Zahnpflege in der 24-Stunden-Kita "Nidulus" in Schwerin © Jens Büttner/dpa

Erwachsene haben in Deutschland immer gesündere Zähne – Kinder im Vorschulalter dagegen leiden immer häufiger unter frühkindlichen Zahnschäden. Nach Angaben von Zahnärzte-Organisationen haben  10 bis 15 Prozent der Kleinkinder Milchzahnkaries. Dies sei "die häufigste Erkrankung von Kleinkindern", sagte Wolfgang Eßer, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung der Süddeutschen Zeitung. Auch der Vize-Präsident der Bundeszahnärztekammer, Dietmar Oesterreich, hält die Entwicklung für verheerend: "Wir kommen da nicht voran."

Bereits bei Zwei- und Dreijährigen, so Christian Splieth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde, müssten Milchzähne gezogen oder Wurzeln gefüllt werden. Hauptursache für die Karies sei das permanente Saugen vieler Kleinkinder an der Nuckelflasche, gefüllt mit Saft oder gesüßtem Tee. Hinzu kommt, dass die Zähne schlecht und in manchen Familien gar nicht geputzt werden.

Ein besonderes Problem sei das Unwissen über Zahnpflege in sozial schwachen und bildungsfernen Elternhäusern. "Zwei Prozent der Kinder vereinen 52 Prozent des Kariesbefalls auf sich", schreiben die Zahnärzte-Organisationen. Ihnen zufolge komme Karies in sozialen Brennpunkten bei bis zu 40 Prozent der Kleinkinder vor.

Verbindliche U-Termine auch beim Zahnarzt

Die Folgen von Milchzahnkaries sind schwerwiegend, Wissenschaftler konstatieren eingeschränkte Lebensqualität der Kinder. "Karies ist für die betroffenen Kleinstkinder oft sehr schmerzhaft", sagte Splieth. "Der frühzeitige Verlust von Milchzähnen beeinträchtigt das Kauvermögen, behindert die Sprachentwicklung und Entwicklung der bleibenden Zähne." Umso wichtiger sei eine Betreuung durch den Zahnarzt vom ersten Milchzahn an. Durch die Gruppenprophylaxe in den Kindergärten könnten aber nicht alle gefährdeten Kinder erreicht werden.

Die Organisationen wollen erreichen, dass Zahnärzte bereits Kinder ab einem Alter von sechs Monaten verbindlich und regelmäßig in ihren Praxen untersuchen. Ähnlich wie die U-Termine beim Kinderarzt sollen auch drei systematische zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen eingeführt und im "gelben Heft" für ärztliche Kinderuntersuchungen dokumentiert werden. Bisher ist das erst ab zweieinhalb Jahren vorgesehen, bis dahin sind die Kinderärzte zuständig.

Skepsis bei den Krankenkassen

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) reagierte mit Unverständnis auf die Forderung der Zahnärzte. Es gebe nicht "die eine, alles verändernde Maßnahme", um frühkindliche Karies zu reduzieren, sagte die stellvertretende Verbandssprecherin Ann Marini. "Rivalisierende Konzepte verschiedener ärztlicher Professuren helfen da also nicht." Die Barmer GEK hingegen will die Früherkennung bei Kindern flächendeckend ausweiten und zahnärztliche Untersuchen schon ab sechs Monaten ermöglichen. Auf regionaler Ebene wurden demnach bereits seit vergangenem Jahr solche zusätzlichen Untersuchungen vereinbart.

Unterstützung bekommen die Zahnärzte dagegen vom Deutschen Hebammenverband. "Nach der Geburt interessieren sich Mütter besonders stark für Informationen, die die Gesundheit ihrer Babys betreffen", sagte Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des DHV. "Die Erfahrungen der Hebammen zeigen jedoch, dass die Mütter dabei zu selten an die Mundhygiene denken." Umso wichtiger sei es, sowohl die Zahngesundheit der Mutter in der Schwangerschaft als auch die Vorsorge beim Kind noch stärker zu thematisieren.