Ist Reiten gefährlicher als Ecstasy?

Es ist gerade fünf Jahre her, da erfuhren die Leser des britischen Fachblatts Journal of Psychopharmacology erstmals von einer zuvor unbekannten Sucht: Equasy. Der Rausch aus Adrenalin und Endorphinen hatte eine Frau Anfang 30 zum neurologischen Krüppel gemacht. Ihr Gehirn war permanent beschädigt, ihre Persönlichkeit verändert. Der Autor des Artikels hatte die Patientin nicht nur behandelt, er verglich die Folgen der neuen Sucht auch mit einem ähnlichen Rauschmittel, das als besonders schädlich gilt: Ecstasy (Nutt et al., 2009).

Die Clubdroge, auch MDMA genannt, zeigte sich in dem Vergleich weit weniger gefährlich als die Droge, die zum Equine Addiction Syndrome, kurz Equasy führt – und die bis heute nicht nur legal ist, sondern bei Millionen Menschen beliebt: Reiten. Solche Vergleiche werden vor allem als Provokation verstanden. Dem Autor ging es jedoch um wesentlich mehr. Er wollte eine rationale Basis in die Drogendebatte bekommen, in der es ja immer wieder um potenzielle Schäden für Gehirn und Körper geht und darum, diese Schäden unbedingt verhindern zu wollen. Können strikte Verbote das bewerkstelligen? Falls ja, warum sind gefährliche Hobbys wie Reiten dann nicht verboten?

Es ist grundsätzlich schwierig, die Schädlichkeit einer Droge einzuordnen. So definiert das deutsche Betäubungsmittelgesetz (BtMG)  – abgesehen von einer möglichen Abhängigkeit – die Folgen im Falle missbräuchlicher Verwendung einer betreffenden Substanz als "unmittelbare oder mittelbare Gefährdungen der Gesundheit". Für zahlreiche Drogen sind diese Risiken allerdings gar nicht umfassend geklärt. Ecstasy etwa rangiert im BtMG neben Heroin, Kokain und Crystal Meth als "nicht verkehrsfähig und nicht verschreibungsfähig". Aber ist Ecstasy wirklich so gefährlich?


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Es kann zwar während des Rausches zu Überhitzung und nachfolgend zum Tod führen, aber nicht als Folge der Droge selbst, sondern weil die Betreffenden wegen der erhebenden Wirkung des Mittels weniger Durst verspüren. Sie trinken oft zu wenig, während sie sich die Seele aus dem Leib tanzen. Menschen mit Herzproblemen haben ein besonders hohes Risiko. Zugleich treten solche extremen Ereignisse seltener auf, als es Titeleien wie Russisches Roulette nahelegen: Von den jährlich rund 1.000 Drogentoten in Deutschland (zu denen die 70.000 Alkoholtoten und 110.000 Tabaktoten nicht gezählt werden), entfallen laut dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung weniger als zehn auf Ecstasy.

MDMA beeinträchtigt Nervenzellen

Was die Droge in den Körpern ihrer Konsumenten anrichtet, bleibt derweil diffus. Das Abhängigkeitspotenzial ist zwar sehr gering, weit kleiner zumindest als jenes von Alkohol oder den klassischen Amphetaminen (Nutt et al., 2007). Dennoch scheint sicher zu sein, dass der Konsum von MDMA die Funktion einer bestimmten Klasse von Nervenzellen beeinträchtigt. Sie werden überstimuliert, indem Ecstasy die Wiederaufnahme von Serotonin verhindert. Der Botenstoff wirkt stimmungsaufhellend, ein Mangel davon steht seit Jahrzehnten in Verdacht, an der Entstehung von Depressionen beteiligt zu sein. 

Tierversuche haben gezeigt, dass wiederholter Ecstasy-Konsum die Serotonin-Wiederaufnahmemechanismen dauerhaft schädigt. Wie es um den neurotoxischen Effekt im menschlichen Körper steht, ist umstritten. Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass ehemalige MDMA-Konsumenten zumindest langfristig keine Schäden am Serotonin-Transportersystem im Gehirn erleiden (Selvaraj et al., 2009).