Sie haben mit einem der tödlichsten Baustoffe gearbeitet, die es gibt – oft, ohne es zu wissen und mit schwerwiegenden Folgen. Tausende Menschen in Deutschland sind an Krebs erkrankt, weil sie in den sechziger oder siebziger Jahren auf Baustellen mit Asbest gearbeitet haben. Der Stoff erzeugt nachweislich Tumore und andere schwere Krankheiten. Dennoch werden weniger als ein Viertel der Betroffenen entschädigt. Zu aufwendig ist es für sie, das Leiden als Berufskrankheit anerkannt zu bekommen.

Mit einem Antrag wollen Ärzte, Krebs-Forscher und Gewerkschaften die Bundesregierung daher dazu bringen, den Nachweis für die Berufserkrankung zu erleichtern. Bereits Ende Februar hatten sie dazu auf dem Deutschen Krebskongress eine Berliner Erklärung vorgestellt, in der sie auf einen Gesetzeswandel drängen. Internationale Krebs- und Gesundheitsorganisationen, wie die Union for International Cancer Control, unterstützen das Schreiben. Doch nun gibt es Widerstand aus den eigenen Reihen: Die Deutsche Krebsgesellschaft will den Antrag so nicht unterstützen. 

"Wir sind irritiert, dass die Deutsche Krebsgesellschaft erst einmal weitere Gespräche mit den Berufsgenossenschaften führen will", sagt Evelyn Glensk, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Asbestose-Selbsthilfegruppen und Koordinatorin des Antrags. "Immerhin sind es die Berufsgenossenschaften, die nach unserer Erfahrung viel zu viele Asbest-Kranke als nicht berufskrank ablehnen." Auch die IG Metall kommt in ihrem Schwarzbuch Berufskrankheiten zu dem Ergebnis, dass Betroffene oft erst vor Gericht zu ihrem Recht kommen. "Wenn wir es jetzt schaffen, die Beweislast für Betroffene zu erleichtern, würde das Tausenden Menschen nutzen", sagt Glensk.

Asbest, der giftige Wunderbaustoff

Obwohl Asbest hierzulande seit mehr als 20 Jahren verboten ist, zeigen sich die gesundheitlichen Folgen bei vielen erst jetzt. "Bei Menschen, die vor 30, 40 oder gar 50 Jahren mit Asbest gearbeitet haben, bricht aufgrund der langen Latenzzeiten heute der asbestbedingte Krebs aus", heißt es in der Berliner Erklärung. In Zahlen bedeutet das: Knapp 3.700 Asbest-Kranke wurden im Jahr 2012 neu als berufskrank anerkannt, mehr als 1.500 starben innerhalb desselben Jahres. Hinzu kommt die Dunkelziffer an nicht gemeldeten oder nicht anerkannten Betroffenen.

"Die Höchstzahl der Asbest-Kranken wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren erreicht", sagt Hans-Joachim Woitowitz, der seit mehr als 45 Jahren an den Magnesium- und Eisen-Silikaten forscht. Schon früh warnte der Arbeitsmediziner vor den Gefahren durch die feinen Fasern und forderte, diese offiziell anzuerkennen.

Der Asbest-Boom des 20. Jahrhunderts ist eine der größten Katastrophen in der Industriegeschichte. Als "Wunderfaser" oder "Faser der 1.000 Möglichkeiten" priesen Firmen den Stoff damals an. In gewissem Sinne zu Recht: Weißasbest beispielsweise – dieser wurde in Deutschland am meisten verbaut – ist feuerfest, säurebeständig, stärker als Stahl, leicht zu verarbeiten, isolierend gegen Wärme, Kälte, Nässe und Schall und extrem billig. 

Ab Mitte der sechziger bis in die achtziger Jahre wurden jährlich etwa 170.000 Tonnen der Fasern in der Bundesrepublik und bis zu 70.000 Tonnen in der DDR zu Fußböden, Dämmmaterial, Feuerschutz, Bremsbelägen und vielem mehr in Gebäuden, Schiffen und Autos verarbeitet.    

Doch was den Stoff für das Baugewerbe so besonders macht, ist für den menschlichen Körper gefährlich. Der kann Asbest-Fasern nämlich nicht vollständig abbauen. Sie dringen in die Lunge ein, Abwehrzellen sterben bei dem Versuch, die Fasern zu entfernen, verklumpen und führen zu Narben- oder Tumorbildung. Bis die Krankheiten ausbrechen, vergehen meist 30 Jahre oder mehr. Dann nimmt die Lunge so großen Schaden, dass die meisten Patienten innerhalb weniger Jahre sterben. Heilungsmöglichkeiten gibt es nicht.

Die Fasern noch Jahre nach dem Kontakt im Gewebe aufzuspüren, ist schwierig. "Der Körper baut Teile der Weißasbestfasern ab, so dass sie zerfallen", erklärt der Arbeitsmediziner Woitowitz. "Sie zerstören das Gewebe, sind aber Jahrzehnte später nicht mehr nachweisbar." Im Fachjargon heißt diese Wirkweise auch "Fahrerfluchtphänomen". 

Diagnostiziert ein Arzt eine Erkrankung und vermutet die Arbeit als Ursache, ist er verpflichtet, einen Antrag auf Überprüfung bei der zuständigen Berufsgenossenschaft zu stellen. Diese ermittelt mithilfe des Erkrankten, eigener Datenbanken und Gutachter, ob nach ihrer Sicht eine Berufskrankheit vorliegt. Wird einer der vier möglichen Asbest-Berufskrankheiten anerkannt, bekommt der Betroffene Therapien, Reha-Maßnahmen und gegebenenfalls eine Rente finanziert. Falls nicht, ist er mit seiner Krankheit auf sich allein gestellt.