ZEIT ONLINE: Die Süddeutsche Zeitung berichtet, es käme in Deutschland vor, dass Menschen für tot erklärt und als Organspender freigegeben würden, ohne dass deren Hirntod sicher festgestellt wurde. Herr Bettolo, was bedeutet es genau, wenn ein Patient hirntot ist?

Wolfgang Bettolo: Das Gehirn als Steuerungsorgan hat einen Komplettausfall erlitten und alle Lebensfunktionen, für die es zuständig ist, sind erloschen. Dazu gehören zum Beispiel die Atmung, aber auch die Reaktion auf Schmerzen und bestimmte Reize. Berührt man etwa mit einem Stäbchen den Rachen eines Menschen, müsste der sofort husten und würgen. Ein Patient, der hirntot ist, hat diesen Reflex nicht mehr.

ZEIT ONLINE:
Wie genau läuft das Prozedere ab, wenn der Hirntod festgestellt werden soll, damit Organe für eine Transplantation entnommen werden können?

Bettolo: Zuallererst müssen alle Ursachen ausgeschlossen werden, die einen Hirntod vortäuschen könnten. Dazu gehören etwa eine Narkose, Vergiftungen, bestimmte Schmerzmedikamente oder extreme Unterkühlung. Ist das alles geklärt, untersuchen zwei Ärzte unabhängig voneinander die Körperfunktionen. Das geht streng nach einem festgelegten Formular.

ZEIT ONLINE: Was wird genau untersucht?

Bettolo: Dazu gehören Tests der Schluck- und Schmerzreflexe ebenso wie zu kontrollieren, ob die Pupillen sich verengen, wenn man sie anleuchtet. Abschließend wird noch der Apnoetest gemacht, für den die Beatmung ausgesetzt wird. Normalerweise fängt ein Mensch reflexartig an zu atmen, wenn der CO2-Gehalt im Blut einen gewissen Wert übersteigt. Geschieht das nicht mehr, ist das ein weiteres Indiz, dass der Hirntod eingetreten ist.

ZEIT ONLINE: Wie oft nehmen Sie solche Beurteilungen vor?

Bettolo: Im Schnitt sind es rund 40 Hirntod-Diagnosen pro Jahr hier in unserem Klinikum. Davon führen aber nur etwas mehr als zehn Fälle zu einer tatsächlichen Organentnahme. Ein Krebspatient nach einer intensiven Chemotherapie zum Beispiel kommt als Organspender nicht infrage, auch wenn er vor seinem Tod sein Einverständnis gegeben hat.

ZEIT ONLINE: Worin liegen die Schwierigkeiten der Hirntod-Diagnose?

Bettolo: Wenn so ein Fall eintritt, muss der Arzt das gesamte Prozedere und alle Einflussfaktoren parat haben. Wenn man das als Arzt zu selten macht, weil man in einer kleineren Klinik arbeitet, kann einem theoretisch etwas entgehen. Denkbar ist zum Beispiel, dass derjenige vergisst, Vergiftungen oder Ähnliches vor der Untersuchung auszuschließen. Meine Erfahrung zeigt aber etwas anderes: In kleineren Krankenhäusern wird oft gar nicht erst das Prozedere für eine Organentnahme eingeleitet, weil der Fall so selten ist, dass die Ärzte daran gar nicht denken oder sich den Diagnoseweg, der dafür nötig ist, nicht zutrauen.

ZEIT ONLINE:
Was würde passieren, wenn jemand fälschlich für hirntot erklärt wird?

Bettolo: Ein Patient müsste schon im tiefen Koma sein, dass so etwas passieren könnte. Er würde also gar nichts spüren. Diese Sorge, jemand könnte wach miterleben, wie seine Organe entnommen werden, ist eine Mär. Medizinisch gibt es dafür keine Grundlage. Selbst wenn jemand während der Entnahme noch mit dem Arm zuckt, ist das nur ein Reflex, der nicht mehr vom Hirn unterdrückt wird. Es ist kein Zeichen dafür, das dieser Mensch noch bei Bewusstsein ist.

ZEIT ONLINE: Kennen Sie denn Fälle, in denen es beinahe zu einer Falschdiagnose kam?

Bettolo: Nein, ich kenne keinen einzigen Fall. Ich mache das jetzt seit 18 Jahren und habe das nie erlebt und kann guten Gewissens für unser Klinikum sagen, dass die maximalen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, damit das nicht passiert.

ZEIT ONLINE: Wäre es denkbar, dass jemand fälschlich für hirntot erklärt wird, obwohl er hätte weiterleben können?

Bettolo: Ich kann nichts über einen solchen Fall sagen, in dem alle vorhandenen Sicherheitsmechanismen versagt haben müssten. Aber für mich persönlich und unser Krankenhaus kann ich so etwas vollkommen ausschließen.