-Kochel & Abbacchi & Constantino, 2007).

Jacquemonts Resultate überzeugen auch Kollegen, die nicht an der Studie beteiligt waren. "Es zeigt sich, dass Frauen mit Entwicklungsstörungen im Schnitt nicht nur mehr Mutationen im Erbgut haben als Männer mit der gleichen Diagnose, sondern auch mehr schwere Mutationen", sagt Joris Veltman. Der Genetik-Professor erforscht an der niederländischen Radboud Universität Nijmegen Erbkrankheiten.