Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften, die mit Drogen assoziiert werden: Kriminalität. Milieu. Abstieg. Verfall. Am engsten aber ist mit Drogen der Begriff der Abhängigkeit verbunden. Drogen machen vieles, aber vor allem machen sie süchtig. Ist das wirklich so?

Die meisten Menschen nehmen täglich Drogen, um ihre Hirnchemie zu manipulieren: Morgens blockiert eine Tasse Kaffee ihre Adenosinrezeptoren, später drückt ein Schokoriegel auf die Endorphinknöpfe. Sport verstärkt den Schokoladeneffekt zum Feierabend. Zum Essen erhöht dann ein Glas Wein die Konzentration von Gamma-Aminobuttersäure und löst die Anspannung des Tages. Und obwohl diese kleinen Kicks ihren festen Platz im Leben vieler Menschen haben, machen sie nicht – oder nur selten – abhängig. Wer dagegen zur Zigarette greift, um seine Acetylcholinrezeptoren zu stimulieren, hat sehr schnell ein Problem. Weil er auf die nächste Kippe nur schwerlich wird verzichten können.

Abhängigkeit ist ein Phänomen, das erst seit Kurzem erforscht wird. Es ist gar nicht so lange her, da betrachtete man es noch nicht einmal als psychisches Problem. Bis ins 19. Jahrhundert etwa galten Esssucht und Alkoholismus als schlichte Laster oder sogar als Todsünde. Mit der Verbreitung höherpotenter Substanzen im 20. Jahrhundert veränderte sich die Perspektive, die Psyche rückte in den Mittelpunkt. An der Wertung rüttelte das kaum: Nur schwache Charaktere wurden süchtig, hieß es. Ein starker Wille reiche aus, um jeder Abhängigkeit zu entkommen.


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Die drei Wege in die Abhängigkeit

Was genau unter einer Droge verstanden wurde, blieb dabei manchmal eine Frage des Wunschdenkens: Tabak, bis heute eine der verbreitetsten und auch der schädlichsten Substanzen überhaupt, galt über viele Jahrzehnte hinweg lediglich als Genussmittel, dessen offenkundiges Suchtpotenzial komplett ausgeblendet blieb.

Heute finden Suchtforscher immer mehr Hinweise darauf, dass sich Abhängigkeiten letztlich durch eine veränderte Physiologie im Belohnungssystem des Menschen manifestieren. "Im Mittelpunkt stehen hier zwei bestimmte Strukturen im Gehirn. Zum einen die, in denen Gefühle der Freude entstehen und empfunden werden, und zum anderen jene, die die neurobiologische Grundlage des sogenannten Suchtgedächtnisses bilden", erklärt der Psychiater und Suchtmediziner Thomas Hillemacher von der Medizinischen Hochschule Hannover. Zentraler Botenstoff dabei sei das Dopamin, welches allerdings noch unter dem Einfluss anderer Systeme im Gehirn stehe. Dopamin gilt als Glückshormon.

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Während die Abhängigkeit selbst offenbar einem gemeinsamen Muster folgt, sind die Wege dahin vielfältig und im Wesentlichen von drei Faktoren geprägt: Einen wichtigen Einfluss übt das soziale Umfeld eines Menschen aus, wie akzeptiert der Konsum eines Rauschmittels dort ist, und wie leicht jemand Zugang zu der Droge erhält. Im Fall von Nikotin etwa sind Akzeptanz und Verfügbarkeit bis heute relativ groß. Entscheidend ist außerdem die Droge selbst: Ihre Wirkungsmechanismen im Gehirn bestimmen über das High, über die Entzugserscheinungen, darüber, ob und wann die Dosis gesteigert werden muss. Für das Abhängigkeitspotenzial einer Droge ist der Rausch übrigens nicht entscheidend: Kaum ein Stoff etwa macht schneller süchtig als das allgegenwärtige Nikotin. Cannabis dagegen, dessen Legalisierung von der Politik oft unter Verweis auf die Abhängigkeitsrisiken strikt abgelehnt wird, macht selbst bei regelmäßigem Konsum nur in einem von neun Fällen abhängig.