Sind im britischen Nightlife also nur noch Zugedröhnte unterwegs? Sicher müssen solche Zahlen mit Vorsicht genossen werden: Das Independent Scientific Committee on Drugs hat vor allem die Medien davor gewarnt, über die Ergebnisse von Internetumfragen zu Drogen unkommentiert zu berichten. Schon allein, weil online nicht zwingend ehrliche Antworten gegeben werden. Es gebe zudem Belege für einen Nachahmereffekt. Dennoch kommen solche Erhebungen der Wahrheit wohl insofern nahe, als dass sie Drogen nicht als Auswüchse einer kriminellen Gossenwelt spiegeln. Sondern als kulturelles Phänomen, das wesentlich verbreiteter ist, als bislang auch nur vermutet. Zumindest in Großbritannien. 

Wie es damit in Deutschland aussieht, darüber soll der aktuelle Global Drug Survey Auskunft geben, zu dem auch ZEIT ONLINE aufgerufen hatte. Im April 2014 werden die Ergebnisse veröffentlicht. Allein in Deutschland haben sich mehr als 20.000 Menschen an der Befragung beteiligt, so viele wie in keinem anderen Land.

Ganz gleich, was dabei herauskommt: Gerade in Deutschland fällt das Umdenken schwer. "Trotz der wachsenden Zweifel werden wir hier sobald keine Entscheidungen zur Entkriminalisierung oder Regulierung von Drogen erleben", sagt Heino Stöver von der Fachhochschule in Frankfurt am Main. Der Sozialwissenschaftler berät die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen und befasst sich seit drei Jahrzehnten mit Drogen. Im vergangenen Jahr hat er für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung ein ausführliches Gutachten über mögliche neue Wege in der Drogenpolitik erstellt.

Drogenpolitik gehört auf wissenschaftliches Fundament

Eine schrittweise Regulierung von Cannabis hin zu einer legalisierten Abgabe an Erwachsene brächte demnach die größten Vorteile – und zwar nicht nur für die Konsumenten. Wie andere internationale Experten hält Stöver es für wahrscheinlich, dass sich andere Problematiken, etwa mit Alkohol oder Heroin, auf diese Weise sogar mildern ließen. Nötig sei allerdings, die Drogenpolitik endlich auch auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen.

Doch während sich viele hochrangige Suchtspezialisten, Psychiater und Neurologen etwa in Großbritannien längst von der moralisierenden Prohibitionskultur der Politik emanzipiert haben, Veränderung fordern und evidenzbasierte, also dem Kenntnisstand entsprechende Informationen über Drogen bereitstellen, lassen sich die wissenschaftlichen Experten in Deutschland noch nicht recht auf solche Schritte ein. "Das trauen sich die wenigsten, vor allem aus Angst, als unseriös verurteilt zu werden", sagt Stöver. "Die Widerstände gegen ein Ende der Prohibition sind noch zu groß."

Es sind stattdessen Polizeigewerkschaften und Strafrechtler, die sich für die überfälligen Reformen einsetzen und im ersten Schritt eine Entkriminalisierung fordern – teilweise tun sie das schon länger als die Global Commission on Drug Policy, die den Krieg gegen die Drogen vor drei Jahren für gescheitert erklärte. Die deutsche Regierung hängt dennoch weiter an der einfachen Formel, und sei sie noch so logikbefreit. Lange kann es nicht mehr so bleiben.

ZEIT ONLINE hat seine Leser gefragt: Nehmen Sie Drogen?  Mehr als 22.000 Menschen in Deutschland haben sich an der Online-Umfrage Global Drug Survey 2014  beteiligt. Daraus ist der ZEIT-ONLINE-Drogenbericht entstanden.

Alle Hintergründe, Grafiken und Ergebnisse zum ZEIT-ONLINE-Drogenbericht 2014 © ZEIT ONLINE

Nie zuvor haben mehr Deutsche so detailliert beschrieben, was sie rauchen, schnupfen, trinken und einwerfen. Hier finden Sie alle Ergebnisse der Umfrage sowie weitere Grafiken und Artikel zu Drogen in Deutschland.

Update: Der Global Drug Survey 2015 hat begonnen. Nehmen Sie bis zum 20. Dezember 2014 an der weltweit größten Umfrage zum Drogenkonsum teil und helfen Sie mit, Drogenkonsum sicherer zu machen (Lesen Sie hier mehr).

Die Ergebnisse werden wir Ihnen im Sommer 2015 exklusiv auf ZEIT ONLINE vorstellen. Folgen Sie der Umfrage auch auf Twitter via #GDS2015 und @GlobalDrugSurvy. Berichte und Hintergründe zum Thema auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.